Tag Archives: Begegnungen

Pass auf, was Du Dir wünscht – es könnte Wirklichkeit werden!

15 Mrz

Diesen Beitrag hielt ich am 13.03.2017 in freier Rede, so oder so ähnlich, im Toastmasters Club Speakers Corner in München:

Wer von Euch hat schon mal von den „Wünschen an das Universum“ gehört? Oder sie sogar auch schon mal ausprobiert?

Ich hab das früher immer für einen großen Quatsch gehalten – bis ich bei Hape Kerkeling in seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ davon gelesen habe, wie er sich auf seinem Jakobsweg immer Einkehr-möglichkeiten gewünscht hat.

Deswegen dachte ich mir auf meinem eigenen Jakobsweg: „Super Sache, das muss ich auch mal ausprobieren. Schaden kann es ja eh nicht – im schlimmsten Fall passiert halt – nichts.“

Soll ich Euch was sagen? Es funktioniert!

An einem bewölkten Tag, wo es stundenlang bei Gegenwind durch die Weizenfelder ging, sagte ich mehr aus Spaß zu meinem Wegbegleiter: „Du, ich brauch mal ’ne Pause. Es wäre doch schön, wenn wir jetzt dann zum Picknicken eine Bank in der Sonne fänden.“
Er: „Hmm, so wie das hier aussieht – glaube ich nicht, dass wir eine finden. Lass uns doch noch ein bisschen weiterfahren.“

Ca. 10 Minuten später waren wir beide ziemlich perplex, als hinter einem Gehöft, das wir schon aus der Ferne gesehen hatten, ein ganzes Dorf samt Bank auf dem Dorfplatz auftauchte, wo wir tatsächlich ein Picknick machten.

Nun kann man sicher einwenden: Einmal kann das Zufall sein.
Aber ich hatte noch mehrere Erlebnisse dieser Art.

Nachdem ich in Santiago ankam, fuhr ich noch für einen Tag nach Finisterre. In meinem Reiseführer stand, dass das für Pilger zum Programm gehöre, also machte ich das.
Finisterre heißt übersetzt „Ende der Welt“. Tatsächlich ist es ein kleiner Fischerort am westlichen Zipfel von Galicien gelegen. Nach dem Ort geht es nur noch 4 km zu einem Kap. Dort liegt auf einer Art Klippe ein Leuchtturm – das Ende der Welt und des Jakobsweges.
Davon hatte ich in meinem Reiseführer auch schon Bilder gesehen, so hatte ich eine Vorstellung, wie es dort aussehen sollte.

Leider war es an dem Tag, an dem ich dort war, sehr neblig. Auf dem Weg zum Kap konnte ich kaum zwei Meter links und rechts der Straße etwas sehen. So saß ich kurz vor meinem Ziel eine Weile auf einem großen Stein – umgeben von Ginsterbüschen und Nebel. Dort wollte ich ein Pilgerritual durchführen. Das symbolische Verbrennen eines alten Kleidungsstückes – in meinem Reiseführer stand, dass das man das als Pilger so macht.
Ich hatte mich für meine Treckinghose entschieden, denn die war durch zwei Wochen quasi ununterbrochenes Tragen nicht nur erstarrt vor Dreck, sondern war von den vielen Rucksackreisen der Jahre davor auch schon ziemlich fadenscheinig geworden.

Während ich so auf dem Stein saß und meiner Hose beim Brennen zusah, hörte ich in der Distanz immer wieder das Nebelhorn des Leuchtturms tröten. Um mich herum immer noch nur Nebel. Ich dachte mir: „Ich wünsche mir Sonnenschein und keinen Nebel mehr, wenn ich vorne an dem Leuchtturm ankomme.“

Leider hatte ich bei meinem Ritual nicht bedacht, dass die Hose einen ziemlich hohen Kunstfaseranteil hatte. Anstatt zu verbrennen, schmolz sie eher zu einem Plastikklumpen zusammen. Als ich das Ritual beendet hatte, entsorgte ich den Plastikhaufen ordnungsgemäß in einem Mülleimer und machte mich auf die letzten paar Hundert Meter auf den Weg zum Leuchtturm. Erst nach einer ganzen Weile fiel mir auf, dass ich auf der anderen Seite der Meeresbucht durch den Nebel ein Stück Ufer und die Sonne blitzen sah. So musste ich plötzlich laut loslachen, denn ich war begeistert, wie schnell doch so Wünsche an das Universum in Erfüllung gehen.

Voller Wehmut, alleine an einem „so wichtigem Ort“ zu sein, dachte ich mir: „Wenn ich schon niemanden habe, der mit mir bis ans (sprich-)wörtliche Ende der Welt geht, möchte ich zumindest beim nächsten Mal, wenn ich den Jakobsweg begehe, mit jemandem zusammen bis zum Ende der Welt gehen. Oder zumindest mit jemanden den Weg zurück ins Leben gehen.“

Ich sagte es, sprach‘s und vergaß es auch schon wieder, weil ich so damit beschäftigt war, den nun nebelfreien Ausblick zu genießen und Pilgerrituale zu absolvieren. Anschließend ging ich zurück in den Ort und verbrachte dort die noch verbleibende Zeit bis zur Abfahrt meines Busses. Der Urlaub war für mich beendet. Abgeschlossen. Terminado.

Wehmütig und traurig setzte ich mich in den vollbesetzten Bus. Wie man das unter Pilgern so macht, begann ich mit meinem Sitznachbarn ein Gespräch: „Wie lange warst Du unterwegs?“ – „Neun Wochen“. „Freust Du Dich, nach Hause zu kommen?“ Er schwieg. Stattdessen machte er ein eher nachdenkliches Gesicht. „Weiß nicht.“
Das darauf folgende Gespräch erstreckte sich über die restlichen 2 Stunden Busfahrt und darüber hinaus – so als ob wir uns schon ewig kennen würden. Darüber hinaus heißt, dass wir mit einigen Unwägbarkeiten für die nächsten 1 ½ Jahre eine Beziehung führten. Die war einerseits sehr intensiv, aber gleichzeitig auch sehr anstrengend und brachte mich oft an den Rand meiner Kraft.
Dennoch – das Universum konnte nichts dafür, es hatte geliefert, was ich bestellt hatte.

Deswegen: Pass auf, was Du Dir wünscht – sei präzise und klar im Ausdruck – es könnte in Erfüllung gehen. Denn sonst sehen die Lieferungen auf Deine Bestellungen manchmal anders aus, als Du sie Dir vorgestellt hast!

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Auf in den täglichen Kampf?

15 Jan

Es gab einmal eine Zeit vor einigen Jahren, da empfand ich mein Leben als täglichen Kampf. Ich befand mich in einem beruflichen Umfeld, das sehr männerdominiert war und in dem deshalb ein recht rauer Umgangston herrschte.
Um „meinen Mann zu stehen“ reihte ich mich ein in die Gepflogenheiten: „Wichtiges“ und richtiges Outfit waren Kostüm und Jackett. Im täglichen Umgang galt: Bloß keine Schwäche zeigen, und Gefühle schon mal gleich erst recht nicht. Wenn man mit jemandem gut konnte, durfte man auch schon mal den einen oder anderen (bestenfalls nur) blöden oder ironischen, schlechtestenfalls auch zynischen Spruch austauschen.

Etliche Jahre hat mir das sogar auch Spass gemacht, mich täglich neuen Herausforderungen zu stellen, und durch die jahrelange Übung war ich auch gar nicht mal so schlecht, denke ich. Aber irgendwann war es mir zu anstrengend.

Denn es war etwas passiert, was mich völlig aus dem Konzept brachte: Ich „verirrte“ mich auf den Jakobsweg. Natürlich verirrte ich mich nicht wirklich, denn ich entschied mich – nach der Lektüre von HaPe Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ – schon recht bewußt dafür – allerdings ohne eine genaue Vorstellung davon zu haben, worauf ich mich einlassen. Und das war – der Weg.

Auf dem Jakobsweg begegneten mir viele Menschen, die so ganz anders „drauf“ waren als ich. Nicht nur vom beruflichen oder sozialen Hintergrund sondern auch mental, von ihrer Einstellung her. Aber darum soll es hier und heute auch gar nicht gehen, denn darüber habe ich ausführlich in meinem Buch „Burnout – Vom Jakobsweg zurück ins Leben“ geschrieben.

Was die vielen Begegnungen auf dem Jakobsweg allerdings völlig von meinem damaligen Alltag unterschieden, war die unglaubliche „Tiefe“ der Gespräche, die sich mir innerhalb unglaublich kurzer Zeit offenbarte. Was meine ich mit Tiefe? Nun, die Menschen unterwegs (zumindest die wenigsten) waren innerhalb von sehr kurzer Zeit in der Lage, sehr persönliche Dinge von sich preis zu geben, erzählten über Schicksalsschläge, Krankheiten und andere schwierige Situationen, mit denen sie sich gerade im Leben konfrontiert sahen und die sie veranlasst hatten, sich auf den Weg zu machen. So hatte auch ich die Möglichkeit, mich zu ohne meine gewohnte Maske (man könnte auch sagen: Rüstung) zu zeigen, ich selbst zu sein. Erstmals ließ ich es auch zu, dass sich (meine) tief vergrabene(n) Gefühle zeigen konnten – und merkte, wie wohltuend und erleichternd es war, keine „Rolle“ mehr zu spielen.

Doch dann war meine Reise wieder zu Ende, und ich ging wieder an meinen alten Arbeitsplatz zurück. Naturgemäß fand ich es sehr befremdlich, mich auf einmal wieder in das altbekannte „Korsett“ einzustellen – zumindest empfand ich die oben geschilderten Gepflogenheiten nun als solche. Es war, als ob ich – nachdem ich eine Weile die Leichtigkeit und Flexibilität eines Lebens ohne Ritterrüstung genossen hatte – dieses sperrige und vor allem starre Konstrukt wieder anlegen musste, um in der nächsten Schlacht bestehen zu können. Falls nicht, befürchtete ich zumindest, ähnlich einem heranwachsenden Krebs, der für kurze Zeit seine Hülle ablegt und die kurze Zeit, bis die neue Hülle sich gefestigt hat, nun weitestgehend nackt und verletzlich da zu stehen.

Zwar verhielt ich mich im Großen und Ganzen konform zu den oben geschilderten Gewohnheiten, die nun nicht mehr so ganz die meinen war, vor allem in größeren Runden und Besprechungen. Denn zumindest der Dresscode war nun etwas, was mir wenig innere Konflikte bereitete.
Aber in der weiteren Zeit an dieser Arbeitsstelle (es waren noch einige Jahre, bis mir die Hülle endgültig zu eng wurde) machte ich zu meiner Überraschung einige Entdeckungen. Ich nannte diese übrigens auch „Feldversuche“:

Gelegentlich hatte ich auch Arbeitsgespräche mit einigen Kollegen zu zweit, und in solchen Runden traute ich mich dann immer öfter, mein „Visier“ zu öffnen und mich nicht als Stelleninhaber meiner beruflichen Position (Controller, wer mag die schon?) sondern als Mensch zu zeigen. Soll ich Ihnen etwas sagen, es ist nicht ein einziges Mal ausgenutzt worden! Im Gegenteil, sehr oft wurde meine Offenheit zu meiner Überraschung sogar auch erwidert.

Ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist mir eine Situation, als ich mit einem Kollegen bei einem Kaffee ein Gespräch führte. Eigentlich hatte ich mich gar nicht so auf das Gespräch gefreut, im Gegenteil, ich hatte eher mit einem mulmigen Gefühl zugesagt, denn ich hatte den Kollegen bisher eher als „schwierig“ in diversen größeren Runden wahrgenommen. Damals (und das tue ich auch heute sehr häufig noch) trug ich einen relativ großen Schmuckstein als Anhänger um den Hals. Können Sie sich vorstellen, wie blöd ich geschaut hatte, als eben dieser scheinbar so schwierige Kollege relativ zum Ende unseres Gesprächs einen Hämatit aus der Hosentasche zog und mir sagte, dass dies sein Glücksstein wäre, den er immer für schwierige Situationen dabei hätte?

Nun denn – damals gelangte ich zu der Erkenntnis, die ich auch heute noch vertrete: Wenn Dir etwas nicht gefällt, ist es an Dir dies zu ändern. DU bist der- oder diejenige, die den ersten Schritt dazu tun muss. DU bist der- oder diejenige, der/die zuerst sein Visier hochklappen muss.
Natürlich nicht immer und vor allem nicht in jeder Situation – aber immer öfter.

Ich jedenfalls habe es – trotz allem, dass ich mich im Großen und Ganzen nicht mehr wohlgefühlt habe in dieser Unternehmenskultur – als sehr bereichernd wahrgenommen, die teilweise langjährigen Arbeitskollegen auf einer neuen Ebene kennenzulernen und so in meinem kleinen Mikrokosmos eine andere (Arbeits-)Atmosphäre zu schaffen.
Heute habe ich mir – auch unabhängig vom Camino – viele tiefsinnige Begegnungsmöglichkeiten in meinem Alltag geschaffen, auch im beruflichen Umfeld. Nicht nur dadurch finde ich meinen neuen Alltag um ein Vielfaches bereichernder als den damaligen.

Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie in Ihrem Leben und in Ihrem Umfeld einen Unterschied machen können. Versuchen Sie es, es lohnt sich!

Ihre Christina Bolte

Ach ja, wenn auch Sie Ihr Leben als täglichen Kampf empfinden – dann ist der/die KURS „Veränderung“ das richtige für Sie. Sie erhalten Hilfsmittel und Werkzeuge an die Hand und üben auch deren Gebrauch, damit Sie sich im Alltag besser schlagen können.
Aktuell beginnt wieder ein neuer Kurs, aber auch laufend ist ein Einstieg möglich.

Der Geist des Camino

14 Jun

Im Mai war ich mal wieder auf dem Jakobsweg unterwegs. Ein Stück Weg ging ich gemeinsam mit einer Frau, so unterhielten wir uns. Sie war das erste Mal auf dem Camino und wollte, nachdem sie schon so viel von Bekannten über den Jakobsweg gehört hatte, sich ein eigenes Bild davon machen und dem, wie sie es nannte, „Geist des Caminos“ auf die Spur kommen.

Auf meine Frage, ob es ihr schon gelungen sei, sagte sie, dass ihr einige Aspekte durchaus aufgefallen waren. Einer davon sei sicherlich die spezielle Art von Gemeinschaft, die auf dem Jakobsweg vorherrscht, sowie die Offenheit, durch die sie sich auszeichne.

Gemeinschaft meinte sie dabei durchaus im mehrfachen Sinn: Einerseits natürlich im Sinn einer großen Kollegialität: Man  hilft sich und unterstützt sich, sei es mit ganz praktischen Dingen, dass man sich gegenseitig Dinge (z. B. Lebensmittel hinterlässt), die man nicht mehr benötigt, tauscht sich aber auch über ganz praktische Dinge aus, wie Unterkunfts-Empfehlungen oder die Art, am besten seinen Rucksack zu tragen.
Zum anderen ist die Pilger-Gemeinschaft sicherlich auch eine Art Schicksalsgemeinschaft: Man hat ja den gleichen Weg und dasselbe Ziel.

Was das Thema Offenheit betrifft, gibt es auf dem Pilgerweg überdurchschnittlich häufig die Gelegenheit für besonders tiefe Begegnungen und Gespräche, die fast schon intimen Charakter haben. Dabei meine ich intim natürlich nicht im sexuellen Sinn, wobei auch das sicher vorkommt, sondern eher in dem Sinn, dass man durch das Teilen von sehr engem Raum (auch im übertragenen Sinn) – sei es in der Pilgerherbergen oder auf einem Stück Weg – aber auch durch das Mit-Teilen von teilweise sehr persönlichen Geschichten oder Begebenheiten sehr viel von anderen Menschen erfährt. Zumindest gemessen an der kurzen Zeit, die man einander kennt (diese wird ja meist eher in Stunden oder Tagen ausgedrückt als in Monaten oder Jahren, wie im „normalen“ Leben).
Mir zumindest ist es in meinem Alltag noch nicht passiert, dass mir jemand Fremdes oder ein Mensch, den ich das erste Mal eher zufällig in einem Lokal treffe, sofort seine halbe Lebensgeschichte erzählt oder mir Einblick in die Tiefen seines Seelenlebens gewährt. Wie z. B. mit welchen Päckchen ihn oder sie das Schicksal oder Leben beschenkt hat. Im Gegenteil, das dauert sogar im therapeutischen Kontext manchmal länger!

Wieso ist das so? Wieso begegnen wir zu Hause anderen Menschen anders und zeigen uns weniger offen und verletzlich?

Nun, vielleicht ist das (neben anderen Dingen) eines jener Geheimnisse des Caminos, die sich dem Menschen nicht sofort bis gar nicht offenbaren. Sozusagen, „der Geist des Caminos“. Das Numinose, „das ewig Geheimnisvolle“. So wie auch das Göttliche niemals vom Menschen vollständig erfasst werden kann…. Das, nach dem am Ende immer eine tiefe große Sehnsucht bleibt.

Geheimnis-umwobene Grüsse und
Alles Gute auf dem Weg wünscht

Christina Bolte

Von inneren und äußeren Reisen

22 Nov

Vor einiger Zeit schrieb ich diesen Beitrag über meine persönliche Erfahrung von Freiheit, und wie sich die Betrachtung dessen im Laufe der Zeit verändern kann.
Angeregt duch eine inspirierende Mittagessen-Unterhaltung möchte ich heute über einen anderen Aspekt dieses Themas berichten – so wie ich es in den letzten Jahren erlebt habe (was nicht zwingend bedeutet, dass es auch für alle anderen Menschen so gelten muss).

Wie erwähnt, habe ich vor einigen Jahren einen Großteil meiner Freizeit und meines Jahresurlaubs auf Reisen verbracht. So, wie andere Menschen viel Geld in Autos, Kleidung oder Wellness stecken, entsprach dies eben meinem persönlichen Verständnis (und Bedürfnis) von Luxus. Auch wenn es keine besonders luxuriösen Reisen waren, wie Club-Urlaube oder All-Inclusive-Kümmer-Dich-um-Nix-Reisen, sondern eher eine Art Last-Minute- und/oder Packpacking-Urlaub (häufig mit Tauchequipment, was die Mobilität dann doch immer etwas einschränkte), war es mir wichtig, auf diesen Reisen (neben Sonne, Strand & Meer) das Gefühl von Freiheit (er)leben zu können. Sei es die Freiheit, die ich beim Blick über die Weite des Meeres verspüren, die Freiheit (und die Ehrfurcht) bei einem Tauchgang eins zu sein mit der mich umgebenden Unterwasserwelt oder die Freiheit, heute hier und morgen dort zu übernachten, je nachdem wonach mir der Sinn stand oder wo es mir gefiel. Zusammengefasst könnte man sagen, ich liebte die Freiheit, mich nicht festlegen zu müssen.

Im Laufen der vielen Reisen, um genau zu sein auf einem Tauchboot auf den Philippinen, fragte ich mich, warum ich mir dieses Gefühl von Freiheit immer nur im Urlaub ‚erlauben‘ konnte oder wollte und nicht auch in meinem Alltag. Die Antwort war leider sehr ernüchternd: Weil ich mich gefangen sah in (v. a. beruflichen) Strukturen, die mir zwar ausreichend finanzielle Kompensation boten, um mir wenigstens im Urlaub das Gefühl von Leben leisten zu können, mir aber – so meine Wahrnehmung – ansonsten wenig Luft zum Atmen und vor allem Herzensfreude boten. [Kleine Randnotiz: Im Nachhinein natürlich ein Luxus-Problem, denn wie viele Menschen gibt es, die in einem bescheidenen Job auch noch so bescheiden bezahlt werden, dass sie davon kaum für ihren Lebensunterhalt aufkommen können.]

Nun, besagter Philippinen-Urlaub war zwar im Nachhinein in einigen Aspekten sehr seltsam, aber war in einem Punkt auch sehr ausschlaggebend für mich. Denn auf dem Heimflug hatte ich am Silvester-Morgen 2010/11 einen etwa dreistündigen Stopover auf dem Frankfurter Flughafen. Ich muss zugeben, ich mag keine großen Flughäfen und finde Stopovers tendenziell eher überflüssig, denn nach einer eh schon 18-stündigen Reise wollte ich eigentlich nur noch nach Hause. Dennoch bin ich sehr dankbar für das Treffen mit einem früheren Studienkollegen, der mir (vermutlich mehr einfach so dahin gesagt) angeboten hatte, wenn ich mal in Frankfurt sei, solle ich mich mal melden – was ich auch tat.
Besagter Studienkollege erzählte mir also im Lauf unseres Frühstücks-Treffens auf dem Frankfurter Flughafen von einer „Selbstfindungs“-Seminarreihe, die er belegt hatte und die ihm seiner Aussage nach sehr gut getan hatte. Ich muss dazu sagen, dass ich zur damaligen Zeit den Ansatz hatte, dass sobald mir ein Thema zum dritten Mal über den Weg lief, ich mich damit auseinandersetzen wollte. Und da er in diesem Stichwort der Dritte war, setzte ich mich mit dem Thema Selbstfindung auseinander. Abgesehen davon, dass das Treffen mein angenehmster Flughafen-Stopover war, den ich jemals hatte, bin ich S. im Nachhinein sehr dankbar für diesen Tipp…

So belegte ich im folgenden Jahr nicht nur diese Selbstfindungs-Fortbildungsreihe – und in dem ich mich mit den Tiefen & Untiefen meiner Gefühle, Gedanken und Befindlichkeiten auseinandersetzte, fand ich dort, für mich völlig unerwartet, obwohl der Begriff Selbstindung das natürlich impliziert, Frieden mit mir selbst. Denn obwohl mir zwar aufgrund der Fortbildungsreihe natürlich weniger Urlaubstage & Geld für meine sonstigen Urlaubsreisen blieb, hatte ich andererseits auch gar nicht mehr das Bedürfnis, andauernd in der Welt herumfahren zu müssen. Ja natürlich ist es nach wie vor nett, gelegentlich mal aus seinem eigenen Saft herauzukommen, aber es tut auch gut, es nicht immer zu müssen…

Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass ich zuvor nur deshalb so oft unterwegs gewesen war, weil ich mit mir selbst nicht im Reinen gewesen war. So hatte ich gehofft, auf all den Reisen durch die Welt irgendwo das Gefühl von Angekommen- und Angenommensein zu finden, das mir fehlte. Ohne es aber jemals dort gesucht zu haben, wo man es mit ein wenig Überlegung hätte als erstes vermuten können: Nämlich in mir selbst.

So ähnlich, wie es auch schon der gute alte Goethe in seiem Vierzeiler Erinnerung formulierte:

„Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
Denn das Glück ist immer da.

Was Arbeitsteilung mit dem Jakobsweg zu tun hat

17 Feb

Wie ich bereits in dem einen oder anderen Beitrag durchblicken liess, bin ich ein begeisterter Anhänger des Jakobsweges (um nicht zu sagen, der Pilger-Virus hat mich erwischt…)
Bereits bei meiner ersten Jakobsweg-Erfahrung 2007, bei der ich mit dem Fahrrad unterwegs war, aber noch viel mehr bei meinem späteren Pilgerwegen zu Fuß fiel mir auf, wie unterschiedlich die Wegmarkierungen angebracht waren.

Jakobsmuschelsymbol

By Waldschmidt (Own work), via Wikimedia Commons

Diese bestehen üblicherweise, mit Ausnahme von handgemalten oder künstlerisch gestalteten Exemplaren, aus stilisierten Muschel-Symbolen wie beispielsweise dieser sogenannten „Euro-Muschel“, die bis auf lokale Ausnahmen sogar quasi international vereinheitlicht ist. Darüber hinaus weisen den Pilgerinnen und Pilgern insbesondere auch in Spanien noch gelbe Pfeile den Weg, die auf Straßen, Laternen-Masten oder Wände gemalt sind.

Vor allem diese Pfeile waren es, die mir nicht nur über hunderte von Kilometern wortwörtlich den Weg wiesen, sondern mich auch gedanklich begleiteten. Denn zwar waren die Pfeile, sofern sie nicht von parkenden Autos oder Bauarbeiten verdeckt wurden, alle gelb und somit auch bei regennassem Untergrund gut als solche zu erkennen. Jedoch variierten sie in der Sorgfalt, mit der sie aufgemalt schienen – mal sorgfältig und mit viel Liebe zum Detail bis in die letzte Ecke oder Pfeilspitze ausgefüllt, mal eher lieblos und nur wie „flüchtig hingehuscht“.

So ist es nicht verwunderlich, wenn Menschen wie mir, mit jahrzehntelanger betriebs-wirtschaftlicher oder industrieller Prägung, sich die Frage aufdrängte, ob es immer die gleiche Person war, die diese Pfeile an deren Ort und Stelle gemalt hatte oder ob es verschiedene Menschen waren, die immer nur in der Nähe ihres Wohn- bzw. Arbeitsortes ein paar Pfeile angebracht hatten.

Da ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass irgendein armer Pilger zusätzlich zu seinem normalen Pilgergepäck über mehrere Hundert Kilometer auch noch einen 10kg-Eimer mit gelber Farbe mit sich auf dem Camino herumträgt, oder sich eine Gruppe von Pilgern zu diesem Zwecke abwechselt, nur um diese Wegmarkierungen zu machen und dabei zwischen- durch immer wieder in irgendwelche textlichen Wegbeschreibungen zu schauen, die mit ziemlicher Sicherheit vorliegen, halte ich eher die zweite genannte Alternative für plausibel. Außerdem würden sicherlich auch rein betriebswirtschaftliche Gründe für diese sprechen. Was auch die Verschiedenartigkeit und gelegentliche Lieblosigkeit der Pfeile erklären würde.

Immerhin würde die letzte Variante ja bedeuten, dass diese verschiedenen Menschen, die vermutlich noch nie gepilgert waren, immer nur den Auftrag hatten, eine handvoll Pfeile in einem begrenzten Umkreis zu malen und so nie den Gesamtkontext ihrer Arbeit kennenlernten oder die Bedeutung für andere (in diesem Fall: die Pilger) erfuhren. Wenn ich den Auftrag bekäme, „irgendwelche“ Pfeile auf irgendwelche Flächen zu malen ohne dass ich deren Sinn und Zweck wüßte, ich hielte es für einen besseren Scherz – selbst wenn ich dafür bezahlt würde.

Sicherlich hätte es geholfen, wenn die beauftragten Arbeiter bereits selbst einmal gepilgert waren, denn dann hätten sie ein Gespür für „das Große und Ganze“ oder die Wichtigkeit ihrer Arbeit entwickelt. Wie auch einige Wirtsleute, deren Herbergen oder Restaurants quasi am Weg lagen, die Bedürfnisse ihrer Kunden viel besser kannten, wenn sie bereits selbst einmal gepilgert waren, und dadurch im Allgemeinen eine spürbar deutlichere Service-Orientierung aufwiesen…

Möglicherweise denken Sie nun, was das denn für Luxus-Probleme sind, über die ich heute schreibe. Ja, möglicherweise haben Sie damit auch in gewisser Hinsicht recht. Aber sind das nicht genau solche Luxus-Probleme oder diejenigen Gedanken, die man sich über andere macht, wenn man stundenlang mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Gegend läuft – ohne Telefon oder Musik auf den Ohren zu haben. Oder Gedanken, die uns manchmal auch in Bezug auf unsere eigene Arbeit kommen? Was genau ist denn überhaupt der Beitrag meiner eigenen „kleinen Arbeitsaufgabe“ fürs Große und Ganze? Und ergibt diese einen Sinn, der länger überlebt als nur die nächsten zwei bis drei Wochen?

Dieses Gefühl von Kohärenz, Sinn und Selbstwirksamkeit wiederum trägt – wie A. Antonovsky, der „Vater der Salutogenese“ feststellte – zur Förderung der Gesundheit bei und steigert die Resilienz, also die Widerstandskraft des Menschen im Umgang mit Krisen.

Und so gesehen ist für Menschen, die sich noch nie über so scheinbar sinn-lose Frage-stellungen Gedanken gemacht haben, auch das Pilgern selbst ein Luxus-Problem, das viel Kopfschütteln erzeugt. Oder warum sonst sollte man mit begrenztem aber dennoch auf Dauer schwerem Gepäck wochenlang durch die Gegend laufen, wenn es doch viel bequemere Transportmittel gibt um von A nach B zu kommen? Warum sonst sollte man es sich antun, mit Horden an schnarchenden Menschen in einfachen Herbergen zu übernachten oder mit Dutzenden von stark riechenden Menschen vor den sanitären Einrichtungen warten, wenn man zu Hause ein deutlich komfortableres Heim hat?

Ganz einfach, weil die Wege da sind. Oder wie ich in einem (ziemlich langen) Gedicht von Roland Jourdan (2002) im Internet fand, das ich hier deshalb nur ausschnittsweise zitieren möchte:
„Pilgern ist Leben auf dem Standstreifen.
Keine Hetze. Kein Getrieben-Sein von Terminkalender und Telefon.
Nicht auf der Überholspur.
[…]
Leben auf dem Standstreifen.
Pilgern bedeutet, sich für Dinge um sich herum Zeit nehmen.
Beobachten und Bewahren.
Die Landschaften in sich aufsaugen.
Sich einer Blüte am Wegesrand mit Ehrfurcht nähern.
Den Bildern auf dem Portal einer Kirche nachgehen.
Pilgern ist Wahrnehmen alles dessen, was um mich herum ist.
Sich Zeit-Nehmen für das Schöne in unserer Welt.“

Und das alles sind „Dinge“, die uns Kraft geben, die uns in Verbindung bringen – mit uns selbst und mit unserer Umwelt – und die dem Leben einen schöneren Geschmack geben. Wie die Gewürze in einer Suppe.

In diesem Sinne: Genießen Sie auch mal die seltenen Gewürze, das Schöne und die stillen Momente – denn sie geben uns Sinn.

Ich wünsche Ihnen allzeiteinen guten Weg! Ultreya!

Ihre Christina Bolte

Schwimmen gegen den Strom (2)

25 Okt

In meinem letzten Beitrag schrieb ich darüber, wie es mir auf meiner letzten Pilgerwanderung auf dem Jakobsweg erging, auf der ich vom Reiseziel der meisten Pilger startete um auf dem selben Weg „wieder zurück“ zu gehen.
Mein Motto war dabei „Der Weg zurück ins Leben“ oder vielmehr in meinen Alltag, denn die Menschen, die vor 800 Jahren eine Pilgerreise machten, konnten sich ja auch nicht einfach in ein Flugzeug setzen, um vom Ziel ihrer Pilgerreise wieder nach Hause zu kommen…

Spannend fand ich es aber auch, die Reaktionen der anderen Pilger wahrzunehmen, die ich grüßte während unserer kurzen Begegnung, wenn sie mir entgegen kamen, oder während einer etwas längeren Begegnung, wenn ich sie abends in den Herbergen traf (ich karikiere hier natürlich ein wenig, also bitte nicht ganz wörtlich nehmen).

Zunächst einmal gab es
Die Verunsicherten – oder auch: die Selbstzweifler:
Das sind die, die sofort verunsichert bis verwirrt ausschauten und anfingen, anhand irgendwelcher Wegmarkierungen oder der Beschreibung in ihrem Reiseführer zu überprüfen, ob sie möglicherweise falsch gingen. Denn wie wäre es sonst möglich, dass ihnen jemand entgegen kommt?

Die Selbstbewußten – oder auch: die Bestimmten:
Das genaue Gegenteil der Verunsicherten. Diese waren so felsenfest von der alleinigen Richtigkeit „ihres“ Weges überzeugt, dass sie mich sehr bestimmt darauf aufmerksam machten, wo es lang gingt – und das nicht etwa hilfsbereit-fragend, sondern fast schon befehlend. Daß andere Menschen möglicherweise andere Ziele oder andere Wege haben, schien ihnen eine neue Option zu sein.
Fragt sich nur, wer von uns ver-rückt war, oder?

Die Hilfsbereiten – oder auch: die Empathischen:
Dann gab es auch noch diejenigen Menschen, die mich – vor allem, als ich aufgrund einer fetten Schleimbeutelentzündung ziemlich stark humpelte – fragten, ob bei mir alles in Ordnung sei oder das Humpeln der Grund für mein Umdrehen sein. Dazu zähle ich auch die drei spanischen Hausfrauen, die mich am Morgen aufgrund meines schmerzverzerrten Gesichtes, etwa 8 km vor meiner Ankunft in Santiago fragten, ob ich nicht lieber einen Bus nehmen wollte (was natürlich einerseits mit meiner Pilgerehre nicht zu vereinbaren war und andererseits die Busse sowieso nur alle Jubeljahre mal fuhren).

Die Mißtrauischen (zum Glück war es nur einer):
In einer Herberge sagte mir doch tatsächlich jemand sinngemäß, vor Menschen wir mir (die den Jakobsweg zurück gingen) müsse man sich in Acht nehmen, denn sie seien suspekt oder hätten was zu verbergen – vor allem wenn sie einen Hund mit sich führen würden, was ich allerdings nicht hatte. [Zur Erklärung: es gibt einige wenige, die vom Jakobsweg den Absprung nach Hause nicht schaffen und quasi als Dauerpilger von einem Jakobsweg zum anderen ziehen – manche von diesen sind dann irgendwann in Begleitung von Hunden anzutreffen, weswegen sie dann keinen Zutritt mehr in die Pilgerherbergen bekommen]

Die Neugierigen – oder auch: die Weltoffenen:
Am meisten berührt haben mich ehrlich gesagt die beiden Begegnungen, wo mir ein entgegenkommender, dem Dialekt nach schätzungsweise amerikanischer Pilger einfach nur sagte bzw. fragte: „Oh, you’re going back?“ – so, als ob es die normalste Sache der Welt ist.
Oder die handvoll Gespräche mit Menschen, die sich nach meinen Motiven interessierten, warum ich zurück ging.
Das Attribut „neugierig“ ist daher für mich eindeutig positiv belegt, da es im wörtlichen Sinn einen gewissen Wissensdurst bestätigt und von Interesse zeugt.

Die breite Masse:
Das waren die vielen Menschen, sozusagen der Schwarm oder die Herde, die mit dem Strom schwimmen, die auf meinen Gruß (übrigens dem traditionellen Pilgergruß „Buen Camino“) ganz normal zurück grüßten.
Nur wenige von denen schauten leicht schräg, so als ob ich „keiner von ihnen“ sein könnte, es aber dennoch wagte, mich ihres Grußes zu bedienen.
Vielleicht war das aber auch nur meine eigene Interpretation. Denn dieser „Herde“ zugehörig war und fühlte ich mich auch in der Tat nicht, sondern eher so wie auf einer Art Kamera-Perspektive…

Und um abschliessend noch mal auf die im ersten Teil erwähnte Bemerkung meiner Bekannten zurückzukommen: Sooo einsam war der Camino dann doch nicht – für mich war der Weg voller Begegnungen, wenngleich diese auch nicht besonders lang waren.
Ich bin mir aber sicher, dass der oder die eine oder andere – ob bewusst oder unbewusst, direkt oder indirekt – durch diese unsere Begegnung, evtl. auch nur durch mein blosses Da-Sein, oder (im Fall der „längeren“ abendlichen Begegnungen) auch durch unsere Unterhaltung seinen Weg verändert fortgesetzt hat. So wie auch mich die eine oder andere Begegnung und dieses oder jenes Gespräch noch eine Weile in meinen Gedanken und auf meinem Weg begleitet hat.

Welche Hindernisse ich sonst noch so beim Schwimmen gegen den Strom zu überwinden hatte, lesen Sie im dritten Teil…

Schwimmen gegen den Strom (1)

21 Okt

Diese Woche las ich (zu einem Bild wie diesem) auf Facebook den Spruch : „Wer mit der Herde geht…  kann nur den Ärschen folgen!“

Wer mit der Herde geht Nun kann man sicher darüber streiten, ob dieser Satz witzig, politisch korrekt oder einfach nur blöd ist. Ich musste jedenfalls ganz spontan an meine Reise auf den Jakobsweg denken, von der ich gerade zurückkam.

Ich war nun bereits zum dritten Mal auf dem Jakobsweg unterwegs gewesen. Mit dem Unterschied, dass ich diesmal rückwärts gegangen bin. Rückwärts nicht im Sinne von Rücken voran, sondern in dem Sinn, dass ich dort meinen Weg begonnen habe, wo andere normalerweise ihren Weg beenden.

 

 

 

 

Und das war in vielerlei Hinsicht seltsam – zunächst mal für mich…

Zunächst mal war es ein komisches Gefühl, auf der Fahrt mit dem Bus nach Santiago bzw. Finisterre zu fahren (mein Hin-Flug ging nämlich nach Porto) und in den 2,5 Std. bis zu meiner Weiterfahrt nach Finisterre (was übersetzt so viel bedeutet wie „Ende der Welt“, von wo aus ich loslaufen wollte) in das Flair von Santiago de Compostella einzutauchen, um die Zeit nicht am Busbahnhof verbringen zu müssen und um was zu essen.

Mir begegneten mir lauter euphorische Pilger oder gemütliche Bustouristen, die sich trotz starker Bewölkung freuten, durch die Gegend zu bummeln. Um die beeindruckende Kathedrale von Santiago de Compostela – Ziel eines jeden Jakobs-pilgerwegs – machte ich einen großen Bogen. Nicht etwa, weil ich das Gefühl hatte, es nicht wert zu sein dorthinzugehen (wie mich später jemand fragte), sondern eher weil ich von mir selbst aus gar nicht das Gefühl hatte, dort richtig zu sein.

Ungewohnt war sicherlich auch, Santiago und Finisterre in frischen Klamotten zu erreichen – normalerweise hat man am Ende seines Pilgerweges eher selten noch Kleidungsstücke, die nicht mindestens drei Mal gewaschen wurden und dennoch ein wenig müffeln (daher kommt übrigens auch der Brauch, dass in der Kathedrale von Santiago zu wichtigen Messen das Weihrauchfass geschwungen wird – früher diente dies der Desinfektion…)

Eine (Camino-erfahrene) Bekannte hatte mir zuvor prophezeit, dass es rückwärts ein einsamer Camino werden würde – womit sie zum Teil Recht hatte. Denn naturgemäß sind mir viel mehr Leute entgegen gekommen, als in meine Richtung gingen. Und so bin ich „meinen Weg“ zumeist alleine gegangen, was für mich ok war, weil ich so gut meinen eigenen Takt finden und nachdenken konnte. Auch konnte ich dadurch auf eine ganz besondere Weise die unterschiedlichen Stimmungen wahrnehmen, die mir durch die Natur und die verschiedenen Wetterlagen vermittelt wurden.

Apropos „meinen Weg“: Manchmal, vor allem bei schlechtem Wetter oder in der Dämmerung, war es gar nicht immer so leicht, die Wegmarkierungen zu finden, die meinen oder den entgegen-gesetzten Weg markierten. Ein paar Mal hatte ich mich sogar auch verlaufen. Dann freute ich mich immer, entgegen- oder vorbei-kommende Pilger zu sehen, denn sie zeigten mir an, dass ich wieder auf dem richtigen Weg war – waren mir also im Wortsinn „Weg-weiser“.

Unerwarteterweise gab es tatsächlich einen Tag, an dem ich Gesellschaft hatte: Denn zunächst begegnete mir ein Italiener und später auch noch eine Tschechin, die in die gleiche Richtung liefen wie ich, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Motivationen und mit verschiedenen Zeitplänen. Und so empfand ich es einerseits als schön, diese eine Etappe zusammen mit meinen neuen Weggefährten zu laufen, dennoch war es aber eben auch sehr ungewohnt, jemand anderes‘ Präsenz neben mir zu spüren.
Alles in allem möchte ich nicht sagen, dass ich auf meiner Reise einsam war. Denn abends in den Herbergen gab es ja genügend Begegnungen. Nur dass mir die wenigsten der Menschen, die ich dort traf, wiederbegegnet sind – was ja anders ist, wenn man „mit dem Strom schwimmt“, wo man sich früher oder später immer wieder begegnet.
Ein paar Mal unterwegs musste ich auch – zum ersten Mal seit über 20 Jahren – wieder an meinen Konfirmationsspruch denken, den ich mir als 14-Jährige in einem aus heutiger Perspektive zu bezeichnend als „heller Moment“ ausgesucht hatte: „Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s die ihn finden!“ (Matt. 7,14).

Übrigens habe ich ich mit diesen Menschen, auch wenn ich sie nur dies eine Mal getroffen habe, überwiegend sehr tiefgehende Gespräche geführt, wie es fast nur auf dem Camino möglich ist. Und diese Gespräche haben teilweise in mir noch relativ lange „nachgeschwungen“…

So zum Beispiel stimmte mich u. a. der abendliche Kommentar einer Engländerin in einer Herberge sehr nachdenklich, die sagte, dass sie es extrem schwierig fände, den Pilgerweg rückwärts zu laufen, denn dann würde man ja dauernd Leuten entgegen gehen. Möglicherweise war ich etwas unbedarft an mein Vorhaben (mit dem Rückwärtsgehen) herangegangen, denn darüber hatte ich mir zum Glück zu keinem Zeitpunkt Gedanken gemacht. Während meiner ganzen Reise habe ich das getan, was man als gut erzogener Mensch so macht: Ich habe jeden mir entgegen gehenden Pilger mit dem üblichen Pilgergruß/-wunsch „Buen Camino“ (das heißt soviel wie „Guter Weg!“) gegrüßt.

Die Reaktionen der Menschen darauf waren allerdings höchst unterschiedlich, aber das wird eine andere Geschichte…

Fortsetzung folgt.