Tag Archives: Stille

Winter-Ge(h)danken

22 Jan KristallBeeren

Heute sind wir im Rahmen des Pilgertages „LeerLauf für den Kopf“ wieder ein wenig auf dem Jakobsweg gepilgert. Gerne möchte ich ein paar Ge(h)danken und Eindrücke mit Euch teilen:

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WinterWald

 

Trotz dunstig-frischer Kälte
blauer Himmel und Sonnenschein.
Der weiße Winter-Wald
hebt sich farblich davon ab.

frostversponnen

frostversponnen

Gefrorene Spinnweben
benetzen den Christus am Wegkreuz.
Trotz allem –
es fließt der Fluss unbeirrt.

 

Eiskristallwelten

Schneeflockenkristalle

Neben uns auf dem Feld
die Spuren eines Hasen –
und von jemandem,
der am Wegrand lang-gelaufen ist.

Schneeflockenkristalle,
Frostbeeren an den Büschen,
Eiskristallblätter an Zweigen und Gräsern
Eis-Stalagmiten am Wasserfall.

Wasserfall

Eisstalagmiten

 

 

Rote Nasen, kalte Finger,
so kalt, dass Worte und Gedanken einfrieren.
Außer dem Knirschen der Schritte –
Um uns und in uns: Nur — STILLE.

(c) Bilder aus eigenem Bestand

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Herbst-Gedanken

25 Okt

Wenn ich dieser Tage so aus meinem Fenster sehe, freue ich mich über eine wahre Farbenpracht: Rotes Weinlaub, leuchtend orangefarbene Ahornblätter – und heute auch noch strahlend blauen Himmel und Sonnenschein. An jeder Ecke (zumindest wenn man etwas auf dem Land wohnt) stehen Verkaufsstände mit ebenfalls leuchtenden Kürbissen. Erntezeit.

Auch auf unserem Ackerstück (siehe auch hier) – denn Ende Oktober ist immer Saisonabschluss. So machte ich mich heute auf den Weg, um noch die letzte Ernte einzufahren (wobei wir dieses Jahr wirklich reichlich belohnt worden waren, Hauptsächlich allerdings mit Zucchini…).
Und wo fuhr ich mit zwei großen Kisten an Ernte heim: große Mengen an grünem und rotem Mangold, Petersilie, Kapuzinerkresse und zwei kleine Kürbisschen (die wohl der zwischenzeitliche Fast-Frost vom Wachsen abgehalten hatte).

Trotzdem, dass ich mich eigentlich über die Ernte hätte freuen sollen, wurde ich auf dem Heimweg ein wenig wehmütig. Denn trotz der Farbenpracht ist der Herbst ja eigentlich die Jahreszeit des „Loslassens“: Von den langen, hellen Tagen haben wir uns schon vor Monaten verabschieden müssen, von den sommerlichen Temperaturen auch schon vor einer ganzen Weile, die Bäume müssen ihr Laub loslassen und stehen dann schon bald wieder ganz kahl da, was ich immer irgendwie etwas trostlos finde. Nicht zuletzt ist bald (nächste Woche) auch noch Allerheiligen, was nun auch mit Loslassen, Tod, Abschied nehmen zu tun hat.

Und so musste ich daran denken, dass auch in meinem Leben gerade zwei Episoden zu Ende gehen: Auf der einen Seite mein Büroraum, der mich durch die letzten zwei Jahre begleitet hat. Aus verschiedenen Gründen hat es sich so ergeben, dass unsere gemeinsame Zeit abgelaufen scheint. Was natürlich immer mit aufräumen, aussortieren und loslassen verbunden ist (zumindest nutze ich die Gelegenheit dazu…). Meistens wird unterschätzt, wie kraftraubend solche Loslass-Prozesse sind, da bin ich gefragt, gut für mich zu sorgen und zu schauen, was mir gut tut.
Und auf der anderen Seite ist da mein Studium, das mich die letzten fast drei Jahre sehr bereichert hat, welches demnächst seinen Abschluss findet – mit all den netten, tiefsinnigen Menschen, mit denen ich diese Zeit geteilt habe. Abschied nehmen ist da gleich doppelt anstrengend…

„Auf jedes Ende folgt wieder ein Anfang, auf jedes Äußerste folgt eine Wiederkehr“,
wusste schon Lü Bu We vor etlichen Hundert Jahren.[i]

In solchen Situationen des (vermeintlichen) Endes und des Abschiednehmens muss ich immer an meine letzten Tage auf dem Jakobsweg denken: Was mich damals mit Schmerz und Wehmut erfasste, erwies sich im Nachhinein als ein Wendepunkt in meinem Leben.

Was das betrifft, ist die Natur uns ein wundervolles Vorbild: Auf dem Humus dessen, was die Natur im Herbst verwirft und loslässt oder was (ab)stirbt und im Sinne des Wortes zu-grunde-geht, entsteht in der Stille des Winter und danach ein fruchtbarer Grund und Nährboden für Neues – neues Wachstum, neues Leben, neue Projekte. Transformation bedeutet Stirb und Werde: Altes loslassen, damit Neues entstehen. Dazwischen braucht es Rückzug, die Kraft der Stille und des Augenblicks. Präsent sein – und sich der eigenen Essenz gewahr werden.

Nutzen wir die herannahende Zeit des Winters – für uns um Ruhe zu finden, loszulassen, Kraft zu schöpfen – damit neue Projekte und Ideen auf der Grundlage unserer Essenz entstehen können.

Aber erstmal wünsche ich Ihnen: Fröhliches Ernten!

Ihre Christina Bolte

[i] Frühling und Herbst des Lü Bu We, S. 56

Vom Sehnen und Suchen: Sehn – Sucht

28 Mai

Früher, während meiner Zeit als Angestellte, bin ich in meinem Urlaub immer gerne durch die ganze Welt gereist. Klar, einerseits wollte ich natürlich dem mitteleuropäischen matschig-nass-kalten Winter entkommen und mir die lichtarme Zeit im sonnigen Süden verkürzen.

Anderseits hatte die Abwechslung zu meinem sonst sehr stressigen und durchgetakteten Arbeitsalltag ohne viel Freiraum zum Luft holen und für neue Eindrücke natürlich auch immer einen Touch von Freiheit und Abenteuer.
Und so fand ich es auch immer sehr bereichernd aus erster Hand zu erleben, wie Menschen in anderen Ländern leben. Wobei er-leben meistens im Wortsinn als sinnhaftes Er-Lebnis zu verstehen war, denn meistens waren alle Sinne zu dessen Wahrnehmung gefordert:
Die Ohren vernahmen fremd anmutende Töne und Klänge, was manchmal Musik war, manchmal auch nie zuvor gehörte Insekten, häufig aber auch Unmengen an Verkehrslärm.

Die Augen erfreuten sich an blauem Himmel, weißem Strand und azur-farbenen Wasser, alternativ an den bunten Farben der Kleidung der Einheimischen.

Etwas ambivalent waren häufig die Eindrücke für die Nase – einerseits der großstädtische Gestank viel genutzter zweigetakteter Volks-Fahrzeuge, andererseits der intensive Geruch beim Besuch der einheimischen Märkte – mancherorts waren Kühlschränke Luxus, und so durchzog ein deutlich wahrnehmbarer Geruch von getrocknetem Fisch, frischen Obst oder frischen Gewürzen die Luft…
Gleichzeitig kitzelten die frischen Früchten und Gewürzen aus der Küche des Reiselandes auch den Gaumen – was diesen erfreute, manchmal aber auch den Montezuma reizte.

Nicht zu vergessen natürlich die urlaubsmässige Laisser-faire-Mentalität mit der ich heute hier und morgen dort die Tage spontan nach Lust und Laune verbringen konnte, sofern ich nicht der Meinung war, irgendwo ein toughes Programm von soundso-vielen Tauchgängen absolvieren zu müssen.

Urlaub – ist mehr als Abenteuer

Genug der Erinnerungen – denn wie ich bereits hier erwähnte, hat alles seine Zeit.
Die Reisen ermöglichten mir – neben der Möglichkeit Sonne zu tanken und den trüben Winter besser zu überstehen – natürlich auch vielfältige Einblicke und Eindrücke in das Leben der Bewohner meines Reiselandes.
Vor allem aber ermöglichten sie mir auch immer mal wieder die Erkenntnis, wie gut es uns hier in Deutschland eigentlich geht, was mich dann immer sehr mit Dankbarkeit erfüllte.

Allerdings immer nur so lange, bis ich wieder in meinem Arbeitsalltag angekommen war und in diesem wieder versank. Denn dann waren all die Sinneswahrnehmungen wieder in weiter Ferne und die Erinnerungen nur noch auf Fotopapier (bzw. nach dem Einsetzen der Digitalfotografie sogar nur noch im Datenarchiv). Es dauerte allerdings noch ein paar Jahre (die mich natürlich nicht davon abhielten, im Winter weiter zu verreisen), bis ich herausfand, warum das so war.

Denn wie mir mittlerweile bewußt ist – so schön, erlebnis- und erfahrungsreich diese Urlaubsreisen auch immer gewesen waren: Als eine wichtige, wenn mir damals auch unbewußte Motivation für die Reisen war damals immer eine gewisse Sehnsucht mit im Spiel (und im Gepäck) gewesen. Vordergründig sicherlich eine Sehnsucht nach Neuem, nach Abenteuer, nach Erholung genauso wie nach Ausgleich oder Belohnung zu meinem stressigen Job.

In den wenigen wirklich ruhigen Momenten auf diesen Reisen, in denen mein Bewußtsein nicht durch reisebedingte „äußere Einflüsse“ abgelenkt war, gelang es gelegentlich meiner inneren Stimme, sich Gehör zu verschaffen. Das waren dann die Momente, in denen mir Gedanken kamen wie „in was für einem Film lebe ich eigentlich gerade?“ (wobei mit ‚gerade‘ mein für mich normaler Alltag gemeint war) und „kann denn das (der Alltag) schon alles sein“.

Tief in mir drin wurde also eine zunehmend stärkere Sehnsucht in mir offenbar, die für mich lange nicht greifbar war. Was sehnte ich mir herbei? War es etwas (oder jemand?), um eine innere Leere tief in mir drin zu füllen? War es der Wunsch meiner inneren Stimme, gehört oder gar die Sucht, ge-seh(e)n zu werden?

Heute weiss ich, dass ich auf all diesen Reisen tief in mir drin den Wunsch hatte, etwas in meinem Leben zu verändern – ohne dass ich jedoch im Alltag dafür etwas getan oder anders gemacht hatte als zuvor. Gleichzeitig war es die Suche nach etwas, was mir und meinem Leben einen ‚echten‘ Sinn gab und mich erfüllte – ohne aber mich in meinem Alltag für so etwas (Neues) zu öffnen.

Ich weiss heute außerdem, dass meine Innere Stimme in den verschiedenen ruhigen Momenten am Meer mich genau auf diese Notwendigkeit für eine solche Öffnung und Veränderung  hinweisen wollte. Leider musste ich ein- oder zwei Mal in einen Burnout geraten, um die Bereitschaft dafür (und fürs Hinhören) auch tatsächlich zu entwickeln und eine Veränderung in meinem Leben vorzunehmen.

Heute brauche ich keine Fernreisen mehr (auch wenn ich mich zugegebenermaßen immer noch schwer tue, mich mit dem mitteleuropäischen Winter anzufreunden). Denn heute kann ich auch die kleinen Wunder des Alltags als Abenteuer betrachten und den ‚Sinn‘ meines Lebens in mir selbst finden. In Kontakt mit meiner inneren Stimme kann ich ohnehin auch auf meiner Couch kommen…

Interessanterweise ist das Wort Sehnsucht oder Sehnen verwandt mit der anatomischen Sehne, also jenem bindegewebigen Teil des Muskels, durch den dieser mit einem angrenzenden Knochen verbunden ist.
Rein anatomisch betrachtet wird also durch die Sehne, also dem Muskelansatz selbiger aktiviert, quasi als ein Bewegung ausführendes Organ oder Körperteil.

Ich finde, dies ist eine spannende  Analogie, wenn die Sehne am Anfang einer Bewegung  steht und als deren Auslöser steht. Denn ist es nicht gerade, die Sehnsucht nach etwas, die uns veranlasst, in Aktion zu treten, und eine Veränderung zu bewirken?

Die Fenster der inneren Stimme

Wonach sehnen Sie sich? Fragen Sie Ihre innere Stimme – und fürchten Sie sich nicht vor den „stillen Momenten“ in Ihrem Leben, sondern schätzen Sie sie. Denn genau diese sind die „Fenster“, in denen Ihre innere Stimme mit Ihnen kommunizieren möchte.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen erfolgreiches und erfülltes Finden…

Schweigen

23 Mai

Ein Gedicht in vier Kapiteln

I

Du läßt mich allein in diesem eiskalten Schweigen.
Mein Herz schreit vor Schmerz und es drängt mich zu wissen warum.
Was ich falsch gemacht hab, trau ich mich nicht zu fragen –
viel zu groß ist meine Angst vor dem Lärm Deines Wutausbruchs.
Das Schweigen macht mich hilflos. Und sprachlos.
Ich fühle mich getrennt. Und klein. Und nichtssagend.
Dabei bist Du es, der tatsächlich nichts-sagend ist.

II

Ein Vierteljahrhundert später hab ich gelernt mich auszudrücken.
Die Welt dreht sich schneller, als als Kind es mir schien.
Jedoch nicht nur schneller, auch lauter,
vergeht doch fast keine Stunde, wo kein Radio oder Lärm ertönt.
Wie sehr genieß ich die Auszeit in der Ruhe der Berge,
oder die wortlose Aufmerksamkeit beim Tauchgang.
Ich genieße das Schweigen als Ausgleich in dieser beschleunigten Welt.

III

Wie wohl tun mir heute die Orte der Ruhe –
in Kirchen und Klöstern scheint die Zeit still zu stehn.
Und auch die Welt scheint langsamer zu drehn.
Ich fühle mich wattiert wie in der Stille des Nebels.
Und dennoch: Meine Sinne sind geschärft,
denn das Schweigen hilft, mich zu zentrieren:
Die Stille gibt mir wohltuenden Halt.

IV

Welch kraftvolle Ruhe! Ein Schweigen so heilsam.
Es braucht kein leeres Füllwort, um die Stille zu füllen.
Denn das Schweigen sagt alles.
Dein liebevoll-aufmerksamer Blick
vermag so viel mehr als ein Wort auszudrücken.
Ich fühl mich vertraut und verbunden zugleich.
Ich bin so dankbar und von Schweigen erfüllt.

Damit das ICH in mir einen Raum findet, um zu schwingen.
Denn ohne Schwingung bin ICH wie erstickt.

Herzschlag des Lebens (1)

15 Sep

Vor kurzem war ich – wie auch schon mal vor zwei Jahren – auf einem Sommerfest im Zeichen des Herztrommelns.
Nach einer kurzen Einstimmung auf die Instrumente wurde in einer großen Gruppe die ganze Nacht durch bis zum Morgengrauen getanzt und getrommelt. 
Hier ein kurzer Eindruck vom Trommeln im Rhythmus unseres Herzschlages…

Der Abend beginnt. Im Rhythmus des Herzens. Da – dum.
Das Rasseln, der Tanz, der Bass. Da – dum.
Die ganze Zeit, stundenlang. Da – dum.
Beim Essen, beim Trinken. Da – dum.
Den ganzen Tag, die ganze Nacht. Da – dum.
Beim Dösen, beim Schlafen. Da – dum.
Beim Spielen, beim Kuscheln. Da – dum.
Während ich lausche und fühle. Da – dum.
Ich bin geborgen. Überall. Da – dum.
Verbunden, mit dem Rhythmus des Herzens. Da – dum.
Mit mir und den anderen. Da – dum.
Herzliche Begegnungen mit netten Menschen. Da – dum.
Wärme und Heilung. Da – dum.

Doch dann: Das Morgengrauen!
Der Herzschlag hört auf. – Stille –
Ich höre und spüre – Stille –
Nur Kälte und – Stille –
Ich fühle mich einsam und verlassen.

So muss es sein, wenn man das Licht der Welt erblickt.
Aus dem Mutterleib in die Welt kommt.
Statt Geborgenheit und Da – dum
Nur Kälte und Einsamkeit.
Wie herz – los, diese Stille…

Das Leben – ein Labyrinth?

23 Jan

Anlässlich eines Wochenend-Seminars hatte ich vor ein paar Monaten nach mindestens 20 Jahren mal wieder die Gelegenheit, mich in ein Labyrinth zu begeben. Wenn auch nur mit einem (roten) Stift auf einem Blatt Papier.

 Dafür war es aber nicht eines von diesen Irrgärten mit Sackgassen oder so, wie die aus den Rätsel-Seiten in irgendwelchen Zeitschriften, sondern ein richtiges: Ein Labyrinth mit einem klaren, kreuzungsfreien Weg, der in die Mitte führt.

In die Mitte kommen – man sollte ja nicht denken, dass das so schwierig ist. Ist es auch nicht, aber auf jeden Fall philosophisch:

Am Anfang ist es am schwierigsten den Eingang zu „finden“. Später ist es dann einfacher dem Weg zu folgen, denn da gibt es links und rechts die Linien, die einem wie Leitplanken den Weg weisen, wenn man quasi den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht…

Irgendwann wird es fast schon ein wenig langweilig: „Irgendwann muss doch der Weg mal zu Ende sein!“, und am Schluss, kurz vor dem Ziel bleibt ein klarer, kräftiger, fast schon geradliniger Weg.

Aber es ist eines, ein Labyrinth auf dem Papier zu beschreiben. Es ist aber etwas völlig anderes, und etwas viel Bewegenderes, das Labyrinth tatsächlich auch „zu begehen“. Dazu hatte ich gerade kürzlich die Gelegenheit.
Denn nur durch das Begehen kann man seinen eigentlichen Sinn auch wirklich er-Leben.

Denn ähnelt ein Labyrinth mit seinen Irrungen und Wirrungen nicht auch  irgendwie dem Leben?

Mal gibt es sehr enge Kurven und die Wendepunkte kommen schnell hintereinander, wo ich sehr achtsam sein muss um nicht aus meinem Takt zu kommen. Und mal gehe ich in großen langen Bögen, wo ich auch mal Zeit habe, ein wenig meine Gedanken treiben zu lassen.

Überhaupt, die Wendepunkte: Manchmal laufe ich gegen eine „Wand“, stoße an sie an, und muss zwangsläufig meine Richtung verändern, d. h. umdrehen, umdenken oder um-kehren.

Später dann die Erkenntnis, dass es anders als es mir scheint, dass mich die Wände nicht von meinem Ziel trennen, sondern mich hinführen – hin zum Ziel. Und doch komme ich weiter voran. Schritt für Schritt. Das macht es spannend – und überhaupt nicht langweilig.

Das Leben und die Mitte finden – meine eigene und die des Lebens – ist gar nicht so einfach wie es auf den ersten Blick scheint. Zuerst hinein in die Mitte, und später wieder hinaus. Auch da ähneln sich das Labyrinth und das Leben.

Langsam und bedächtig gehe ich weiter. Und immer wenn ich denke, dass ich das Ziel schon direkt vor mir habe, ist es doch noch nicht so weit. Interessant ist, dass sich auch mein Blickwinkel auf das Ziel bei jedem Schritt verändert, und doch bleibt es (das Ziel) unverändert bestehen.

 Ist es denn eigentlich besser, mit meinem Blick lieber auf dem Weg zu bleiben – mit dem Risiko, mit Scheuklappen durch die Gegend zu laufen und die schönen Augen-Blicke am Weg zu verpassen ? Oder bleibe ich mit meinem Blick auf dem Ziel – mit dem Risiko, vom Weg abzukommen und eine Extrarunde zu drehen? Wobei jeder Umweg natürlich auch neue Einblicke gewährleistet… 

Klar ist: Es gibt keine Abkürzungen, jedenfalls nicht ohne über irgendwelche Linien oder Mauern zu steigen oder Gefahr zu laufen, am Ende wieder in die falsche Richtung zu gehen. Und vor allem nicht ohne die Gefahr, ein paar wunder-volle Augen-Blicke zu verpassen.

In der Mitte angekommen, darf ich sie dann auch ruhig mal ein Weilchen genießen. Und gern auch mal im Mittelpunkt stehen. Das Ziel umarmen, es festhalten, mich daran anlehnen oder mich auch darin hinein entspannen. Und aushalten – wie die Stille und die leeren Stellen zwischen den Worten. Vielleicht stelle ich dann auch manchmal fest, dass das Ziel doch auch gar nicht sooo perfekt ist, wie ich es mir vorgestellt hatte, oder wie es mir aus der Entfernung schien.

 Wie dem auch sei: Dann heißt es Abschied nehmen von der Mitte, sie wieder verlassen. Es ist ein tolles Gefühl, gestärkt und motiviert durch die Begegnung in und mit der eigenen Mitte den Weg zurück zu finden. Der Weg zurück ist der Weg zu neuem Leben, heißt es. Fast schon wie auf dem Jakobsweg…

 (PS: Wenn Sie sich auch einmal die Gelegenheit für einen meditativen Spaziergang durch ein Labyrinth gönnen möchten, schauen Sie doch mal unter: http://www.begehbare-labyrinthe.de/index.html?begehbar.htm)

Stille Nacht

24 Dez

„Stille Nacht, heilige Nacht…“ schallt es derzeit wieder vielerorts her, denn Weihnachten steht vor der Tür. Aber ist es wirklich noch so, dass man Weihnachten mit still und heilig verbindet? Ist es nicht viel häufiger hektisch oder stressig, weil noch dies oder jenes so kurz vor den Feiertagen erledigt werden will?

Hmmm. In einer Zeit, in der Ruhe und Stille ein fast schon seltenes Gut geworden sind, in der man kaum irgendwo hingehen kann (sei es zum Einkaufen, in eine U-Bahnstation, in eine Bar oder ein Restaurant) ohne von einer im Hintergrund laufenden Melodie beschallt zu werden, habe ich mir eine fast schon als Luxus anmutende mehrtägige Auszeit gegönnt, um einmal Ruhe, Schweigen und Stille zu genießen.
Und wenn ich sage „Luxus“ meine ich zweierlei: Zum einen selten und zum anderen unbezahlbar. Kostenlos, aber gleichzeitig für kein Geld zu erwerben. Und dabei kann Schweigen jeder. Es ist eine aktive, bewusste Handlung des Nicht-Sagens. Stille ist etwas anderes, man muss sie willkommen heißen, einladen. Das ist immer noch aktiv, aber Stille ist mehr: Es ist ein passives Geschehen-Lassen: Ein Zulassen und sich fallen lassen, manchmal auch ein Aushalten. Das ist nicht immer einfach.
Aber am besten geht es damit, dass man zu schweigen beginnt. Weder Schweigen noch Stille lassen sich mit einem Wort ausdrücken, also probiere ich es einfach mit ein paar mehr…

  • Schweigen ist mehr als die Abwesenheit von Worten, sowie Stille mehr ist als die Abwesenheit von Geräuschen.
  • Schweigen ist viele lange Augenblicke.
  • Schweigen ist auch die Abwesenheit von Beurteilung. Aber wen und vor wem sollte ich denn urteilen, ich bin doch kein Richter oder Gott… – Wer andere verurteilt, hat sich selbst noch nicht kennen gelernt.
  • Schweigen ist ein Wahrnehmen, ein Hinspüren – auf die Gedanken und Gefühle, die da sind. Und vielleicht auch auf die Sehnsüchte, die sich dahinter verbergen. Hilfreich ist da (zum Beispiel) die Frage: „Wie kann ich jetzt gerade gut für mich sorgen?“
  • Schweigen ist die Einladung zum Dialog mit sich selbst, denn die Stille ist die einzige Gelegenheit, die Melodie seines Herzens zu hören. Die innere Stimme des Herzens singen oder jubilieren zu hören – oder weinen oder aufschreien, je nachdem.
  • Schweigen ist also die Stille, die mit neuen Ideen und Impulsen gefüllt werden will. Luftholen. Wie beim Atem: Beim Einatmen schöpfe ich Kraft für neue Impulse – nicht umsonst heißt Einatmen auf lateinisch auch Inspiration. Schweigen und mit sich selbst allein sein ist erstmal ungewohnt und daher am Anfang unendlich schwer zu ertragen. Ein „Ertragen“, sich selbst aushalten.
  •  Schweigen ist die Stille, die der Schatten – das sind die dunklen Seiten meines Selbst und meines Innersten, die ich soooo lange versucht habe zu ignorieren, zu übertönen und beiseite zu schieben – nutzt um sich zu Wort zu melden.
  • Schweigen, mit sich selbst allein sein – einSchweigen, Stille ist die Pause zwischen dem Getanen und Gesagtem. Die Zwischenräume, ohne die die Buchstaben, Worten und Taten nur eine sinnlose Aneinanderreihung wären. Die leeren Stellen also, die den Buchstaben, Worten und Taten – also dem Leben – erst einen Sinn geben…
  • Schweigen – Gedanken wollen gesagt werden. Wollen ja, aber müssen sie das auch? Im Hinblick auf und mit Respekt vor der Stille erscheint vieles von dem, was normalerweise soo bedeutungsvoll und wichtig geglaubt wird, doch belanglos und nur noch halb so wichtig. Getreu dem Lied aus meiner Jugend von Depeche Mode: „Words are very – unneccessary“

Und hier noch in den Worten Helmut Reutters:
„Wer die Sprache der Stille hört und sie versteht, erfährt etwas von dem reinen Glück der Gegenwart Gottes.“

Anlässlich einleitend erwähnter Feiertage wünsche ich Ihnen ein friedliches und besinnliches Weihnachtsfest und dass Sie die Gelegenheit haben bzw. sich schaffen können, sich ein den Luxus ein paar stiller Momente zu schenken.

Und im Sinne (und in den Worten) oben erwähnter Band meiner Jugend: Enjoy the Silence!

(PS: Um die hier zitierte Stille nicht zu konterkarieren, verzichte ich auf irgendwelche Verlinkungen zu oben genanntem Song)