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Pilgern – damals und heute: Wie das Internet das Pilgern verändert

4 Aug

Dies ist der vollständige Text zu meiner Podcast-Episode 072 (da dieser auf der entsprechenden Webseite www.weg-zurueck-ins-leben.de nur teilweise ausgeschrieben ist.)

Pilgern – damals und heute

Dieses Jahr habe ich Jubiläum! Denn dieses Jahr ist es zehn Jahre her, seit ich das erste Mal auf dem Jakobsweg unterwegs war.

Zwar bin ich damit sicher kein Pionier und zehn Jahre sind auch sicherlich noch kein Zeitraum, bei dem es gerechtfertigt scheint, einen „Damals-und-Heute-Vergleich“ zu ziehen.
Dennoch denke ich jedes Mal, wenn ich in den letzten Jahren mal wieder auf einem der verschiedenen spanischen Wege unterwegs war, an meinen ersten Camino zurück und daran, wie sich seitdem nicht nur in der Welt, sondern auch auf dem Camino einiges verändert hat. Meine Gedanken dazu möchte ich gerne mit Dir teilen.

Folgendes sind die 3 Veränderungen, die mir am meisten auffallen:

  1. Das Pilgern auf dem Jakobsweg erfreut sich steigender Beliebtheit, deshalb sind zunächst einmal die gestiegenen Pilgerzahlen das Augenscheinlichste:
    Seit 2006 hat – Hape Kerkeling sei Dank – ist die Zahl der in Santiago de Compostela ankommenden Pilger sprunghaft angestiegen[1]. Auch ich bin einer von denen, die sich bald nach der Lektüre seines Buch „Ich bin dann mal weg“ auf den Weg machten.
    Während 2007 „nur“ etwas über 114 Tsd. Pilger in Santiago registriert wurden, waren es 2016 mit knapp 278.000 Pilgern bereits fast 2,5 Mal soviele.
    Nach wie vor kommt die überwiegende Mehrheit der Pilger aus Spanien, aber während Deutschland 2007 noch auf dem 2. Platz rangierte, kamen 2016 mehr Pilger aus Italien als aus Deutschland.
    Während aber 2007 etwa 80% der Pilger auf dem Französichen Weg unterwegs waren, waren es 2016 nur noch 63 % – absolut gesehen waren es aber immer noch beinahe doppelt soviele! Kein Wunder, dass viele Pilger inzwischen – um dem ganzen „Rummel“ zu entgehen – auf die Nebenstrecken ausgewichen sind. So rangiert der Camino Portugues mittlerweile mit 18 % auf Platz 2 der Beliebtheitsskala (zurecht übrigens, wie ich finde, ich mag ihn auch sehr).Aber auch wenn Du es lieber einsam beim Pilgern magst, gibt es noch genügend Möglichkeiten für Dich, z. B. auf dem (kurzen) Camino Inglés oder der (sehr langen) Via de la Plata.Dementsprechend hat natürlich in den letzten Jahren auch die Anzahl der zur Verfügung stehenden Unterkünfte rasant zugenommen – sowohl die der „offiziellen“ wie auch die der privaten Pilgerherbergen. Zum Glück!
  2. Damit sehr eng zusammen hängt dann der zweite große Unterschied, der mir ins Auge fällt: Das Internet hat auch vor dem Jakobsweg nicht Halt gemacht. Wieso sollte es auch, er ist ja nicht aus dieser Welt…
    2007 traf ich auf dem Camino eine ziemlich große Anzahl von Menschen, die mir berichteten, sie hätten ihr Mobiltelefon ganz zu unterst in ihren Rucksack gesteckt und mir rieten, ich solle das doch auch tun. Damals war ich von dem Vorschlag nicht so begeistert, wie ich in einer Anekdote in meinem Buch Burnout – Vom Jakobsweg zurück ins Leben beschrieben habe.
    Den Jakobsweg als bewußte Auszeit vom Alltag zuhause zu nutzen und den gegenwärtigen Moment bewußt und mit allen Sinnen wahrzunehmen und zu genießen war mir in meiner damaligen Situation, als ich lieber mit den Gedanken schon zehn Schritte im Voraus war, noch nicht möglich. Heute wünsche ich mir mehr solche Momente, denn ich habe gemerkt, dass ich damals nie wirklich irgendwo wirklich „angekommen“ bin.
    Heute erscheint mir ein solcher Rat, wie ich ihn damals erhielt, allerdings undenkbar! Nicht nur ist das Vorhandensein von WLan und Computer mittlerweile für viele Menschen ein Auswahlkriterium für Cafés, Restaurants und Unterkünfte geworden – auch auf die Bewertungen in verschiedenen Portalen wird zunehmend geachtet. Darüber hinaus ist es heute gang und gäbe, vorab in manchen Unterkünften Zimmer bzw. Betten zu reservieren. Auch ich muss gestehen, dass ich mich im April – es war völlig überlaufen in der Karwoche! – auf dem Camino Inglés in einem Ort einen Tag vor Santiago ohne öffentliche Herberge von einigen Pilgerkollegen habe kirre machen lassen. Als ich ihm auf seine Frage, in welcher Unterkunft ich übernachten würde, antwortete: „Keine Ahnung, werde ich dann schon sehen“, schaute er mich entgeistert an und meinte, ich müsse unbedingt irgendwas reservieren, weil manche Herbergen schon seit Tagen ausgebucht seien. Nun ja, wie sich herausstellte, war es für mich als Einzelreisende kein Problem, aber in Gruppen ab 2-3 Personen schon nicht mehr so einfach…
    Vor 10 Jahren habe ich das deutlich anders erlebt. Zum einen steckten diverse Bewertungs-portale noch in den Kinderschuhen, so dass man sich wenn es überhaupt eine Auswahl gab, eher an der Auswahl im Reiseführer orientierte. Oder man freute sich auf das, was kam und nahm es wie es war. Wenn auch manchmal nur mit Murren. Wenn es einen öffentlichen Computer gab, musste man (wie bei den Duschen auch) früh dran sein – oder halt etwas warten, wenn man in Kontakt mit „der Welt da draußen“ bleiben wollte.
  3.  Als ich letztes Jahr oder Ostern dieses Jahr Pilgern war, traf ich etliche Menschen, die ihr Handy als Navigationsgerät benutzten. Was mich persönlich ziemlich belustigt hat, denn an den meisten Stellen ist ja der Weg recht gut mit gelben Pfeilen und/oder Muschel-Schildern markiert, die auch recht gut zu sehen sind, wenn man mit einigermaßen offenen Augen durch die Gegend läuft. Alternativ kann man ja meistens auch noch jemanden fragen, das hat den Vorteil, das man vielleicht mit netten Menschen in Kontakt kommt und ein schönes Gespräch führen kann. So hatte ich mitunter den Eindruck, dass manch ein Pilger vor lauter Selfies, Navi und Facebook gucken genau das verpasst hat, was sich ihm unterwegs an schönen Augenblicken und Gesprächen so geboten hat: Das Leben & die Gegenwart.
    An einem Tag hab ich mich sogar in Santiago eine Weile auf einen Platz in der Nähe der Kathedrale und Leute beobachtet. An mir vorbei führte die „Schlussetappe“ des Jakobsweges – nur noch 100 m trennte die einlaufenden Pilger vom Kilometer Null auf der Plaza de Obradoiro.
    Eine Frau, ich glaub sie war Japanerin, war so damit beschäftigt, den Moment ihres Einlaufens per Selfie-Video festzuhalten und dabei einen guten Eindruck zu machen, dass sie sich vermutlich später an das bunte Treiben oder ihr Gefühle nicht mehr erinnern wird. Denn die werden auf dem Video mit Sicherheit nicht zu sehen sein.

Natürlich kann und soll jeder für sich entscheiden, ob und in welchem Umfang er Handy & Internet auf seinem Pilgerweg nutzen möchte. Manchmal, v.a. in Notsituationen, sind Mobiltelefone ja auch lebensrettend. In vielen Situationen aber eben auch nicht.
So finde ich, dass eine Pilgerwanderung auch eine gute Gelegenheit sein kann, sein Alltags- und Konsumverhalten durch eine bewusste Unterbrechung mal einer kritischen Beobachtung zu unterziehen.

Abschließend möchte ich noch ergänzend, dass es sich hierbei nicht um eine Wertung, sondern lediglich um meine persönlichen Beobachtungen und Reflexionen handelt. Es gibt nichts auf dieser Welt, auch nicht das Internet, das nur Vor- oder nur Nachteile hat.

Wie bist Du auf dem Jakobsweg unterwegs (gewesen) – und wie gehst Du durch Dein Leben?

So finde ich es besonders spannend zu schauen, ob Du bestimmte Parallelen findest, wenn Du Dich dieser Frage widmest – oder eben genau das Gegenteil findest.  Noch interessanter finde ich die Frage, ob Du mit dem, was Du unterwegs erlebst, glücklich bist.
Wenn ja, wunderbar. Wenn nein – ist das evtl. eine gute Gelegenheit, eine kleine Veränderung auf Deinem Weg vorzunehmen.

Nun freue ich mich mit dieser Frage auf eine angeregte Diskussion zu dem Thema!

 

 

[1] Alle in diesem Absatz genannten Daten siehe: http://www.pilgern.ch/jakobsweg/statistik.htm,
auf Basis der Daten des Pilgerbüros in Santiago von 2013, S. 2 & 7

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Pass auf, was Du Dir wünscht – es könnte Wirklichkeit werden!

15 Mrz

Diesen Beitrag hielt ich am 13.03.2017 in freier Rede, so oder so ähnlich, im Toastmasters Club Speakers Corner in München:

Wer von Euch hat schon mal von den „Wünschen an das Universum“ gehört? Oder sie sogar auch schon mal ausprobiert?

Ich hab das früher immer für einen großen Quatsch gehalten – bis ich bei Hape Kerkeling in seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ davon gelesen habe, wie er sich auf seinem Jakobsweg immer Einkehr-möglichkeiten gewünscht hat.

Deswegen dachte ich mir auf meinem eigenen Jakobsweg: „Super Sache, das muss ich auch mal ausprobieren. Schaden kann es ja eh nicht – im schlimmsten Fall passiert halt – nichts.“

Soll ich Euch was sagen? Es funktioniert!

An einem bewölkten Tag, wo es stundenlang bei Gegenwind durch die Weizenfelder ging, sagte ich mehr aus Spaß zu meinem Wegbegleiter: „Du, ich brauch mal ’ne Pause. Es wäre doch schön, wenn wir jetzt dann zum Picknicken eine Bank in der Sonne fänden.“
Er: „Hmm, so wie das hier aussieht – glaube ich nicht, dass wir eine finden. Lass uns doch noch ein bisschen weiterfahren.“

Ca. 10 Minuten später waren wir beide ziemlich perplex, als hinter einem Gehöft, das wir schon aus der Ferne gesehen hatten, ein ganzes Dorf samt Bank auf dem Dorfplatz auftauchte, wo wir tatsächlich ein Picknick machten.

Nun kann man sicher einwenden: Einmal kann das Zufall sein.
Aber ich hatte noch mehrere Erlebnisse dieser Art.

Nachdem ich in Santiago ankam, fuhr ich noch für einen Tag nach Finisterre. In meinem Reiseführer stand, dass das für Pilger zum Programm gehöre, also machte ich das.
Finisterre heißt übersetzt „Ende der Welt“. Tatsächlich ist es ein kleiner Fischerort am westlichen Zipfel von Galicien gelegen. Nach dem Ort geht es nur noch 4 km zu einem Kap. Dort liegt auf einer Art Klippe ein Leuchtturm – das Ende der Welt und des Jakobsweges.
Davon hatte ich in meinem Reiseführer auch schon Bilder gesehen, so hatte ich eine Vorstellung, wie es dort aussehen sollte.

Leider war es an dem Tag, an dem ich dort war, sehr neblig. Auf dem Weg zum Kap konnte ich kaum zwei Meter links und rechts der Straße etwas sehen. So saß ich kurz vor meinem Ziel eine Weile auf einem großen Stein – umgeben von Ginsterbüschen und Nebel. Dort wollte ich ein Pilgerritual durchführen. Das symbolische Verbrennen eines alten Kleidungsstückes – in meinem Reiseführer stand, dass das man das als Pilger so macht.
Ich hatte mich für meine Treckinghose entschieden, denn die war durch zwei Wochen quasi ununterbrochenes Tragen nicht nur erstarrt vor Dreck, sondern war von den vielen Rucksackreisen der Jahre davor auch schon ziemlich fadenscheinig geworden.

Während ich so auf dem Stein saß und meiner Hose beim Brennen zusah, hörte ich in der Distanz immer wieder das Nebelhorn des Leuchtturms tröten. Um mich herum immer noch nur Nebel. Ich dachte mir: „Ich wünsche mir Sonnenschein und keinen Nebel mehr, wenn ich vorne an dem Leuchtturm ankomme.“

Leider hatte ich bei meinem Ritual nicht bedacht, dass die Hose einen ziemlich hohen Kunstfaseranteil hatte. Anstatt zu verbrennen, schmolz sie eher zu einem Plastikklumpen zusammen. Als ich das Ritual beendet hatte, entsorgte ich den Plastikhaufen ordnungsgemäß in einem Mülleimer und machte mich auf die letzten paar Hundert Meter auf den Weg zum Leuchtturm. Erst nach einer ganzen Weile fiel mir auf, dass ich auf der anderen Seite der Meeresbucht durch den Nebel ein Stück Ufer und die Sonne blitzen sah. So musste ich plötzlich laut loslachen, denn ich war begeistert, wie schnell doch so Wünsche an das Universum in Erfüllung gehen.

Voller Wehmut, alleine an einem „so wichtigem Ort“ zu sein, dachte ich mir: „Wenn ich schon niemanden habe, der mit mir bis ans (sprich-)wörtliche Ende der Welt geht, möchte ich zumindest beim nächsten Mal, wenn ich den Jakobsweg begehe, mit jemandem zusammen bis zum Ende der Welt gehen. Oder zumindest mit jemanden den Weg zurück ins Leben gehen.“

Ich sagte es, sprach‘s und vergaß es auch schon wieder, weil ich so damit beschäftigt war, den nun nebelfreien Ausblick zu genießen und Pilgerrituale zu absolvieren. Anschließend ging ich zurück in den Ort und verbrachte dort die noch verbleibende Zeit bis zur Abfahrt meines Busses. Der Urlaub war für mich beendet. Abgeschlossen. Terminado.

Wehmütig und traurig setzte ich mich in den vollbesetzten Bus. Wie man das unter Pilgern so macht, begann ich mit meinem Sitznachbarn ein Gespräch: „Wie lange warst Du unterwegs?“ – „Neun Wochen“. „Freust Du Dich, nach Hause zu kommen?“ Er schwieg. Stattdessen machte er ein eher nachdenkliches Gesicht. „Weiß nicht.“
Das darauf folgende Gespräch erstreckte sich über die restlichen 2 Stunden Busfahrt und darüber hinaus – so als ob wir uns schon ewig kennen würden. Darüber hinaus heißt, dass wir mit einigen Unwägbarkeiten für die nächsten 1 ½ Jahre eine Beziehung führten. Die war einerseits sehr intensiv, aber gleichzeitig auch sehr anstrengend und brachte mich oft an den Rand meiner Kraft.
Dennoch – das Universum konnte nichts dafür, es hatte geliefert, was ich bestellt hatte.

Deswegen: Pass auf, was Du Dir wünscht – sei präzise und klar im Ausdruck – es könnte in Erfüllung gehen. Denn sonst sehen die Lieferungen auf Deine Bestellungen manchmal anders aus, als Du sie Dir vorgestellt hast!

Winter-Ge(h)danken

22 Jan KristallBeeren

Heute sind wir im Rahmen des Pilgertages „LeerLauf für den Kopf“ wieder ein wenig auf dem Jakobsweg gepilgert. Gerne möchte ich ein paar Ge(h)danken und Eindrücke mit Euch teilen:

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WinterWald

 

Trotz dunstig-frischer Kälte
blauer Himmel und Sonnenschein.
Der weiße Winter-Wald
hebt sich farblich davon ab.

frostversponnen

frostversponnen

Gefrorene Spinnweben
benetzen den Christus am Wegkreuz.
Trotz allem –
es fließt der Fluss unbeirrt.

 

Eiskristallwelten

Schneeflockenkristalle

Neben uns auf dem Feld
die Spuren eines Hasen –
und von jemandem,
der am Wegrand lang-gelaufen ist.

Schneeflockenkristalle,
Frostbeeren an den Büschen,
Eiskristallblätter an Zweigen und Gräsern
Eis-Stalagmiten am Wasserfall.

Wasserfall

Eisstalagmiten

 

 

Rote Nasen, kalte Finger,
so kalt, dass Worte und Gedanken einfrieren.
Außer dem Knirschen der Schritte –
Um uns und in uns: Nur — STILLE.

(c) Bilder aus eigenem Bestand

Auf in den täglichen Kampf?

15 Jan

Es gab einmal eine Zeit vor einigen Jahren, da empfand ich mein Leben als täglichen Kampf. Ich befand mich in einem beruflichen Umfeld, das sehr männerdominiert war und in dem deshalb ein recht rauer Umgangston herrschte.
Um „meinen Mann zu stehen“ reihte ich mich ein in die Gepflogenheiten: „Wichtiges“ und richtiges Outfit waren Kostüm und Jackett. Im täglichen Umgang galt: Bloß keine Schwäche zeigen, und Gefühle schon mal gleich erst recht nicht. Wenn man mit jemandem gut konnte, durfte man auch schon mal den einen oder anderen (bestenfalls nur) blöden oder ironischen, schlechtestenfalls auch zynischen Spruch austauschen.

Etliche Jahre hat mir das sogar auch Spass gemacht, mich täglich neuen Herausforderungen zu stellen, und durch die jahrelange Übung war ich auch gar nicht mal so schlecht, denke ich. Aber irgendwann war es mir zu anstrengend.

Denn es war etwas passiert, was mich völlig aus dem Konzept brachte: Ich „verirrte“ mich auf den Jakobsweg. Natürlich verirrte ich mich nicht wirklich, denn ich entschied mich – nach der Lektüre von HaPe Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ – schon recht bewußt dafür – allerdings ohne eine genaue Vorstellung davon zu haben, worauf ich mich einlassen. Und das war – der Weg.

Auf dem Jakobsweg begegneten mir viele Menschen, die so ganz anders „drauf“ waren als ich. Nicht nur vom beruflichen oder sozialen Hintergrund sondern auch mental, von ihrer Einstellung her. Aber darum soll es hier und heute auch gar nicht gehen, denn darüber habe ich ausführlich in meinem Buch „Burnout – Vom Jakobsweg zurück ins Leben“ geschrieben.

Was die vielen Begegnungen auf dem Jakobsweg allerdings völlig von meinem damaligen Alltag unterschieden, war die unglaubliche „Tiefe“ der Gespräche, die sich mir innerhalb unglaublich kurzer Zeit offenbarte. Was meine ich mit Tiefe? Nun, die Menschen unterwegs (zumindest die wenigsten) waren innerhalb von sehr kurzer Zeit in der Lage, sehr persönliche Dinge von sich preis zu geben, erzählten über Schicksalsschläge, Krankheiten und andere schwierige Situationen, mit denen sie sich gerade im Leben konfrontiert sahen und die sie veranlasst hatten, sich auf den Weg zu machen. So hatte auch ich die Möglichkeit, mich zu ohne meine gewohnte Maske (man könnte auch sagen: Rüstung) zu zeigen, ich selbst zu sein. Erstmals ließ ich es auch zu, dass sich (meine) tief vergrabene(n) Gefühle zeigen konnten – und merkte, wie wohltuend und erleichternd es war, keine „Rolle“ mehr zu spielen.

Doch dann war meine Reise wieder zu Ende, und ich ging wieder an meinen alten Arbeitsplatz zurück. Naturgemäß fand ich es sehr befremdlich, mich auf einmal wieder in das altbekannte „Korsett“ einzustellen – zumindest empfand ich die oben geschilderten Gepflogenheiten nun als solche. Es war, als ob ich – nachdem ich eine Weile die Leichtigkeit und Flexibilität eines Lebens ohne Ritterrüstung genossen hatte – dieses sperrige und vor allem starre Konstrukt wieder anlegen musste, um in der nächsten Schlacht bestehen zu können. Falls nicht, befürchtete ich zumindest, ähnlich einem heranwachsenden Krebs, der für kurze Zeit seine Hülle ablegt und die kurze Zeit, bis die neue Hülle sich gefestigt hat, nun weitestgehend nackt und verletzlich da zu stehen.

Zwar verhielt ich mich im Großen und Ganzen konform zu den oben geschilderten Gewohnheiten, die nun nicht mehr so ganz die meinen war, vor allem in größeren Runden und Besprechungen. Denn zumindest der Dresscode war nun etwas, was mir wenig innere Konflikte bereitete.
Aber in der weiteren Zeit an dieser Arbeitsstelle (es waren noch einige Jahre, bis mir die Hülle endgültig zu eng wurde) machte ich zu meiner Überraschung einige Entdeckungen. Ich nannte diese übrigens auch „Feldversuche“:

Gelegentlich hatte ich auch Arbeitsgespräche mit einigen Kollegen zu zweit, und in solchen Runden traute ich mich dann immer öfter, mein „Visier“ zu öffnen und mich nicht als Stelleninhaber meiner beruflichen Position (Controller, wer mag die schon?) sondern als Mensch zu zeigen. Soll ich Ihnen etwas sagen, es ist nicht ein einziges Mal ausgenutzt worden! Im Gegenteil, sehr oft wurde meine Offenheit zu meiner Überraschung sogar auch erwidert.

Ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist mir eine Situation, als ich mit einem Kollegen bei einem Kaffee ein Gespräch führte. Eigentlich hatte ich mich gar nicht so auf das Gespräch gefreut, im Gegenteil, ich hatte eher mit einem mulmigen Gefühl zugesagt, denn ich hatte den Kollegen bisher eher als „schwierig“ in diversen größeren Runden wahrgenommen. Damals (und das tue ich auch heute sehr häufig noch) trug ich einen relativ großen Schmuckstein als Anhänger um den Hals. Können Sie sich vorstellen, wie blöd ich geschaut hatte, als eben dieser scheinbar so schwierige Kollege relativ zum Ende unseres Gesprächs einen Hämatit aus der Hosentasche zog und mir sagte, dass dies sein Glücksstein wäre, den er immer für schwierige Situationen dabei hätte?

Nun denn – damals gelangte ich zu der Erkenntnis, die ich auch heute noch vertrete: Wenn Dir etwas nicht gefällt, ist es an Dir dies zu ändern. DU bist der- oder diejenige, die den ersten Schritt dazu tun muss. DU bist der- oder diejenige, der/die zuerst sein Visier hochklappen muss.
Natürlich nicht immer und vor allem nicht in jeder Situation – aber immer öfter.

Ich jedenfalls habe es – trotz allem, dass ich mich im Großen und Ganzen nicht mehr wohlgefühlt habe in dieser Unternehmenskultur – als sehr bereichernd wahrgenommen, die teilweise langjährigen Arbeitskollegen auf einer neuen Ebene kennenzulernen und so in meinem kleinen Mikrokosmos eine andere (Arbeits-)Atmosphäre zu schaffen.
Heute habe ich mir – auch unabhängig vom Camino – viele tiefsinnige Begegnungsmöglichkeiten in meinem Alltag geschaffen, auch im beruflichen Umfeld. Nicht nur dadurch finde ich meinen neuen Alltag um ein Vielfaches bereichernder als den damaligen.

Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie in Ihrem Leben und in Ihrem Umfeld einen Unterschied machen können. Versuchen Sie es, es lohnt sich!

Ihre Christina Bolte

Ach ja, wenn auch Sie Ihr Leben als täglichen Kampf empfinden – dann ist der/die KURS „Veränderung“ das richtige für Sie. Sie erhalten Hilfsmittel und Werkzeuge an die Hand und üben auch deren Gebrauch, damit Sie sich im Alltag besser schlagen können.
Aktuell beginnt wieder ein neuer Kurs, aber auch laufend ist ein Einstieg möglich.

Der Geist des Camino

14 Jun

Im Mai war ich mal wieder auf dem Jakobsweg unterwegs. Ein Stück Weg ging ich gemeinsam mit einer Frau, so unterhielten wir uns. Sie war das erste Mal auf dem Camino und wollte, nachdem sie schon so viel von Bekannten über den Jakobsweg gehört hatte, sich ein eigenes Bild davon machen und dem, wie sie es nannte, „Geist des Caminos“ auf die Spur kommen.

Auf meine Frage, ob es ihr schon gelungen sei, sagte sie, dass ihr einige Aspekte durchaus aufgefallen waren. Einer davon sei sicherlich die spezielle Art von Gemeinschaft, die auf dem Jakobsweg vorherrscht, sowie die Offenheit, durch die sie sich auszeichne.

Gemeinschaft meinte sie dabei durchaus im mehrfachen Sinn: Einerseits natürlich im Sinn einer großen Kollegialität: Man  hilft sich und unterstützt sich, sei es mit ganz praktischen Dingen, dass man sich gegenseitig Dinge (z. B. Lebensmittel hinterlässt), die man nicht mehr benötigt, tauscht sich aber auch über ganz praktische Dinge aus, wie Unterkunfts-Empfehlungen oder die Art, am besten seinen Rucksack zu tragen.
Zum anderen ist die Pilger-Gemeinschaft sicherlich auch eine Art Schicksalsgemeinschaft: Man hat ja den gleichen Weg und dasselbe Ziel.

Was das Thema Offenheit betrifft, gibt es auf dem Pilgerweg überdurchschnittlich häufig die Gelegenheit für besonders tiefe Begegnungen und Gespräche, die fast schon intimen Charakter haben. Dabei meine ich intim natürlich nicht im sexuellen Sinn, wobei auch das sicher vorkommt, sondern eher in dem Sinn, dass man durch das Teilen von sehr engem Raum (auch im übertragenen Sinn) – sei es in der Pilgerherbergen oder auf einem Stück Weg – aber auch durch das Mit-Teilen von teilweise sehr persönlichen Geschichten oder Begebenheiten sehr viel von anderen Menschen erfährt. Zumindest gemessen an der kurzen Zeit, die man einander kennt (diese wird ja meist eher in Stunden oder Tagen ausgedrückt als in Monaten oder Jahren, wie im „normalen“ Leben).
Mir zumindest ist es in meinem Alltag noch nicht passiert, dass mir jemand Fremdes oder ein Mensch, den ich das erste Mal eher zufällig in einem Lokal treffe, sofort seine halbe Lebensgeschichte erzählt oder mir Einblick in die Tiefen seines Seelenlebens gewährt. Wie z. B. mit welchen Päckchen ihn oder sie das Schicksal oder Leben beschenkt hat. Im Gegenteil, das dauert sogar im therapeutischen Kontext manchmal länger!

Wieso ist das so? Wieso begegnen wir zu Hause anderen Menschen anders und zeigen uns weniger offen und verletzlich?

Nun, vielleicht ist das (neben anderen Dingen) eines jener Geheimnisse des Caminos, die sich dem Menschen nicht sofort bis gar nicht offenbaren. Sozusagen, „der Geist des Caminos“. Das Numinose, „das ewig Geheimnisvolle“. So wie auch das Göttliche niemals vom Menschen vollständig erfasst werden kann…. Das, nach dem am Ende immer eine tiefe große Sehnsucht bleibt.

Geheimnis-umwobene Grüsse und
Alles Gute auf dem Weg wünscht

Christina Bolte

Ruhig schlafen – und andere Banalitäten

25 Mai

Neulich bin ich auf meiner letzten Wanderung auf dem (portugiesischen) Jakobsweg durch den spanischen Ort Tui gekommen, den ersten Ort nach Überschreiten der spanisch-portugiesischen Grenze.

Dies erinnerte mich an ein Erlebnis, das ich vor vier Jahren hatte, als ich das letzte Mal hier war. Damals übernachtete ich in einer kleinen privaten Herberge und freute mich, dass ich auch noch abends um 20 Uhr das einzige Bett in meinem 6-Bett-Zimmer belegte. Normalerweise sind „ordentliche“ Pilger (und deutsche Pilger sind seehhr ordentlich *Ironie aus*😉) um diese Zeit schon längst angekommen und spätestens um 22 Uhr auch im Bett, damit sie sich am nächsten Morgen pünktlich um 6.30 Uhr oder sogar noch früher wieder auf den Weg machen können.

So war auch ich an besagtem Tag um die Zeit schon im Bett und sanft am Schlummern, als plötzlich Horden von Menschen mit schweren Schuhen laut die Holztreppe hinauf polterten, sämtliche Türen aufrissen, Licht anmachten, sich lautstark in einer fremden Sprache (Portugiesisch) unterhielten, dann (nachdem sie netterweise das Licht wieder aus und die Türen wieder zugemacht hatten) lautstark die Treppe wieder hinunter polterten. Eine Stunde später wiederholte sich das ganze, zum Glück einige Dezibel leiser, aber immer noch laut genug, um viele der bereits Schlafenden nochmals aufzuwecken.

In mir hat die ganze Aktion damals verschiedene Reaktionen ausgelöst. Zum einen war ich ziemlich sauer, in Anbetracht der Rücksichtlosigkeit dieser Horde Männer (es waren keine Frauen dabei). Mein nächster Gedanke war: „Oh Gott, so muss es sich anfühlen, wenn Krieg ist, wenn böswillige Menschen einfach in die Häuser stürmen und (im besten Fall nur) Angst und Schrecken verbreiten.“ Dann wurde mir klar, in wie vielen Ländern auf diesem Planeten es heutzutage nichts Ungewöhnliches ist, nachts durch solche oder ähnliche Erlebnisse aus dem Schlaf gerissen zu werden und sich nicht einmal im eigenen Zuhause sicher fühlen zu können. Das ließ mich gleich ein Stückchen dankbarer werden dafür, dass wir in Europa schon ziemlich lange in Frieden leben können und ein friedlicher Nachtschlaf daher für mich bis dahin etwas Selbstverständliches gewesen ist.

Und Sie? Was für Erfahrungen haben Sie schon mal mit den sogenannten Selbstverständlichkeiten im Leben gemacht?

Ich freue mich auf Ihre Geschichten!

Ihre Christina Bolte

PS: Am nächsten Morgen löste sich das Rätsel übrigens auf. Was passiert war, war folgendes: Eine Gruppe von ca 8-10 Portugiesen hatte sich mit ihren Mountainbikes von Porto aus, quasi als Wochenendausflug, auf den Jakobsweg begeben. An diesem Tag hatten sie etwa die Hälfte der etwa 240 km bis nach Santiago zurück gelegt und waren entsprechend adrenalin- und testosterongeladen. Leider hatten sie auf der portugiesischen Seite keine Unterkunft mehr bekommen und beim Betreten der Herberge in Tui vergessen,
a) daß in Spanien die Uhren schon eine Stunde vorgingen und deshalb
b) die anderen Gäste schon am Schlafen waren und
c) ihre Schuhe mit den Klickpedal-Einsätzen auf der Holztreppe einen Heidenlärm verursachten.

PS2: Mit dem Beitrag will ich nicht gesagt haben, dass Portugiesen rücksichtslose Menschen sind, im Gegenteil, die meisten von ihnen, die ich traf waren überaus freundlich. Ich denke vielmehr, dass es sich bei dieser Geschichte um eine für größere Gruppen typische Hirn-aus-Aktion handelt…

Begegnungen

21 Mai

Gerade habe ich mich wieder mal auf den Weg gemacht – auf den Jakobsweg…

Dabei bin ich noch nicht einmal losgegangen, sondern nur mit dem Bus vom Flughafen in Vigo (Spanien) zum meinem Startort Valenca do Minho, der nördlichsten Stadt in Portugal, gefahren, wo ich morgen losgehen werde.

Dabei ist mir eine Sache sofort wieder aufgefallen (und ich vermute, das ist einer der Gründe, warum Menschen wieder und wieder pilgern gehen), die hier, unterwegs, total anders ist als in Deutschland – nämlich wie leicht man mit anderen Menschen ins Gespräch kommt. Anscheinend ist ein Rucksack oder eine Jakobsmuschel ein willkommenes Erkennungszeichen, um sich zu trauen, jemand Wildfremdes anzuquatschen – als ob alle anderen Menschen beissen würden… Ich jedenfalls finde es schön, wenn Menschen sich mitteilen – teilen, wer sie sind und was sie ausmacht. Das macht (unter anderem) für mich das Wesen des Jakobsweges aus.

Dabei wäre es doch eigentlich gar nicht so schwer, dies auch zu Hause zu tun, denn alles was man tun muss ist, mit offenen Augen und offenem Herzen herumzulaufen – anstatt wie es viele Menschen in meiner Münchner Heimat tun, sich hinter ihren Smartphones oder ihrer Musik zu verbarrikadieren, so dass man sich auch gar nicht trauen würde sie anzusprechen. Man könnte. sie ja dabei stören. Ich glaube jedenfalls, ich werde es mal ausprobieren, wenn ich wieder nach Hause komme, und einfach mal sehen was passiert, wenn ich mir meine Jakobsmuschel an meine Handtasche befestige. Wer weiss, wer mich da alles anspricht.

Habt ihr noch Ideen, um in Kontakt mit anderen Menschen zu kommen? Dann freue ich mich, wenn ihr sie mir mit-teilt.

Herzliche Grüße von unterwegs

von

Christina Bolte

Merk- und Denkwürdiges unterwegs

28 Apr

Am letzten Sonntag war wieder ein Pilgertag „LeerLauf für den Kopf“. So gingen wir von Schäftlarn nach Starnberg, wo uns – natürlich neben vielen schönen Dingen – auch einige Denk- und Merkwürdigkeiten begegeten. Wobei die Tatsache , dass es Ende April urplötzlich wieder angefangen hatte zu schneien, nachdem es quasi den ganzen Winter keinen Schnee gegeben hatte, an sich schon merkwürdig genug war.

Zum Beispiel fragten wir uns, wo derjenige, der sonst hier ist, wohl hingegangen war. Leider trafen wir niemanden an, um zu fragen …

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Außerdem bewunderten wir die „Fifty Shades of Green“…

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…und fragten uns, ob die Fledermäuse dies wohl lesen können…
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Und wir freuten uns mit den Schnecken, dass diese ihr Zuhause immer mit dabei haben!

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Möge es Ihnen gehen wie der Schnecke – und seien Sie bei sich zu Hause.
Oder anders: Seien Sie immer bei sich zu Hause!

 

Eine schöne Zeit wünscht Ihnen

Christina Bolte

Erleuchtungs-Express

10 Mrz

In meinem Umfeld spreche ich immer mal wieder mit Leuten, deren erklärtes oder weniger deutlich formuliertes Ziel es ist (oder scheint), so schnell wie möglich zur Erleuchtung zu kommen. Wobei die Wege dorthin sehr unterschiedlich sind: Der oder die eine probiert’s mit Yoga, ein anderer fährt regelmäßig nach Indien in einen Ashram zu einem Guru und die dritte rennt vom einem Selbstfindungsseminar zum nächsten…

Wieder ein anderer probiert es regelmäßig durch den Konsum von Cannabis oder anderen mehr oder weniger legalen Drogen und wundert sich (oder auch nicht), wenn es ihm die Birne eher ausschaltet als erhellt.

Soweit, so gut – ich finde, jeder hat das Recht, nach seiner Facon glücklich zu werden – zumindest solange er niemandem anderem damit schadet…
Dennoch glaube ich, dass dies zum großen Teil Irrwege sind, zumindest wenn es darum geht, das Ziel (die Erleuchtung) so schnell wie möglich zu erreichen. Denn genauso wenig wie es wahrscheinlich ist, dass man 20 Kilo in 5 Tagen auf gesunde Weise verliert (und dies neue Gewicht auch dauerhaft hält!), funktionieren meiner Meinung nach auch alle anderen „Abkürzungen“.

Denn das wäre ja wie ein Doktor-Titel ohne sich die Mühe machen zu wollen, auch eine Dissertation zu schreiben. In Anbetracht der vielen Plagiateure unter unseren Politikern ist zwar ein böses Beispiel, aber es verdeutlicht, dass auch ein Versuch früher oder später auffliegen wird.

Stattdessen habe ich – sowohl auf meinen Jakobswegen als auch in der einen oder anderen Phase meines Lebens – entdecken dürfen, dass auch der Weg zum Ziel gehört (oder für die Techniker: Der Prozess zum Ergebnis).
Wobei ich zugeben muss, dass ich früher selbst auch immer ganz gerne dazu tendiert habe, am Grashalm zu ziehen, damit dieser schneller wächst. Anstatt der Saat die ausreichende Zeit zum Reifen zu geben, wollte ich nur das Ergebnis ernten – am besten sofort.
Aber um zu ernten muss man eben nicht einfach nur sähen und abwarten, sondern darüber hinaus auch noch vorher den Boden vorbereiten und während des Wachsens regelmäßig Unkraut zupfen und natürlich ab und zu mal gießen. Und so ähnlich bedarf auch die Erleuchtung eine regelmäßige Übungspraxis.

Nicht zu vergessen: Auch die Erleuchtung macht aus niemandem einen „besseren“ Menschen. Oder wie es im Zen so schön heißt: „Vor der Erleuchtung Holz hacken, nach der Erleuchtung Holz hacken…“

Eindrücke vom Camino (2): Mit dem Finger auf der Landkarte

29 Jul

Diesen Beitrag hielt ich (so oder so ähnlich) in freier Rede am 29.07.2015 bei den ToastMastern, Speakers Corner in München:

Reisen ist schön. Deshalb tue ich es auch sehr gerne. Gerade komme ich zurück von meiner Tour mit dem Fahrrad auf dem – wie sollte es bei mir anders sein? – Jakobsweg. Und zwar dem Streckenabschnitt von München bis an den Bodensee. Wir sind direkt von der Haustür aus weggeradelt!

Ich muss sagen, für mich ist Reisen immer doppelt schön, denn die Reise beginnt bei mir schon mit der Vorbereitung. Vor allem bei Wander- oder Radtouren wird der Urlaub geradezu minutiös ausgeplant. Wie viele Kilometer, wo wird übernachtet, und so weiter. Kennt ihr das? Macht das von Euch auch jemand so? Wem von Euch geht es ähnlich?

Dann könnt ihr ja gut nachvollziehen, wieviel Freude – vor allem Vor-Freude – es macht, sich die Höhenprofile anzuschauen sowie die Etappenbeschreibung und die der Zielorte durchzulesen. Fast ist es, als wäre man schon unterwegs und auch schon fast am Ziel.

 

Dennoch war beim Reisen selbst, beim Radfahren dann alles anders. Denn in keinem Reiseführer steht, wie es sich anfühlt, stundenlang das Gewicht seines Rucksacks auf den Schultern zu spüren. Oder wie extra-anstrengend es ist, bei über 35 Grad in praller Sonne zu fahren. Zwar war die enorme Hitze nicht wirklich überraschend, weil das Wetter ja entsprechend vorher gesagt war. Dennoch war es einfach wunderbar, bei der Affenhitze den kühlen Fahrtwind auf der Haut zu spüren, das kann einem keine Planung ermöglichen.

Aber: Beim Reisen selbst war dann auch alles anders als in der Theorie, weil auf keiner Landkarte eingezeichnet war, an welchen Streckenabschnitten das Zwitschern der Vögel oder das Muhen der Kühe zu hören war. Könnt ihr es hören?

Und die Gerüche erst, auch die waren nirgendwo verzeichnet. Aber dennoch: ein Traum! Ich liebe es einfach, wenn es nach Sommer riecht! Nach frisch gemähtem Heu an einem Ort, oder ein paar Kilometer weiter im Wald, wo es so schön nach frisch geschlagenem Holz roch.

Letztendlich ist es aber mit dem Reisen wie mit allem im Leben, egal ob es berufliche Projekte oder Ziele sind oder private: Man wird niemals dort hinkommen, indem man davon träumt oder es plant, so lange man sich nicht auf den Weg macht.