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Eindrücke vom Camino (2): Mit dem Finger auf der Landkarte

29 Jul

Diesen Beitrag hielt ich (so oder so ähnlich) in freier Rede am 29.07.2015 bei den ToastMastern, Speakers Corner in München:

Reisen ist schön. Deshalb tue ich es auch sehr gerne. Gerade komme ich zurück von meiner Tour mit dem Fahrrad auf dem – wie sollte es bei mir anders sein? – Jakobsweg. Und zwar dem Streckenabschnitt von München bis an den Bodensee. Wir sind direkt von der Haustür aus weggeradelt!

Ich muss sagen, für mich ist Reisen immer doppelt schön, denn die Reise beginnt bei mir schon mit der Vorbereitung. Vor allem bei Wander- oder Radtouren wird der Urlaub geradezu minutiös ausgeplant. Wie viele Kilometer, wo wird übernachtet, und so weiter. Kennt ihr das? Macht das von Euch auch jemand so? Wem von Euch geht es ähnlich?

Dann könnt ihr ja gut nachvollziehen, wieviel Freude – vor allem Vor-Freude – es macht, sich die Höhenprofile anzuschauen sowie die Etappenbeschreibung und die der Zielorte durchzulesen. Fast ist es, als wäre man schon unterwegs und auch schon fast am Ziel.

 

Dennoch war beim Reisen selbst, beim Radfahren dann alles anders. Denn in keinem Reiseführer steht, wie es sich anfühlt, stundenlang das Gewicht seines Rucksacks auf den Schultern zu spüren. Oder wie extra-anstrengend es ist, bei über 35 Grad in praller Sonne zu fahren. Zwar war die enorme Hitze nicht wirklich überraschend, weil das Wetter ja entsprechend vorher gesagt war. Dennoch war es einfach wunderbar, bei der Affenhitze den kühlen Fahrtwind auf der Haut zu spüren, das kann einem keine Planung ermöglichen.

Aber: Beim Reisen selbst war dann auch alles anders als in der Theorie, weil auf keiner Landkarte eingezeichnet war, an welchen Streckenabschnitten das Zwitschern der Vögel oder das Muhen der Kühe zu hören war. Könnt ihr es hören?

Und die Gerüche erst, auch die waren nirgendwo verzeichnet. Aber dennoch: ein Traum! Ich liebe es einfach, wenn es nach Sommer riecht! Nach frisch gemähtem Heu an einem Ort, oder ein paar Kilometer weiter im Wald, wo es so schön nach frisch geschlagenem Holz roch.

Letztendlich ist es aber mit dem Reisen wie mit allem im Leben, egal ob es berufliche Projekte oder Ziele sind oder private: Man wird niemals dort hinkommen, indem man davon träumt oder es plant, so lange man sich nicht auf den Weg macht.

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Mensch, wo blühst DU?

9 Mai

Auf dem Weg zu einem Wochenend-Besuch fuhr ich kürzlich durch die deutschen Landen. Während der Fahrt schaute ich aus dem Fenster und nahm sehr erfreut wahr, was ich bisher in einer Großstadt (wie München, wo ich sonst so die meiste Zeit verbringe) nur erahnen konnte: Mit ein paar Wochen Verspätung lässt nun der Frühling endlich die Natur wie auch Menschen und Tiere zu neuem Leben erwecken!

Das junge, frische Grün, das zaghaften manchen Bäumen zum Vorschein kommt, während woanders schon längst die Forsythien in voller Blütenpracht in leuchtendem Gelb explodiert sind. Und in so manchem Vorgarten kann ich auch schon die Magnolienbäume entdecken, die zur Zeit gerade ihre großen, rosa-weißen Blüten pompös zur Schau stellen.
Und deren Duft erst, der sich einen kräftigen Wettstreit mit den saftigen Wohlgerüchen aus den ersten Amtshandlungen von Grill-Anhängern um eine Wahrnehmung unserer Nasen leistet!
Zum fröhlichen Vogel-Gezwitscher, das schon seit Tagen in verschiedenen Frequenzen und Melodien erklingt, gesellen sich später, als es schon Dunkel geworden ist, im nahegelegenen Park noch das rhythmische Trommeln der Djembés – die gute Laune von deren Spieler lädt Erinnerungen an den längst vergangenen Karibik-Urlaub ins Gedächtnis. Dazu passt die warme Brise des Abendwindes, die sanft über mein Gesicht streicht.

Endlich wird’s Sommer. Endlich Zeit zum Aufblühen!

Auch für uns Menschen…. Nicht nur, dass sich jetzt das Leben – zumindest die Freizeit – zunehmend draussen abspielt, auf Strassen, in Parks, in Cafés oder Biergärten, auf Fahrrädern, in oder auf Gewässern oder in Schwimmbädern.

Während die Pflanzen zumeist an einen „Standort“ gebunden sind, an dem sie optimal wachsen und gedeihen können und an dem sie eine ideale Versorgung mit Sonne, Wasser, Licht, Nährstoffen und allem, was Pflanzen sonst noch so brauchen, vorfinden: wir Menschen können uns an verschiedenen (Stand-)Orten aufhalten  bzw. diese wechseln – und uns diese meist auch noch selbst aussuchen.

Wo ist denn überhaupt unser Biotop?

Und obwohl die „Standort-Frage“ für Menschen keine so lebenslange Entscheidung ist wie für Pflanzen, sollten auch wir uns die Frage stellen, WO denn überhaupt unser „Biotop“, unser optimaler Standort mit den für uns maximal förderlichen Wachstumsbedingungen ist. Was natürlich auch die Frage mit einschließt, WAS es ist, das uns aufblühen lässt. Denn so, wie jede Pflanzensorte andere Bedürfnisse hat, z. B. an Sonne und Wasser, hat auch jeder von uns andere Anforderungen.
Brauchen wir eher eine „gut durchorganisierte Umgebung“ sowie vorgegebene Strukuren oder eher viel Schaffensfreiraum? Sind wir eher Team Player, die inmitten einer Menge anderer Menschen ihr Potenzial entfalten, oder eher Lonely Wolves? Sind wir eher Denker/Theoretiker oder eher Pragmatiker? Arbeitet jemand lieber im Hintergrund oder ist er besser voll im Rampenlicht?
Verstehen Sie mich bitte richtig: An keinem dieser Pole ist irgendetwas „gut“ oder „schlecht“ bzw. „besser“ oder „schlechter“ als etwas anderes – es kommt ja immer darauf an, für was oder in Bezug auf was eine Eigenschaft von Vorteil oder eben von Nachteil ist. Und natürlich darauf, wie jeder von uns beschaffen ist.

So wie eine Wüste als Standort für eine Seerose den Tod bedeutet, während es für den Kaktus das blühende Leben ermöglicht. Eckart von Hirschhausen, den ich an dieser Stelle schon ein paar Mal zitiert habe, sagt in dem ihm eigenen Stil, dass aus einem Pinguin auch in sieben Jahren Psychotherapie nie eine Giraffe wird – und so ist es auch mit Seerosen und Kakteen. Und das ist auch gut so, denn die Welt wird durch beide schöner, nur eben nicht am gleichen Fleck…

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gutes Gelingen auf der Suche nach Ihrem persönlichen Biotop.
Jetzt und immer wieder neu – und:

bitte bleiben Sie gesund und lebendig!

Herzlichst, Ihre Christina Bolte

Eindrücke vom Camino (1)

18 Jun

Zu Fuß unterwegs auf dem Weg des Lebens,
die Langsamkeit des Gehens genießend.
Ich nehme mit all meinen Sinnen wahr:

Höre das Vogelgezwitscher und das Plätschern des Baches
trotz der Geräusche der Autos auf der Landstrasse neben mir.
Hin und wieder gackern die Hühner.

Spüre die Sonne und den Hauch des Windes auf meiner Haut,
oder gestern auch den Regen.
Auch spüre ich die Anspannung in meinen Muskeln von den
noch ungewohnten Bewegungen und den Schmerz in meiner Achilles-Ferse.

Ich sehe die bunten Blumen am Wegesrand und
die weissen Wolken am blauen Himmel über mir.
Auch die verfallenen oder zum Verkauf stehenden
Häuser in den Ortschaften am Wegesrand sind kaum zu übersehen.
Die gelben Pfeile weisen mir den Weg.

Ich nasche ein paar Walderdbeeren vom Wegesrand,
deren süßer Geschmack hallt noch lange auf meiner Zunge nach.
Die Klarheit des Wassers erfrische meine Kehle.
Ich genieße die teilweise mir fremden Gewürze,
die meine Mahlzeit zu einem Hochgenuß für den Gaumen werden lassen.

Trotzdem, dass der Bauer gerade sein Feld gedüngt hat,
duftet es aus der Bäckerein im Ort nach Frischgebackenem und Kaffee.
Zeit für eine Pause.

Jede meiner Zellen jubiliert:
Ich BIN! Ich LEBE! JETZT!