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Von Regeln & Ausnahmen

5 Okt

Neulich war ich gefragt, spontan eine Aussage dazu zu machen, ob ich eher ein Anhänger der Theorie „Ausnahmen bestätigen die Regel“ sei oder eher des Gegenteils, also dass die Regeln die Ausnahmen seien.

Wie immer in solchen Situationen, fallen einem die richtig guten Inhalte erst später ein, wenn die Chance, sie zu äußern, schon vorbei ist. Jedenfalls geht es mir häufig so. Da mich die Fragestellung jedoch noch ein Weilchen beschäftigt hat, möchte ich darauf nun eingehen.

Natürlich sind „Regeln“ (oder anders formuliert: Spielregeln oder gesellschaftliche Konventionen) dafür notwendig und auch sinnvoll, um ein friedliches und konstruktives Zusammenleben von einer größeren Anzahl verschiedenartiger Menschen im sozialen Kontext zu ermöglichen. Natürlich schränken Regeln oder Vorschriften in dem Fall die individuelle Freiheit ein wenig ein, aber wo kämen wir denn da hin, wenn jede/r nach seinem Geschmack täte und rumliefe wo und wie und wann er oder sie wollte? Ein Chaos sondergleichen entstünde.

Stellen Sie sich mal vor, Ihr Nachbar würde morgens um 3 Uhr Klarinette üben – als Anfänger! Vorbei wäre es mit dem Nachtschlaf… Oder der ältere Herr aus dem Seniorenheim am Bahnhof, der zu Fuß mitten auf der Bundesstrasse läuft anstatt den Fußweg daneben zu benützen. Oder die Mitte Fünzigjährige leicht übergewichtige Kollegin, die gerne im viel zu kurzen Miniröckchen und viel zu tiefem Ausschnitt durchs Büro läuft?

Moment mal! Wer sagt denn, wann ein Rock zu kurz oder ein Ausschnitt zu tief ist? Und wovon hängt das ab? Von der Länge des Rockes, von der Jahreszeit oder vom Gewicht, von der Beinlänge, vom Alter der tragenden Person? Oder vom Geschmack? Was des einen Freud ist des anderen Leid – oder eben Geschmack.

Fakt ist, manche Regeln machen tatsächlich Sinn (wie zum Beispiel das Anschnall-Gebot beim Autofahren), aber manche eben auch nicht, denn manchmal gibt es keine klaren Vorgaben und Regeln. Und nicht zuletzt sind natürlich insbesondere Klamotten der ureigene Ausdruck von Individualität und Stil (ob gutem oder schlechtem ist ja wie wir gesehen haben Geschmackssache).

Vor allem die klassisch deutschen Tugend der Pünktlichkeit funktioniert nur wenn es auch eine Zeit oder einen Fahrplan (als eine Regel oder einen Maßstab) gibt, an dem man sie messen kann. Stellen Sie sich mal vor, wie blöd ich geschaut hab, als ich, eine konkrete Uhrzeit als Antwort erwartend, auf einer Rucksack-Reise in irgendeinem Hinterwäldler-Dorf auf meine Frage, wann denn der Bus losfahren würde, zur Antwort bekam: „Wenn er voll ist natürlich!“ Das hätte ja auch 3 Stunden dauern können, denn als ich einstieg, war ich erst in etwa die Fünfte (es dauerte dann aber zum Glück nur gut 20 Minuten…) Und so weiss man es dann umso mehr zu schätzen, dass zwar die Deutsche Bahn nicht gerade sehr berühmt ist für ein zuverlässiges Einhalten der Fahrpläne (insbesondere weil der Winter jedes Jahr wieder überraschend kommt), es aber immerhin überhaupt Fahrpläne & Regelwerke gibt, anhand derer man die oben zitierte Deutsche Pünktlichkeit messen kann. Und so sind manchmal die Fahrplanabweichungen (oder auch Ausnahmen) mittlerweile schon so regelmäßig sind, dass man auch schon fast wieder damit planen kann …

Um noch mal auf die Mode zurückzukommen – wäre es nicht ziemlich schade und auch im eigentlichen Sinne des Wortes uni-form (= gleich-förmig), wenn sich alle der gleichen Mode unterwerfen würden, die gleiche Kleidung und Frisur tragen würden? Ich finde, das wäre ziemlich ein-tönig, denn unsere Gesellschaft ist nun einmal bunt und lebt von den verschiedenen Geschmäckern, Marotten und Vorlieben. und das darf – finde ich – bitte auch so bleiben. Deshalb: Bitte bunt, aber im Rahmen!

Eindrücke vom Camino (2): Mit dem Finger auf der Landkarte

29 Jul

Diesen Beitrag hielt ich (so oder so ähnlich) in freier Rede am 29.07.2015 bei den ToastMastern, Speakers Corner in München:

Reisen ist schön. Deshalb tue ich es auch sehr gerne. Gerade komme ich zurück von meiner Tour mit dem Fahrrad auf dem – wie sollte es bei mir anders sein? – Jakobsweg. Und zwar dem Streckenabschnitt von München bis an den Bodensee. Wir sind direkt von der Haustür aus weggeradelt!

Ich muss sagen, für mich ist Reisen immer doppelt schön, denn die Reise beginnt bei mir schon mit der Vorbereitung. Vor allem bei Wander- oder Radtouren wird der Urlaub geradezu minutiös ausgeplant. Wie viele Kilometer, wo wird übernachtet, und so weiter. Kennt ihr das? Macht das von Euch auch jemand so? Wem von Euch geht es ähnlich?

Dann könnt ihr ja gut nachvollziehen, wieviel Freude – vor allem Vor-Freude – es macht, sich die Höhenprofile anzuschauen sowie die Etappenbeschreibung und die der Zielorte durchzulesen. Fast ist es, als wäre man schon unterwegs und auch schon fast am Ziel.

 

Dennoch war beim Reisen selbst, beim Radfahren dann alles anders. Denn in keinem Reiseführer steht, wie es sich anfühlt, stundenlang das Gewicht seines Rucksacks auf den Schultern zu spüren. Oder wie extra-anstrengend es ist, bei über 35 Grad in praller Sonne zu fahren. Zwar war die enorme Hitze nicht wirklich überraschend, weil das Wetter ja entsprechend vorher gesagt war. Dennoch war es einfach wunderbar, bei der Affenhitze den kühlen Fahrtwind auf der Haut zu spüren, das kann einem keine Planung ermöglichen.

Aber: Beim Reisen selbst war dann auch alles anders als in der Theorie, weil auf keiner Landkarte eingezeichnet war, an welchen Streckenabschnitten das Zwitschern der Vögel oder das Muhen der Kühe zu hören war. Könnt ihr es hören?

Und die Gerüche erst, auch die waren nirgendwo verzeichnet. Aber dennoch: ein Traum! Ich liebe es einfach, wenn es nach Sommer riecht! Nach frisch gemähtem Heu an einem Ort, oder ein paar Kilometer weiter im Wald, wo es so schön nach frisch geschlagenem Holz roch.

Letztendlich ist es aber mit dem Reisen wie mit allem im Leben, egal ob es berufliche Projekte oder Ziele sind oder private: Man wird niemals dort hinkommen, indem man davon träumt oder es plant, so lange man sich nicht auf den Weg macht.

Pilger Dich reich!

10 Feb

Diesen Beitrag hielt ich (so oder so ähnlich) in freier Rede am 09.02.2015 bei den ToastMastern, Speakers Corner in München:

Viele Menschen, denen ich vom Pilgern erzähle, fragen mich immer: Warum tust Du Dir das an, tage- und wochenlang durch die Hitze zu laufen, sich Wind und Wetter auszusetzen, permanent sein Zeug durch die Gegend zu schleppen, Blasen an den Füssen zu bekommen, um dann in Herbergen mit Hunderten von anderen Menschen zusammen eingepfercht in einen Schlafsaal zu verbringen, mit Sanitärbereichen in dubiosen Zuständen?

So unglaubwürdig es auch klingen mag, genau deswegen tue ich es mir an: um tage- und wochenlang durch die Gegend zu laufen und Blasen an den Füssen zu bekommen. Das ist zwar manchmal ziemlich ätzend und auch mitunter schmerzhaft, aber trotz allem Tag um Tag, Kilometer um Kilometer weiter zu laufen, laufen zu können! – macht mich ehrlich gesagt dankbar.

Dankbar für die Leistungsfähigkeit und Ausdauer meiner Beine und Füße, die mich Tag um Tag, Schritt für Schritt auch durch meinen Alltag tragen, und das, obwohl ich sie nicht immer gut behandele. Ist das etwa kein Wunder? Auf dem Jakobsweg wird mir bewusst, wieviel mein Körper und auch meine Organe für mich leisten – und wie dankbar ich ihnen dafür sein kann. Danke Körper!

Und genau deshalb, tue ich es mir auch an, mich dabei Wind und Wetter auszusetzen. Ich bin hautnah mit der Natur in Verbindung – und allen ihren Kräften: Mit der Sonne, und auch mit dem Regen. Klar ist das nervig, vor allem wenn das Wetter nun schon zum dritten Mal von Sonnenschein auf Regen wechselt, was jedes Mal damit verbunden ist, den Rucksack abzusetzen und seine Jacke aus und wieder anzuziehen. Für mich ist es der Wahnsinn, ein riesiges Feld voller Mohnblumen zu bestaunen oder den Morgentau, der dir Pflanzen oder auch Spinnennetze am Wegrand benetzt. Jedes Mal, wenn ich am Himmel einen Regenbogen entdecke, frage ich mich von Neuem, ob es wohl tatsächlich schon mal jemandem gelungen ist, den Topf mit Gold an dessen Ende zu finden.

Letztendlich sind es nämlich nicht die vielen Kilometer, Kirchen oder Herbergen, die das Pilgern so erinnernswert machen, sondern die Vielzahl an schönen Momenten, die Erinnerungen, die Emotionen, der Duft nach frisch gemähtem Gras, die herzzerreißenden galizischen Melodien und vor allem die Gespräche mit anderen Pilgern, die das Herz berühren.

Es sind die vielen kleinen, scheinbar normalen Dinge, die das Herz erblühen lassen und das Pilgern so besonders machen: Eine warme Dusche, saubere Kleidung, ein Getränk nach längerer Durststrecke – die Tatsache, dass man morgens nicht lange überlegen muss, welches seiner 3 Trikots man anzieht oder auch nur ein Nachlassen Deiner Schmerzen.

Dankbarkeit zu üben, nicht nur auf dem Camino, sondern auch im Alltag, verstärkt das Bewusstsein für all die kleinen und großen Geschenke, den Reichtum und die Freuden in Deinem Leben. Deshalb möchte ich Euch einladen: Pilgert euch reich, Ende April mit mir auf dem Tiroler Jakobsweg – weitere Details gibt es hier!

Was mein Leben mit Höhlenforschung und Edelsteinen zu tun hat

8 Jun

Diese Gedanken hielt ich (so oder so ähnlich) als freie Rede am 12.05.2014 bei den ToastMastern, Speakers Corner in München:

Über Ostern war ich mit einer Freundin per Fahrrad im Inntal unterwegs. So hatten wir Gelegenheit, all die Städte und Sehenswürdigkeiten, an denen man sonst im Auto auf dem Weg zum Gardasee immer achtlos vorbei fährt, auch einmal „live“ anzusehen.

In Wattens machten wir deshalb einen kleinen Abstecher zu den Svarowski-Kristallwelten. Neben einer schönen Parkanlage konnte man auch diverse unterirdische Wunderkammern bestaunen, die eine Entdeckungsreise durch die Werke verschiedener Künstler ist. Unterstützt durch diverse audiovisuelle Effekte interpretierten diese Höhlen auch die verschiedenen Facetten der von Svarovski produzierten Kristalle.

Und als der Trubel und das kommerzielle Trara irgendwann anfingen mich zu langweilen, kam mir der Gedanke, dass mein Leben mir von außen betrachtet auch manchmal vorkommt wie eine dunkle Höhle, aber wenn ich mir dann die Zeit nehme, in die Tiefen hinabzusteigen, auch der eine oder andere Edelstein zum Vorschein kommt.

Deshalb möchte ich Sie bzw. Euch, liebe Toastmaster und liebe Gäste, nun mitnehmen auf eine kleine Höhlen-Reise durch Christinas Leben:

Die erste Höhle war – wie bei jedem anderen Menschen auch – die Bauchhöhle meiner Mutter. Von dort ging es in eine mittelgroße Vorortgemeinde im Hamburger Umland. Wenn ich diese mit einem Münchner Vorort vergleichen müsste, würde ich sagen, es ist irgendwas zwischen Ober- und Unterschleißheim. Zum Wohnen für junge Familien vielleicht noch ganz ok, aber als Teenager ziemlich öde.

Nachdem Abi studierte ich dann – als perfekte Synthese aus den Berufen meines Vaters, eines Ingenieurs, und meiner Mutter, einer kaufmännischen Angestellten – Wirtschaftsingenieurwesen an einer privaten Fachhochschule in Norddeutschland. Zu Hause war ich damals eigentlich mehr oder weniger nur noch zum Schlafen, denn das Motto dieser Zeit war: „Hart feiern & hart arbeiten“. Da wir hinsichtlich der Vorlesungen eine Anwesenheitspflicht hatten, ließ ich auch selten eine Party aus, weder auf dem Campus noch auf der Hamburger Piste.

Dennoch wurde es mir bald zu eng in meinem Leben, sowohl in dem Unternehmen, in dem ich das studienbegleitende Praktikum machte, als auch zu Hause, wo mir dauernd jemand „einen Tisch über meine Füße“ stellte. So war ich letztendlich froh, dass mich mein ersten „richtiger“ Job nach meinem Studium nach München verschlug.

Nicht nur, weil die Position im Produktkosten-Controlling eines Automobilunternehmens mit drei Buchstaben exakt der Job war, den ich mir gewünscht hatte. Es war und ist nicht nur eine ideale Aufgabe, um sowohl technische wie auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse optimal zum Einsatz zu bringen. Sondern war auch deshalb ideal, weil ich in München sogar gleich zwei Personen gekannt hatte, was mir den Sprung in eine neue Arbeitsumgebung und auch den Aufbau eines neuen Freundeskreises deutlich erleichterte.

Während ich anfangs voll Elan und Freude in der Arbeit dabei war, Zahlen in den Mittelpunkt zu stellen und für Kostensenkungen zu kämpfen, kämpfte ich auch in meiner Freizeit mit Freunden oder in semi-professionellen Wettkämpfen mit dem Fahrrad um Leistung, Höhenmeter und gegen innere und äußere Schweinehunde.

So war es nicht erstaunlich, dass ich mich immer öfter in Situationen wiederfand, in denen ich mich nicht mehr richtig freuen konnte. Ich merkte, dass irgendwann etwas ganz Essentielles auf der Strecke geblieben war: Der Faktor Mensch – und zwar nicht nur in Bezug auf meine Arbeit, sondern vor allem in Bezug auf mich selbst. Anscheinend hatte ich vor lauter Kämpfen und Rennen unterwegs mich selbst irgendwo verloren.

Und in dieser Situation fand ich mich 2007 mit dem Fahrrad auf den Jakobsweg wieder. Eigentlich hatte ich nur zwei Wochen und alleine vor mich hin radeln wollen – und bekam im Laufe der Zeit nicht nur haufenweise Erkenntnisse über mich selbst sondern wie sich später herausstellen sollte, war diese Reise auch der Wendepunkt meines bisherigen Lebens.

Erst später wurde mir klar, dass sich mein Zustand, in dem ich mich auf den Jakobsweg begab, guten Gewissens als Burnout bezeichnen ließ. Ich glich einem Stück Kohle, dass kurz davor war, verheizt zu werden. Bis es aber so weit war und ich für mein Leben die notwendigen Konsequenzen daraus zog, sollten noch einige Jahre vergehen. Einige Jahre der Selbstfindung, mit vielen dunklen Momenten und schmerzhaften Auseinandersetzungen mit mir selbst – „Höhlenforschung“ quasi. Wenn ich in dieser Zeit nicht aber auch gleichzeitig einige Lichtblicke gehabt hätte, oder Momente in denen mir verschiedene und mir völlig neue Facetten meiner selbst entgegen gestrahlt hätten, hätte ich vermutlich zwischendrin aufgegeben.

Mittlerweile ist mir klar geworden, dass der Druck, dem ich selbst mich und mein Leben ausgesetzt habe, mich gerade – wie jeden anderen Menschen auch – zu einem kleinen aber feinen Diamanten formt. Heute bin ich wieder ein kreativer und selbstbestimmter Mensch, der gelernt hat, die eigenen Grenzen zu beachten und seiner Inneren Stimme zu folgen. Heute tue ich Dinge, die ich vor zehn Jahren nie für möglich gehalten hätte.

Die Zeit wird ihr übriges dazu beitragen, die vielen verschiedenen weiteren Facetten, die noch in mir schlummern, zu schleifen und zum Leuchten zu bringen. Und wer weiss, ob nicht auch die Toastmasters ihren Beitrag dazu leisten werden, der einen oder anderen Facette von mir einen Feinschliff zu geben.

Ich bin mir sicher, dass kein Svarowski Stein der Welt mit dem Kristall mithalten kann, der im Inneren eines jeden Einzelnen von uns zum Leuchten und Strahlen gebracht werden möchte.

Herzlichen Dank!