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Von der Freiheit

19 Aug

Vor einigen Jahren noch war ich ziemlich stolz, eine moderne unabhängige Frau zu sein: eigenes Einkommen, eigene Wohnung, eigenes Auto, Urlaub wann und wohin ich Lust hatte – Freiheit pur! Und auch keinen Mann von dem ich mir etwas verbieten oder sagen lassen musste (seit mein erster Freund mir damals eine Szene gemacht hatte, weil ich mich in 150 Kilometer Entfernung um einen Ausbildungsplatz beworben hatte, hatte ich mir geschworen, mir nie wieder etwas verbieten zu lassen). Allerdings hatte dies den Nachteil, dass ich auch sonst keinen hatte, mit dem ich eine erfüllte und sich gegenseitig unterstützende Liebesbeziehung führte.

Aber das machte nix, denn ich hatte ja genügend Freunde, mit denen ich Inlineskaten, auf Afterwork Parties oder Mountainbiken konnte. Außerdem lernte während meiner Urlaubsreisen beim Tauchen, die ich meist alleine antrat, weil von meinen Freunden nie jemand zur selben Zeit frei hatte wie ich, auch immer wieder neue Leute kennen. Somit (und natürlich mit meinem Job, mit dem ich mich mächtig wichtig fühlte) war mein Terminkalender eh immer gut ausgefüllt, als dass dort noch Platz für eine Beziehung gewesen wäre.

Nun gut, das war wie gesagt vor etlichen Jahren. Irgendwann merkte ich dann, dass mir inmitten dieses scheinbaren Wohlstand, Fülle und Freiheit in meinem Inneren eine zunehmende Leere immer mehr Platz einnahm. Ein voller Terminkalender bedeutet eben nicht automatisch ein erfülltes Leben, und Urlaubsreisen sind halt auch nur halb so schön, wenn man die Erinnerungen an die schönen Momente mit niemandem teilen kann…  Das ist eben der Nachteil von Freiheit ohne Beziehungen im Allgemeinen…

Aufgrund dieser wachsenden inneren Leere habe ich mittlerweile mein ganzes Leben umgekrempelt (wie es dazu kam, können Sie an anderer Stelle nachlesen). Nacheinander gab ich erst meinen gut bezahlten Job auf, in dem ich weder Sinn noch Freude empfand (häufig geäußerter oder auch nur gedachter Kommentar: „Wie kann man nur so bescheuert sein und sooo einen Job einfach hinschmeißen für so ein Hirngespinst?“), später auch mein Auto (der TÜV hat uns geschieden) und zu guter letzt auch noch die eigene Wohnung – und mit ihr ein Haufen Zeug, das ich früher für wichtig und/oder existenziell hielt.
Statt dessen habe ich nun eine spannende, herausfordernde Aufgabe, die mir das Gefühl gibt, etwas Sinnvolles zu tun, und darüber hinaus habe ich eine wundervoll tiefe Beziehung mit dem tollsten Mann der Welt, der mich moralisch wie praktisch unterstützt und mit dem ich mittlerweile auch zusammen wohne.  Freude ist eben das Einzige, was sich verdoppelt wenn man es teilt.

Und so finde ich mich heute – teils selbst gewählt, teils gezwungenermaßen – in einer Situation wieder, die mich während eingangs erwähnter Zeit schier wahnsinnig gemacht hätte. Wobei, das nur teilweise stimmt – ich glaube, ich wäre solchen Menschen wir mir heute damals mit ziemlichem Mitleid begegnet.
„Menschen wie mir heute“ heißt: Kein regelmäßiges Einkommen mehr, kein eigenes Auto und  somit – aus meiner damaligen Perspektive heraus – mehr oder weniger abhängig vom Wohlwollen des Partners.

Dabei ist es eine genauso spannende und herausfordernde Aufgabe wie die Berufliche, die Beziehung zu meinem Liebsten und sein „Wohlwollen“ lebendig zu halten. Was für jeden von uns beiden sowie für uns beide gemeinsam ein gewisses Maß an Anpassungs- bzw. Veränderungsbereitschaft und Wachstum bedeutet. „Zusammen-wachsen“ im Sinne des Wortes. Denn der Hauptunterschied zwischen Abhängigkeit und Freude ist wie müssen und dürfen – eine Frage der Perspektive. Vor allem kann man weder Seelenheil, noch wahre Freundschaft und noch Herzens-Freude auch für noch so viel Geld käuflich erwerben.

Freude im Leben zu empfinden, ist und bleibt eben ein elementarer Aspekt von Gesundheit. Außerdem kann mir –  wenn ich alles, was mir wichtig ist und Freude bereitet und mich lebendig hält, in mir und in meinem Herzen „dabei“ habe – niemand mehr etwas nehmen.  Und auch wenn es Janice Joplin und Kris Kristofferson in ihrem Lied Me & Bobby McGee vermutlich anders gemeint haben, als sie sang Freedom’s just another word for nothing left to lose (Freiheit ist nur ein anderes Wort für nichts zu verlieren zu haben) – vor dem Hintergrund ihres frühen (Frei-)Todes ist der obige Aspekt sicherlich nicht ganz zu vernachlässigen.

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Eine Antwort to “Von der Freiheit”

Trackbacks/Pingbacks

  1. Von inneren und äußeren Reisen | Wortakupressur - 22. November 2014

    […] einiger Zeit schrieb ich diesen Beitrag über meine persönliche Erfahrung von Freiheit, und wie sich die Betrachtung dessen im Laufe der […]

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