Tag Archives: Offenheit

Der Geist des Camino

14 Jun

Im Mai war ich mal wieder auf dem Jakobsweg unterwegs. Ein Stück Weg ging ich gemeinsam mit einer Frau, so unterhielten wir uns. Sie war das erste Mal auf dem Camino und wollte, nachdem sie schon so viel von Bekannten über den Jakobsweg gehört hatte, sich ein eigenes Bild davon machen und dem, wie sie es nannte, „Geist des Caminos“ auf die Spur kommen.

Auf meine Frage, ob es ihr schon gelungen sei, sagte sie, dass ihr einige Aspekte durchaus aufgefallen waren. Einer davon sei sicherlich die spezielle Art von Gemeinschaft, die auf dem Jakobsweg vorherrscht, sowie die Offenheit, durch die sie sich auszeichne.

Gemeinschaft meinte sie dabei durchaus im mehrfachen Sinn: Einerseits natürlich im Sinn einer großen Kollegialität: Man  hilft sich und unterstützt sich, sei es mit ganz praktischen Dingen, dass man sich gegenseitig Dinge (z. B. Lebensmittel hinterlässt), die man nicht mehr benötigt, tauscht sich aber auch über ganz praktische Dinge aus, wie Unterkunfts-Empfehlungen oder die Art, am besten seinen Rucksack zu tragen.
Zum anderen ist die Pilger-Gemeinschaft sicherlich auch eine Art Schicksalsgemeinschaft: Man hat ja den gleichen Weg und dasselbe Ziel.

Was das Thema Offenheit betrifft, gibt es auf dem Pilgerweg überdurchschnittlich häufig die Gelegenheit für besonders tiefe Begegnungen und Gespräche, die fast schon intimen Charakter haben. Dabei meine ich intim natürlich nicht im sexuellen Sinn, wobei auch das sicher vorkommt, sondern eher in dem Sinn, dass man durch das Teilen von sehr engem Raum (auch im übertragenen Sinn) – sei es in der Pilgerherbergen oder auf einem Stück Weg – aber auch durch das Mit-Teilen von teilweise sehr persönlichen Geschichten oder Begebenheiten sehr viel von anderen Menschen erfährt. Zumindest gemessen an der kurzen Zeit, die man einander kennt (diese wird ja meist eher in Stunden oder Tagen ausgedrückt als in Monaten oder Jahren, wie im „normalen“ Leben).
Mir zumindest ist es in meinem Alltag noch nicht passiert, dass mir jemand Fremdes oder ein Mensch, den ich das erste Mal eher zufällig in einem Lokal treffe, sofort seine halbe Lebensgeschichte erzählt oder mir Einblick in die Tiefen seines Seelenlebens gewährt. Wie z. B. mit welchen Päckchen ihn oder sie das Schicksal oder Leben beschenkt hat. Im Gegenteil, das dauert sogar im therapeutischen Kontext manchmal länger!

Wieso ist das so? Wieso begegnen wir zu Hause anderen Menschen anders und zeigen uns weniger offen und verletzlich?

Nun, vielleicht ist das (neben anderen Dingen) eines jener Geheimnisse des Caminos, die sich dem Menschen nicht sofort bis gar nicht offenbaren. Sozusagen, „der Geist des Caminos“. Das Numinose, „das ewig Geheimnisvolle“. So wie auch das Göttliche niemals vom Menschen vollständig erfasst werden kann…. Das, nach dem am Ende immer eine tiefe große Sehnsucht bleibt.

Geheimnis-umwobene Grüsse und
Alles Gute auf dem Weg wünscht

Christina Bolte

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Ent-Rüstet Euch! Menschen in Truhen versteckt

6 Feb

Wenn ich so die letzten paar Wochen und Monate in den Medien an mir Revue passieren lasse, scheinen wir uns gerade im Zeitalter der Outings zu befinden…
Hier ein Fussballspieler, der offen über seine Homosexualität spricht, dort ein Schriftsteller, der eine Krebserkrankung hat oder in meinem privaten Umfeld jemand, der gerade im Begriff ist sich scheiden zu lassen oder eine Geschlechtsumwandlung zu machen oder jemand anderes, der gerade zum Islam übergetreten ist.

Mit diesem Beitrag möchte ich keine Diskussion oder Wertung über die religiösen, politischen, sexuellen oder sonstigen Vorlieben und Weltanschauungen anderer Menschen lostreten, denn diese sind weitestgehend deren Privatangelegenheit. Genauso wenig hilft es schwerkranken Menschen, wenn ich wortreich mein Mitgefühl ausdrücke oder mit einstimme, über das Elend und die Ungerechtigkeit dieser Welt zu lamentieren….

Wenn ich mich aber in diese verschiedenen Menschen und in deren Situation so hinein-versetze, kann ich eines nachvollziehen. Ich kann nachvollziehen, wie verdammt schwierig es für den jeweiligen Betroffenen ist, das jeweilige Topic auf den Tisch zu bringen. Weil ich oft genug schon in ähnlichen Situationen war, in denen es so oder anderes auch darum ging schwierige Sachverhalte oder Befindlichkeiten anzusprechen (seien es meine eigenen Gefühle oder Bedürfnisse oder auch Krankheiten) oder den Eltern mitzuteilen, dass …
Wie sage ich meinem Kollegen, dass ich seine scheinbar witzig gemeinten Kommentare nicht mehr lustig finde? Oder meinem Chef, dass ich meine Arbeitszeit reduzieren möchte? Oder meinem Partner, dass ich ihn/sie betrogen habe oder ggf. den Kindern, dass ich mich trennen möchte? Oder einem mir nahestehenden Menschen, dass ich diese oder jene womöglich schwere Erkrankung habe?

Ich kann nachvollziehen, welche Gedankenkonstrukte sich im Kopf ausdehnen, angefangen bei der Befürchtung, unser Gegenüber (bei Prominenten ggf. auch die Öffentlichkeit) würde uns vermutlich nicht mehr mögen, wahlweise uns lächerlich machen, uns etwas antun, uns feuern, uns verlassen… über das Gefühl von Hilflosigkeit, Ausweglosigkeit, Verlassensein… bis hin zur Angst einsam, krank und erfrierend unter einer Brücke zu verenden.

Ich übertreibe jetzt bewusst, aber die meisten von uns werden Gefühle und Gedanken dieser Art kennen, denn jeder von uns, wenn er nicht gerade Meister im Verdrängen ist, wird schon mal eine dieser oben geschilderten Situationen erlebt haben. Das Schlimme an diesen Gedanken- „Monstern“ ist: je länger ich drüber nachdenke oder mich nicht traue, desto größer und scheinbar unüberwindbarer werden sie, desto mehr Mut erfordert es, ES an- und auszu-sprechen. Und je länger ich warte, desto mehr fange ich an, mich als Gefangener meines eigenen Lügen- (oder weniger hart ausgedrückt: Gedanken-)Konstruktes zu fühlen… Wie Zahnschmerzen, die auch immer stärker weh tun, wenn ich den längst fälligen Zahnarztbesuch immer wieder aufschiebe.

Genauso schwierig ist es, wenn ich ES zwar einigen Menschen erzählt habe, aber nicht allen. Denn dann muss ich mir auch noch merken, wer auf welchem Kenntnisstand ist und wem ich was erzählt habe – wäre ja blöd wenn einer, der was weiß, sich mit einem anderen, der nicht infomiert ist, unterhält und alles kommt raus. Mein ganzes Konstrukt fiele zusammen und/oder auf mich drauf. Und immer muss ich im Hinterkopf befürchten, nicht entdeckt zu werden. Wie belastend – wie bereits 1987 die Gruppe „Living in a Box“ in ihrem gleichnamigen Lied über diese scheinbar ausweglose Situation besang.

Hier ist es an der Zeit – wie eine Dame, auf die ich später noch zurück kommen werde, es nennt – „aus dem Schrank zu kommen“,  auch wenn mir der Begriff mit dem Schrank eigentlich gar nicht so gut gefällt. Auch das Bild der „cardboard box“ aus dem oben genannten Lied trifft es nicht wirklich. Mir gefällt eher das Bild  einer großen schatzkisten-artigen Truhe besser). Wie dem auch sei, es ist an der Zeit, aus diesem „Schrank“, dieser „Truhe“ bzw. Box heraus-zukommen, und zwar je eher desto besser.

Nicht nur, dass wie oben beschrieben das Monster immer größer und der Schrank oder die Truhe immer enger wird. Es bedarf auch zunehmend mehr Energie und Kraft, das Monster in Schach zuhalten bzw. die Truhe offen, damit ich noch Luft bekomme.
Für den Körper wie für den Geist ist das absoluter Stress – der das ganze (Immun-)System und Hirnkapazität bindet. Unsere ganze Stress-Hormon-Kaskade ist im höchsten Maße aktiv! Die andauernde Situation bindet Ressourcen, die uns in unserem normalen Leben fehlen und die wir eigentlich auch genauso gut aufwenden könnten, um es mit dem Monster aufzunehmen.

Aufnehmen finde ich dabei recht neutral formuliert. Denn weder ist es ein sinnvoller Weg, mit dem Monster zu kämpfen, noch vor ihm wegzulaufen – obwohl beides, Flucht oder Kampf, die uns durch die Evolution in lebens-bedrohlichen Stress-Situationen vorgegebenen lebens-rettenden Wahlmöglichkeiten sind. Nein, es „mit dem Monster aufzunehmen“ heißt etwas anderes – nämlich sich umzudrehen und auf das „Monster“, das eigentlich schlicht und ergreifend eine uns unbequeme Realität ist, zuzugehen, die Arme zu öffnen und es liebevoll zu umarmen. Dann nehmen Sie die Maske ab, öffenen Sie Ihre Rüstung und zeigen Sie sich, wie und wer Sie sind. Zeigen Sie, im Sinne des Wortes, Ihre Ent-Rüstung!

Wenn Sie dies tun, kann ich Ihnen zweierlei versprechen: 1. Es wird nicht leicht sein, denn es bedarf einer ganzen Portion Vertrauen, sich offen, ehrlich und verletzlich zu zeigen. Und mög- licherweise es wird sogar ziemlich kräftig scheppern, weil andere Menschen mit einer solchen Offenheit nicht klar kommen. Aber nach einer Weile wird sich der Wind beruhigt haben und bereits ein paar Wochen später werden sich die meisten Menschen aus dem Umfeld wieder anderen Dingen zugewendet haben. Und 2. Wenn Ihnen dies gelingt, wird Ihnen all die Energie, die sie vorher benötigt haben, um Ihre Gedanken-Konstrukte-Truhe aufrecht zu erhalten, also Ihre Ritterrüstung durch die Gegend zu schleppen, wird Ihnen von da an für andere Aktionen zur Verfügung stehen.
Eine wahre Schatztruhe an Energie also, die Sie damit für sich nutzbar gemacht haben. Und nicht nur das, ganz häufig finden sich auch andere wertvolle „Gaben“ in dieser Schatztruhe, nämlich wenn Ihnen Offenheit und Ehrlichkeit zurück gebracht werden. So kann „Begegnung“ auch zu einem Geschenk werden.

Außerdem, und das ist denke ich der wesentliche Aspekt, den bereits die weiter oben von mir erwähnte Ash Beckham in diesem (leider nur auf englisch) verfügbaren Beitrag betont hat: „Schränke [oder auch Truhen] sind kein Ort für Menschen, um dort zu leben!“

Also los – bald ist wieder Karneval. Ent-Rollen Sie sich und Ent-Rüsten Sie sich! Und probieren Sie eine ganz neue Form der Begegnung in Offenheit…