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Schwimmen gegen den Strom (2)

25 Okt

In meinem letzten Beitrag schrieb ich darüber, wie es mir auf meiner letzten Pilgerwanderung auf dem Jakobsweg erging, auf der ich vom Reiseziel der meisten Pilger startete um auf dem selben Weg „wieder zurück“ zu gehen.
Mein Motto war dabei „Der Weg zurück ins Leben“ oder vielmehr in meinen Alltag, denn die Menschen, die vor 800 Jahren eine Pilgerreise machten, konnten sich ja auch nicht einfach in ein Flugzeug setzen, um vom Ziel ihrer Pilgerreise wieder nach Hause zu kommen…

Spannend fand ich es aber auch, die Reaktionen der anderen Pilger wahrzunehmen, die ich grüßte während unserer kurzen Begegnung, wenn sie mir entgegen kamen, oder während einer etwas längeren Begegnung, wenn ich sie abends in den Herbergen traf (ich karikiere hier natürlich ein wenig, also bitte nicht ganz wörtlich nehmen).

Zunächst einmal gab es
Die Verunsicherten – oder auch: die Selbstzweifler:
Das sind die, die sofort verunsichert bis verwirrt ausschauten und anfingen, anhand irgendwelcher Wegmarkierungen oder der Beschreibung in ihrem Reiseführer zu überprüfen, ob sie möglicherweise falsch gingen. Denn wie wäre es sonst möglich, dass ihnen jemand entgegen kommt?

Die Selbstbewußten – oder auch: die Bestimmten:
Das genaue Gegenteil der Verunsicherten. Diese waren so felsenfest von der alleinigen Richtigkeit „ihres“ Weges überzeugt, dass sie mich sehr bestimmt darauf aufmerksam machten, wo es lang gingt – und das nicht etwa hilfsbereit-fragend, sondern fast schon befehlend. Daß andere Menschen möglicherweise andere Ziele oder andere Wege haben, schien ihnen eine neue Option zu sein.
Fragt sich nur, wer von uns ver-rückt war, oder?

Die Hilfsbereiten – oder auch: die Empathischen:
Dann gab es auch noch diejenigen Menschen, die mich – vor allem, als ich aufgrund einer fetten Schleimbeutelentzündung ziemlich stark humpelte – fragten, ob bei mir alles in Ordnung sei oder das Humpeln der Grund für mein Umdrehen sein. Dazu zähle ich auch die drei spanischen Hausfrauen, die mich am Morgen aufgrund meines schmerzverzerrten Gesichtes, etwa 8 km vor meiner Ankunft in Santiago fragten, ob ich nicht lieber einen Bus nehmen wollte (was natürlich einerseits mit meiner Pilgerehre nicht zu vereinbaren war und andererseits die Busse sowieso nur alle Jubeljahre mal fuhren).

Die Mißtrauischen (zum Glück war es nur einer):
In einer Herberge sagte mir doch tatsächlich jemand sinngemäß, vor Menschen wir mir (die den Jakobsweg zurück gingen) müsse man sich in Acht nehmen, denn sie seien suspekt oder hätten was zu verbergen – vor allem wenn sie einen Hund mit sich führen würden, was ich allerdings nicht hatte. [Zur Erklärung: es gibt einige wenige, die vom Jakobsweg den Absprung nach Hause nicht schaffen und quasi als Dauerpilger von einem Jakobsweg zum anderen ziehen – manche von diesen sind dann irgendwann in Begleitung von Hunden anzutreffen, weswegen sie dann keinen Zutritt mehr in die Pilgerherbergen bekommen]

Die Neugierigen – oder auch: die Weltoffenen:
Am meisten berührt haben mich ehrlich gesagt die beiden Begegnungen, wo mir ein entgegenkommender, dem Dialekt nach schätzungsweise amerikanischer Pilger einfach nur sagte bzw. fragte: „Oh, you’re going back?“ – so, als ob es die normalste Sache der Welt ist.
Oder die handvoll Gespräche mit Menschen, die sich nach meinen Motiven interessierten, warum ich zurück ging.
Das Attribut „neugierig“ ist daher für mich eindeutig positiv belegt, da es im wörtlichen Sinn einen gewissen Wissensdurst bestätigt und von Interesse zeugt.

Die breite Masse:
Das waren die vielen Menschen, sozusagen der Schwarm oder die Herde, die mit dem Strom schwimmen, die auf meinen Gruß (übrigens dem traditionellen Pilgergruß „Buen Camino“) ganz normal zurück grüßten.
Nur wenige von denen schauten leicht schräg, so als ob ich „keiner von ihnen“ sein könnte, es aber dennoch wagte, mich ihres Grußes zu bedienen.
Vielleicht war das aber auch nur meine eigene Interpretation. Denn dieser „Herde“ zugehörig war und fühlte ich mich auch in der Tat nicht, sondern eher so wie auf einer Art Kamera-Perspektive…

Und um abschliessend noch mal auf die im ersten Teil erwähnte Bemerkung meiner Bekannten zurückzukommen: Sooo einsam war der Camino dann doch nicht – für mich war der Weg voller Begegnungen, wenngleich diese auch nicht besonders lang waren.
Ich bin mir aber sicher, dass der oder die eine oder andere – ob bewusst oder unbewusst, direkt oder indirekt – durch diese unsere Begegnung, evtl. auch nur durch mein blosses Da-Sein, oder (im Fall der „längeren“ abendlichen Begegnungen) auch durch unsere Unterhaltung seinen Weg verändert fortgesetzt hat. So wie auch mich die eine oder andere Begegnung und dieses oder jenes Gespräch noch eine Weile in meinen Gedanken und auf meinem Weg begleitet hat.

Welche Hindernisse ich sonst noch so beim Schwimmen gegen den Strom zu überwinden hatte, lesen Sie im dritten Teil…

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Zwischen den Welten

29 Sep

„Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“,  heißt ein Sprichwort. So auch neulich, als ich ein paar Tage nach Rotterdam fuhr, um eine Freundin zu besuchen. Wie sich das so für einen „ordentlichen“ Touristen gehört, unternahmen wir natürlich eine Rundfahrt durch Rotterdams Hafen, der im übrigen der drittgrößte der Welt ist.

Während wir so Kaffee und Kuchen mampfend auf dem Boot so dahin schipperten, manche Leute laut plappernd, war es teilweise ziemlich schwierig, den informativen Ausführungen vom Tonband zu folgen. Daher verlegte ich mich aufs Beobachten des Geschehens da draussen im Hafen: Kräne, die riesige Container wie Spielzeug-Schächtelchen von und auf Containerschiffe luden, Werftmitarbeiter, die im Trockendock ein Schiff neu anstrichen, andere Schiffe an anderen Kais, auf denen weitere Handelsgüter oder -flüssigkeiten wie Erdöl und Orangensaft umgeschlagen wurde (was ich zugegebener-maßen weniger beobachten konnte als den audiovisuellen Ausführungen entnahm). Inmitten dieses ganzen Treibens für den Welthandel und das Bruttoinlandsprodukt, das vielen Menschen Arbeitsplätze gibt und damit zu ihrem Lebensunterhalt beiträgt und gleichzeitig uns allen mit Kleidung aus Asien oder anderen uns selbstverständlich gewordenen Annehmlich-keiten versorgt, kam mir der Gedanke, dass in diesem – wie vermutlich auch in jedem weiteren Moment – sich sprichwörtliche Welten begegnen: meine gemütliche Kaffee-und-Kuchen-Welt mit „der anderen“ da draussen.

Aber welches ist nun die „reale“ Welt? Das hängt sicherlich davon ab, mit welchen Augen ich die Welt betrachte (wobei neben den Augen natürlich auch noch die anderen Sinne zur Wahrnehmung beitragen können) und aus welcher Perspektive… Also vom eigenen Standpunkt – denn Menschen neigen dazu, nur das, was sie (er)kennen oder erleben, als normal – real – existent, oder wie auch immer Sie es nennen mögen, einzustufen[i].

Den meisten von uns werden diese parallelen Welten – wenn überhaupt – eher im Urlaub bewußt, wenn man mit während eines Telefongesprächs mit „Daheim“ erfährt, wie blöd dort gerade das Wetter ist und man es somit in seinem Urlaubsziel gut getroffen hat. Oder wenn man nach einer längeren Auszeit, sei es im Backpacking-Urlaub, auf dem Jakobsweg oder (eher unfreiwillig) nach einem Krankenhaus-Aufenthalt wieder zurückkommt in sein alltägliches Umfeld, seinen alltäglichen Job und sich fragt, was man dort eigentlich tut – bestenfalls, manchmal möchte man sicherlich auch sofort gleich wieder abhauen.

Doch Abhauen würde bedeuten, zu fliehen, sich der (seiner eigenen!) Realität nicht zu stellen. Deshalb ist so ein aufrüttelnder Moment, in dem zwei Welten aufeinander prallen, so eine Konfrontation mit dem anderen, doch eigentlich ein guter Anlass, um mal in sich zu gehen und sich zu überlegen. was es eigentlich genau ist, das einem in der einen – oder der anderen – Welt so gut gefällt oder auch nicht. Für die logisch-rationalen Menschen unter Ihnen gerne auch mit einer
Pro-und-Contra-Gegenüberstellung.

Und dann entscheiden Sie sich – aber nicht für oder gegen die eine oder die andere „Welt“ sondern dafür, die Punkte, die Ihnen in Ihrer Alltagsrealität nicht (so gut) gefallen, nach Ihren Wünschen und Möglichkeiten zu verändern.
So wie es auch schon die Heldin aus Kindertagen, Pippi Langstrumpf, sagte: „Ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt…“

Mensch, wo blühst DU?

9 Mai

Auf dem Weg zu einem Wochenend-Besuch fuhr ich kürzlich durch die deutschen Landen. Während der Fahrt schaute ich aus dem Fenster und nahm sehr erfreut wahr, was ich bisher in einer Großstadt (wie München, wo ich sonst so die meiste Zeit verbringe) nur erahnen konnte: Mit ein paar Wochen Verspätung lässt nun der Frühling endlich die Natur wie auch Menschen und Tiere zu neuem Leben erwecken!

Das junge, frische Grün, das zaghaften manchen Bäumen zum Vorschein kommt, während woanders schon längst die Forsythien in voller Blütenpracht in leuchtendem Gelb explodiert sind. Und in so manchem Vorgarten kann ich auch schon die Magnolienbäume entdecken, die zur Zeit gerade ihre großen, rosa-weißen Blüten pompös zur Schau stellen.
Und deren Duft erst, der sich einen kräftigen Wettstreit mit den saftigen Wohlgerüchen aus den ersten Amtshandlungen von Grill-Anhängern um eine Wahrnehmung unserer Nasen leistet!
Zum fröhlichen Vogel-Gezwitscher, das schon seit Tagen in verschiedenen Frequenzen und Melodien erklingt, gesellen sich später, als es schon Dunkel geworden ist, im nahegelegenen Park noch das rhythmische Trommeln der Djembés – die gute Laune von deren Spieler lädt Erinnerungen an den längst vergangenen Karibik-Urlaub ins Gedächtnis. Dazu passt die warme Brise des Abendwindes, die sanft über mein Gesicht streicht.

Endlich wird’s Sommer. Endlich Zeit zum Aufblühen!

Auch für uns Menschen…. Nicht nur, dass sich jetzt das Leben – zumindest die Freizeit – zunehmend draussen abspielt, auf Strassen, in Parks, in Cafés oder Biergärten, auf Fahrrädern, in oder auf Gewässern oder in Schwimmbädern.

Während die Pflanzen zumeist an einen „Standort“ gebunden sind, an dem sie optimal wachsen und gedeihen können und an dem sie eine ideale Versorgung mit Sonne, Wasser, Licht, Nährstoffen und allem, was Pflanzen sonst noch so brauchen, vorfinden: wir Menschen können uns an verschiedenen (Stand-)Orten aufhalten  bzw. diese wechseln – und uns diese meist auch noch selbst aussuchen.

Wo ist denn überhaupt unser Biotop?

Und obwohl die „Standort-Frage“ für Menschen keine so lebenslange Entscheidung ist wie für Pflanzen, sollten auch wir uns die Frage stellen, WO denn überhaupt unser „Biotop“, unser optimaler Standort mit den für uns maximal förderlichen Wachstumsbedingungen ist. Was natürlich auch die Frage mit einschließt, WAS es ist, das uns aufblühen lässt. Denn so, wie jede Pflanzensorte andere Bedürfnisse hat, z. B. an Sonne und Wasser, hat auch jeder von uns andere Anforderungen.
Brauchen wir eher eine „gut durchorganisierte Umgebung“ sowie vorgegebene Strukuren oder eher viel Schaffensfreiraum? Sind wir eher Team Player, die inmitten einer Menge anderer Menschen ihr Potenzial entfalten, oder eher Lonely Wolves? Sind wir eher Denker/Theoretiker oder eher Pragmatiker? Arbeitet jemand lieber im Hintergrund oder ist er besser voll im Rampenlicht?
Verstehen Sie mich bitte richtig: An keinem dieser Pole ist irgendetwas „gut“ oder „schlecht“ bzw. „besser“ oder „schlechter“ als etwas anderes – es kommt ja immer darauf an, für was oder in Bezug auf was eine Eigenschaft von Vorteil oder eben von Nachteil ist. Und natürlich darauf, wie jeder von uns beschaffen ist.

So wie eine Wüste als Standort für eine Seerose den Tod bedeutet, während es für den Kaktus das blühende Leben ermöglicht. Eckart von Hirschhausen, den ich an dieser Stelle schon ein paar Mal zitiert habe, sagt in dem ihm eigenen Stil, dass aus einem Pinguin auch in sieben Jahren Psychotherapie nie eine Giraffe wird – und so ist es auch mit Seerosen und Kakteen. Und das ist auch gut so, denn die Welt wird durch beide schöner, nur eben nicht am gleichen Fleck…

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gutes Gelingen auf der Suche nach Ihrem persönlichen Biotop.
Jetzt und immer wieder neu – und:

bitte bleiben Sie gesund und lebendig!

Herzlichst, Ihre Christina Bolte