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Die weiße Linie

3 Jun

Neulich war ich mit dem Rad unterwegs in München. Auf einem dieser stinknormalen Radwege, bei denen der Fußweg vom Radweg durch eine weiße Linie abgetrennt ist. Es war samstags morgens um 9 Uhr und relativ wenig los auf Münchens Strassen.
Ich hatte es, nun ja, ein bißchen eilig.  Nicht übermäßig, aber ein wenig. So war ich etwas irritiert, als ich mich einem lauthals gestikulierenden Mitbürger näherte, der mitten auf „meinem“ Radweg mit seinem Handy telefonierte.

In meinem Kopf fanden sich Gedanken wieder, wie: „So ein Depp, muss der mitten auf dem Radweg stehen? Kann der nicht sich an die Spielregeln halten und auf dem Fußweg telefonieren?“ und ähnliche. Allesamt nicht besonders nett und ziemlich (ab)wertend. Vermutlich kennen Sie solche  Momente.

Während ich so diesen meinen Gedanken nach hing, schaute ich noch mal genau hin – und sah auf einmal folgendes Bild:

 

 

 

 

 

 

Ich bemerkte also, dass die weiße Linie, die eben noch vor meinen Augen den Fußweg vom Radweg abgetrennt hatte, eigentlich weggefräst worden war.  Ich hatte sie noch vor ein paar Minuten sonnenklar gesehen, obwohl sie eigentlich nicht mehr da war. Gleichzeitig hatte ich mich im Recht auf „meinem Radweg“ gewähnt, obwohl es eigentlich „sein Fußweg“ war, auf dem ich laut Verkehrsschild nur geduldet war.

Das zeigte mir,

  1. wie schnell wir doch über andere Menschen urteilen und glauben, im Recht zu sein
    und gleichzeitig erinnerte es mich
  2. daran, wieviele unsichtbare weiße Linien, Grenzen oder Glaubenssätze ich wohl noch in meinem Kopf habe, die ich für gültig halte, obwohl sie längst für ungültig erklärt oder aus anderen Gründen eigentlich gar nicht mehr vorhanden waren.

Das sind die „weißen Linien“, die Sie und ich häufig schon als Kind aufgemalt bekamen, und die wir immer und immer wieder zu hören bekamen und die wir deshalb auch heute noch befolgen, ohne sie zu hinterfragen. Häufig enthalten solche „weiße Linien“ die Formulierung: „Das muss man …, das macht man (oder macht man nicht)“ und so weiter. Vermutlich kennen Sie noch viele weitere Formulierungen…

Egal, welche es sind und worum es geht: Diese „weißen Linien“ in unserem Kopf fordern uns permanent auf, ob das, wovor sie uns ursprünglich schützen sollen (z. B. heißen Herdplatten, als Kind vom Auto überfahren zu werden etc.) auch heute noch eine Gefahr ist und wir uns bewußt dafür entscheiden können, diese Linie nach wie vor für gültig zu erklären. Oder ist diese „weiße Linie“ eigentlich überflüssig geworden, weil wir nun als Erwachsene einen neuen Horizont oder eine neue Perspektive darauf gewinnen konnten – und wir die damalige Gefahr heute eigentlich nur noch als „Randerscheinung des Lebens“ einstufen würden?

 

Also, wenn Ihnen das nächste mal auch eine vermeintliche weiße Linie begegnet – schauen Sie genau hin – und entscheiden Sie jedes Mal neu, ob diese Linie für Sie heute noch aktuell ist!

Ich wünsche Ihnen dabei viel Freude, Erkenntnisse und Gutes Gelingen!

Ihre Christina Bolte

Von Konzepten und was das mit dem Urlaub zu tun hat

5 Apr

Gehören Sie auch zu den Leuten, die – wie ich auch – gerne Konzepte machen?
Auch in meinem Umfeld höre ich immer wieder – vor allem während meiner Zeit als Angestellte hörte ich es sehr oft: „Schick mir mal das Konzept für…“ oder „Ich muss noch ein Konzept für mein neues  Seminar/Vortrag etc. machen“.  Ist doch alles ganz normal, oder? Vor allem, wenn man kreativ oder künstlerisch tätig ist, gehört das ja zum guten Umgangston.

Nun, eine neue Perspektive auf das Thema ‚Konzepte machen‘ gewann ich neulich während meines letzten Urlaubs. Die Betonung in meiner Eingangsfrage liegt nämlich nicht auf den Konzepten, sondern auf dem Wort machen.

Ich war in Spanien unterwegs, genauer gesagt, es war am 8. Dezember, einem gesetzlichen, katholischen Feiertag in Österreich und weiteren Ländern, darunter eben auch in Spanien, nämlich Mariä Empfängnis. (Es mag auch meiner protestantischen Erziehung geschuldet sein, dass ich diesen Feiertag nie so recht verstanden habe. Dank Wikipedia weiss ich nun, dass die Schwangerschaft sich nicht auf die Zeit bis zur Geburt Jesu an Weihnachten bezieht, sondern auf die Zeit bis zum Feiertag Mariä Geburt am 8. September).
Aber das nur nebenbei.

An meinem Urlaubsort jedenfalls lief an diesem Tag alle Welt in die große Kirche im Ort. Wie wir nach einer Weile feststellten, war diese Kirche eben genau dem Feiertag geweiht, nämlich Santa Maria Concepción (da in Spanien gefühlt jede zweite Frau Maria heißt, der Muttergottes zu Ehren, haben die meisten noch einen zweiten Vornamen, um diese zu spezifizieren).

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Concepción, oder auf deutsch eben Empfängnis, auch die eines Kindes, ist nichts, was man aktiv machen, gestalten oder gar forcieren kann. Sondern ein Konzept ist etwas, das geschieht. Oder – wenn man so will – etwas, das vom Himmel fällt, oder noch anders ausgedrückt: Ein Akt der Gnade.

Das gilt natürlich entsprechend auch für Konzepte (oder was korrekter wäre: Konzeptionen*), denn die Begriffe leiten sich ja voneinander ab. Natürlich kann man sich hinsetzen, um gezielt über bestimmte Aufgaben- oder Fragestellungen nachzudenken.

Aber die richtig guten Geistesblitze hat man ja bekanntlich nicht am Schreibtisch, sondern erfahrungsgemäß eher unter der Dusche, auf dem Klo, beim Einkaufen oder beim Spazierengehen.

Also, wenn Sie das nächste Mal krampfhaft auf der Suche nach einem neuen Konzept sind: Lassen Sie los. Hören Sie auf zu Wollen. Machen Sie einen Schritt zurück. Gehen Sie aus dem (Schreibtisch-)Kontext. Gehen Sie Spazieren, am besten durch die Natur. Treffen Sie andere Menschen. Oder Meditieren Sie.

Dadurch schaffen Sie freien Raum in Ihrem Kopf, in dem etwas Neues entstehen und empfangen werden kann.

Bei der Problemlösung helfen kann auch eine Technik, die „Aus der Zukunft her führen“ heißt.
Im gleichnamigen Buch von C. Otto Scharmer erfahren Sie wie es geht.

Allerdings geht es erfahrungsgemäß leichter, sich anleiten zu lassen. Das nehme ich Ihnen gerne ab. Vereinbaren Sie gleich einen persönlichen Termin mit mir!

Zum Buch geht es hier:

Aus der Zukunft her führen“ von C. Otto Scharmer

 

 

* ein Konzept ist ja im eigentlichen Sinn ein eher abstrakter, philosophischer Begriff,
der nur im Umgangssprachlichen häufig für die konkretisierende Wortbedeutung Konzeption verwendet wird

Video

Metamorphose – Veränderung

17 Aug
Die Metamorphose von der Raupe zum Schmetterling – wie sie sehr schön in diesem Video von Terra X zu sehen ist – erklärt wie ich finde wunderbar, warum uns Transformation so schwer fällt.
Was wir für uns daraus ableiten können, ist:
1. Es braucht Geduld und Vertrauen – um die Phase zu überbrücken, in der „das Alte“ (die Raupe) nicht mehr passt und „das Neue“ (der Schmetterling) noch nicht seine Form gefunden hat, ja diese teilweise sogar noch nicht mal erkennbar ist.
2. Rückzug und Kraftschöpfen (in jeglicher Hinsicht) sind dabei ein guter Weg.
Viel Spass bei Eurer persönlichen Veränderung – auf dass Euch bald die Flügelchen trocken sind und ihr mit Leichtigkeit Eure neue Lebensphase genießt.

Vorsprung durch Technik?

3 Apr

Neulich war ich auf einer Veranstaltung, wo es darum ging, wie wir in Zukunft leben wollen. Natürlich lag der Schwerpunkt der Frage auf dem „WIE wollen wir in Zukunft leben?“ – und wie so ganz häufig wird man dann ganz schnell in Szenarios von hochtechnologisch ausgefeilten Visionen versetzt. Technischer Fortschritt par exellance. Virtual-Reality-Glasses oder Stichworte wie Internet der Dinge, künstliche Intelligenz und ultimative Vernetzung werden genannt.

Ob diese Szenarien, sollten sie ganz oder nur in Teilen, irgendwann in ferner oder nicht mehr ganz so ferner Zukunft zur Realität werden, uns mit Freude, Begeisterung oder mit Angst erfüllen werden, ist sicherlich individuell unterschiedlich und hängt in hohem Maße davon ab, welches Menschenbild und welche Lebenseinstellung insgesamt jeder einzelne hat.

Was mich jedoch viel mehr beschäftigt – und es ist schade, dass dieser Aspekt auf Veranstaltungen wie die anfangs erwähnte meistens völlig ausser Acht bleibt – ist, dass man den Schwerpunkt der Frage genauso gut auf das WIR oder das LEBEN legen könnte, also: „Was bedeutet LEBEN in der Zukunft?“ oder: „Wer ist das WIR, das wir in Zukunft leben wollen?“

Denn wenn ich an die Zukunft denke, denke ich nicht darüber nach, ob mir sprechende und vernetzte Kühlschränke das Leben vereinfachen, wieviel komfortabler ….. Nein, mich interessiert viel mehr, wie wir Menschen miteinander umgehen, wenn sie in einem noch größeren Maße als heute schon eine Koexistenz mit Maschinen und technischen Geräten führen. Ist es ein empathischer, liebevoller Umgang oder einer eine Begegnung voll Misstrauen und gegenseitiger Kontrolle?
Mich interessiert, wer WIR sind. Besteht unsere Gesellschaft in der Zukunft nur aus Menschen, die ein gutes und uniformes Leben führen, in dem Menschen, die aus dem Rahmen fallen oder aus Gründen (Krankheit, Behinderung oder Armut beispielsweise), für die sie nichts können oder auch doch, durch das Raster fallen und ein Leben im Untergrund oder in Ungnade fristen müssen? George Orwell bezeichnete dies mit „gleicher als gleich“ sein. Oder ist unsere Zukunft groß genug für Menschen, in der sich jeder nach Gutdünken, Wissen und Gewissen entfalten und leben können wie sie möchten – und in der man sich dabei unterstützt und in der jeder dem anderen mit offenem Geist, offenem Herzen und Respekt begegnen kann?

Mich interessiert die Frage, wo ist mein Platz in dieser Welt, wenn bestimmte Tätigkeiten und Dienstleistungen von Maschinen übernommen wurden oder werden. Werde ich meine Träume realisieren und malen, schreiben, singen, tanzen und spazierengehen können? Oder werde ich ein Leben in Langeweile fristen, weil alle sinnvollen erscheinenden Berufstätigkeiten nur noch durch Maschinen mit künstlicher Intelligenz ausgeführt werden dürfen (u. a. weil menschliche Arbeit zu teuer geworden ist)? Oder werde ich womöglich nur noch ein Sklave dieser technischen, überlegenen Spezies sein?

Und schliesslich bewegt mich noch die Frage, ob es in ferner Zukunft überhaupt noch Menschen auf diesem Planeten geben wird – oder sind wir gerade auf dem besten Weg uns selbst überflüssig zu machen und abzuschaffen? Getreu dem Motto des Witzes:

„Treffen sich zwei Planeten. Fragt der eine: ‚Wie gehts dir?‘, antwortet der andere: ‚Schlecht, ich hab Menschen.‘ Darauf tröstet ihn wiederum der eine: ‚Ach, keine Sorge, das geht vorbei.‘ „

Was bewegt Sie, wenn die an die Zukunft denken – welche Szenarien wünschen Sie sich?
Ich freue mich auf Ihre Beiträge.

Ihre
Christina Bolte

Eindrücke vom Camino (2): Mit dem Finger auf der Landkarte

29 Jul

Diesen Beitrag hielt ich (so oder so ähnlich) in freier Rede am 29.07.2015 bei den ToastMastern, Speakers Corner in München:

Reisen ist schön. Deshalb tue ich es auch sehr gerne. Gerade komme ich zurück von meiner Tour mit dem Fahrrad auf dem – wie sollte es bei mir anders sein? – Jakobsweg. Und zwar dem Streckenabschnitt von München bis an den Bodensee. Wir sind direkt von der Haustür aus weggeradelt!

Ich muss sagen, für mich ist Reisen immer doppelt schön, denn die Reise beginnt bei mir schon mit der Vorbereitung. Vor allem bei Wander- oder Radtouren wird der Urlaub geradezu minutiös ausgeplant. Wie viele Kilometer, wo wird übernachtet, und so weiter. Kennt ihr das? Macht das von Euch auch jemand so? Wem von Euch geht es ähnlich?

Dann könnt ihr ja gut nachvollziehen, wieviel Freude – vor allem Vor-Freude – es macht, sich die Höhenprofile anzuschauen sowie die Etappenbeschreibung und die der Zielorte durchzulesen. Fast ist es, als wäre man schon unterwegs und auch schon fast am Ziel.

 

Dennoch war beim Reisen selbst, beim Radfahren dann alles anders. Denn in keinem Reiseführer steht, wie es sich anfühlt, stundenlang das Gewicht seines Rucksacks auf den Schultern zu spüren. Oder wie extra-anstrengend es ist, bei über 35 Grad in praller Sonne zu fahren. Zwar war die enorme Hitze nicht wirklich überraschend, weil das Wetter ja entsprechend vorher gesagt war. Dennoch war es einfach wunderbar, bei der Affenhitze den kühlen Fahrtwind auf der Haut zu spüren, das kann einem keine Planung ermöglichen.

Aber: Beim Reisen selbst war dann auch alles anders als in der Theorie, weil auf keiner Landkarte eingezeichnet war, an welchen Streckenabschnitten das Zwitschern der Vögel oder das Muhen der Kühe zu hören war. Könnt ihr es hören?

Und die Gerüche erst, auch die waren nirgendwo verzeichnet. Aber dennoch: ein Traum! Ich liebe es einfach, wenn es nach Sommer riecht! Nach frisch gemähtem Heu an einem Ort, oder ein paar Kilometer weiter im Wald, wo es so schön nach frisch geschlagenem Holz roch.

Letztendlich ist es aber mit dem Reisen wie mit allem im Leben, egal ob es berufliche Projekte oder Ziele sind oder private: Man wird niemals dort hinkommen, indem man davon träumt oder es plant, so lange man sich nicht auf den Weg macht.

Willkommen zu Hause

2 Feb

Stellen Sie sich vor, Sie möchten abends mal ausgehen – und engagieren zur Betreuung Ihres Kindes einen Babysitter. Dieser hat eine glänzende Reputation, ist intelligent und macht einen gepflegten Eindruck. Guten Gewissens gehen Sie aus dem Haus und machen sich einen schönen Abend.

Als Sie nach Hause kommen, haben Sie eine komische Vorahnung. Schon von weitem bemerken Sie, dass in Ihrem Haus überall das Licht brennt und hören, dass laute Musik spielt. Als Sie auf Ihr Grundstück fahren, sehen Sie, dass Ihre Haustür sperrangelweit offen steht. Als Sie das Haus betreten, der nächste Schock: Im Wohnzimmer sind alle Fenster geöffnet, die Vorhänge wehen nach außen. Alle Stühle wie auch andere Möbel liegen umgekippt am Boden, auch die Blumentöpfe, deren Erde nun auf dem Teppich verteilt ist. Im Bad läuft non-stop der Wasserhahn, zum Glück funktioniert der Überlauf einwandfrei. In der Küche sind sämtliche Töpfe und Schubladen ausge- räumt und der Inhalt über den gesamten Boden verteilt, ebenso wie die Reste dessen, was vor Ihrem Aufbruch noch im Kühlschrank war. Was ist los, ein Einbruch?

Als Sie die Treppe hinaufgehen, hört der Alptraum nicht auf – im Gegenteil. In Ihrem Schlafzimmer sind die Schränke aufgerissen und die Kleider liegen am Boden verstreut. Überalle finden Sie leere Bierflaschen und volle Aschenbecher vor. Im Kinderzimmer ein ähnliches Bild – dazu sehen Sie Ihr Kind und den Babysitter, wie diese begleitet von lauter Hardrock-Musik auf dem Bett herumhüpfen, beide gekleidet in Ihren glitzernden Party- und Ausgehklamotten und mit einer Flasche Bier in der Hand.

„Oh je“, werden Sie vielleicht denken, „Was soll man dazu nur sagen, da fehlen mir echt die Worte.“ Und die Worte, die Ihnen möglicherweise als erstes in den Sinn kommen, gehen vermutlich in die Richtung: „Unverschämtheit“, „Wie kann der [Babysitter] sich nur so verhalten?“ oder „…
Die Rechtsanwälte unter Ihnen werden vielleicht noch ergänzen: „Den [Babysitter] werde ich verklagen!“

Ihr Ärger wäre verständlich – ich wäre auch ziemlich wütend, wenn jemand so mit dem ihm anvertrauten Hab & Gut und vor allem mit meinem Kind umginge! Denn immerhin kommt das Wort ‚anvertrauen‘ von Vertrauen, und das ist in diesem Gedankenspiel arg mißbraucht worden.

Doch wenn wir ehrlich sind, wir als Menschheit, gehen wir besser mit der uns anvertrauten Erde um, dem Erbe unserer Kinder? Wir Menschen halten uns für die Krone der Schöpfung, und vergessen dabei, dass die Krone wertlos ist, wenn es keinen Kopf gibt, der sie trägt. Oder der Kopf nur noch ein Totenschädel seiner selbst ist.

Und so bedienen wir uns der Schätze und Rohstoffe der Erde (Kühlschrank), fällen den Regenwald (das Mobiliar), vergeuden sinnlos das Trinkwasser und Energie und hinterlassen überall unseren Müll – und das alles nur um uns zu vergnügen (Partyklamotten).

Um noch mal auf den Babysitter zurückzukommen: Wie würden Sie sich wünschen, dass er mit Ihrem Kind (und Ihrem Haus) umgeht – sicherlich pfleglich, sorgsam und liebevoll. Und vermutlich wären Sie auch nicht traurig, wenn er nebenbei auch noch staubsaugen oder das Badezimmer putzen würde, oder? (Zumindest ginge es mir so…)
Wie wäre es, wenn wir beginnen würden, so auf und mit der uns überlassenen Erde umzugehen? Sie in einem besseren Zustand hinterlassen als wir sie vorfinden? Und vor allem mit uns selbst und miteinander umzugehen? Ich finde, das käme dem Paradies auf Erden schon recht nahe.

Pflegen wir es also!

Paradiesische Grüsse sendet Ihnen

Ihre Christina Bolte

Von inneren und äußeren Reisen

22 Nov

Vor einiger Zeit schrieb ich diesen Beitrag über meine persönliche Erfahrung von Freiheit, und wie sich die Betrachtung dessen im Laufe der Zeit verändern kann.
Angeregt duch eine inspirierende Mittagessen-Unterhaltung möchte ich heute über einen anderen Aspekt dieses Themas berichten – so wie ich es in den letzten Jahren erlebt habe (was nicht zwingend bedeutet, dass es auch für alle anderen Menschen so gelten muss).

Wie erwähnt, habe ich vor einigen Jahren einen Großteil meiner Freizeit und meines Jahresurlaubs auf Reisen verbracht. So, wie andere Menschen viel Geld in Autos, Kleidung oder Wellness stecken, entsprach dies eben meinem persönlichen Verständnis (und Bedürfnis) von Luxus. Auch wenn es keine besonders luxuriösen Reisen waren, wie Club-Urlaube oder All-Inclusive-Kümmer-Dich-um-Nix-Reisen, sondern eher eine Art Last-Minute- und/oder Packpacking-Urlaub (häufig mit Tauchequipment, was die Mobilität dann doch immer etwas einschränkte), war es mir wichtig, auf diesen Reisen (neben Sonne, Strand & Meer) das Gefühl von Freiheit (er)leben zu können. Sei es die Freiheit, die ich beim Blick über die Weite des Meeres verspüren, die Freiheit (und die Ehrfurcht) bei einem Tauchgang eins zu sein mit der mich umgebenden Unterwasserwelt oder die Freiheit, heute hier und morgen dort zu übernachten, je nachdem wonach mir der Sinn stand oder wo es mir gefiel. Zusammengefasst könnte man sagen, ich liebte die Freiheit, mich nicht festlegen zu müssen.

Im Laufen der vielen Reisen, um genau zu sein auf einem Tauchboot auf den Philippinen, fragte ich mich, warum ich mir dieses Gefühl von Freiheit immer nur im Urlaub ‚erlauben‘ konnte oder wollte und nicht auch in meinem Alltag. Die Antwort war leider sehr ernüchternd: Weil ich mich gefangen sah in (v. a. beruflichen) Strukturen, die mir zwar ausreichend finanzielle Kompensation boten, um mir wenigstens im Urlaub das Gefühl von Leben leisten zu können, mir aber – so meine Wahrnehmung – ansonsten wenig Luft zum Atmen und vor allem Herzensfreude boten. [Kleine Randnotiz: Im Nachhinein natürlich ein Luxus-Problem, denn wie viele Menschen gibt es, die in einem bescheidenen Job auch noch so bescheiden bezahlt werden, dass sie davon kaum für ihren Lebensunterhalt aufkommen können.]

Nun, besagter Philippinen-Urlaub war zwar im Nachhinein in einigen Aspekten sehr seltsam, aber war in einem Punkt auch sehr ausschlaggebend für mich. Denn auf dem Heimflug hatte ich am Silvester-Morgen 2010/11 einen etwa dreistündigen Stopover auf dem Frankfurter Flughafen. Ich muss zugeben, ich mag keine großen Flughäfen und finde Stopovers tendenziell eher überflüssig, denn nach einer eh schon 18-stündigen Reise wollte ich eigentlich nur noch nach Hause. Dennoch bin ich sehr dankbar für das Treffen mit einem früheren Studienkollegen, der mir (vermutlich mehr einfach so dahin gesagt) angeboten hatte, wenn ich mal in Frankfurt sei, solle ich mich mal melden – was ich auch tat.
Besagter Studienkollege erzählte mir also im Lauf unseres Frühstücks-Treffens auf dem Frankfurter Flughafen von einer „Selbstfindungs“-Seminarreihe, die er belegt hatte und die ihm seiner Aussage nach sehr gut getan hatte. Ich muss dazu sagen, dass ich zur damaligen Zeit den Ansatz hatte, dass sobald mir ein Thema zum dritten Mal über den Weg lief, ich mich damit auseinandersetzen wollte. Und da er in diesem Stichwort der Dritte war, setzte ich mich mit dem Thema Selbstfindung auseinander. Abgesehen davon, dass das Treffen mein angenehmster Flughafen-Stopover war, den ich jemals hatte, bin ich S. im Nachhinein sehr dankbar für diesen Tipp…

So belegte ich im folgenden Jahr nicht nur diese Selbstfindungs-Fortbildungsreihe – und in dem ich mich mit den Tiefen & Untiefen meiner Gefühle, Gedanken und Befindlichkeiten auseinandersetzte, fand ich dort, für mich völlig unerwartet, obwohl der Begriff Selbstindung das natürlich impliziert, Frieden mit mir selbst. Denn obwohl mir zwar aufgrund der Fortbildungsreihe natürlich weniger Urlaubstage & Geld für meine sonstigen Urlaubsreisen blieb, hatte ich andererseits auch gar nicht mehr das Bedürfnis, andauernd in der Welt herumfahren zu müssen. Ja natürlich ist es nach wie vor nett, gelegentlich mal aus seinem eigenen Saft herauzukommen, aber es tut auch gut, es nicht immer zu müssen…

Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass ich zuvor nur deshalb so oft unterwegs gewesen war, weil ich mit mir selbst nicht im Reinen gewesen war. So hatte ich gehofft, auf all den Reisen durch die Welt irgendwo das Gefühl von Angekommen- und Angenommensein zu finden, das mir fehlte. Ohne es aber jemals dort gesucht zu haben, wo man es mit ein wenig Überlegung hätte als erstes vermuten können: Nämlich in mir selbst.

So ähnlich, wie es auch schon der gute alte Goethe in seiem Vierzeiler Erinnerung formulierte:

„Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
Denn das Glück ist immer da.

Was mein Leben mit Höhlenforschung und Edelsteinen zu tun hat

8 Jun

Diese Gedanken hielt ich (so oder so ähnlich) als freie Rede am 12.05.2014 bei den ToastMastern, Speakers Corner in München:

Über Ostern war ich mit einer Freundin per Fahrrad im Inntal unterwegs. So hatten wir Gelegenheit, all die Städte und Sehenswürdigkeiten, an denen man sonst im Auto auf dem Weg zum Gardasee immer achtlos vorbei fährt, auch einmal „live“ anzusehen.

In Wattens machten wir deshalb einen kleinen Abstecher zu den Svarowski-Kristallwelten. Neben einer schönen Parkanlage konnte man auch diverse unterirdische Wunderkammern bestaunen, die eine Entdeckungsreise durch die Werke verschiedener Künstler ist. Unterstützt durch diverse audiovisuelle Effekte interpretierten diese Höhlen auch die verschiedenen Facetten der von Svarovski produzierten Kristalle.

Und als der Trubel und das kommerzielle Trara irgendwann anfingen mich zu langweilen, kam mir der Gedanke, dass mein Leben mir von außen betrachtet auch manchmal vorkommt wie eine dunkle Höhle, aber wenn ich mir dann die Zeit nehme, in die Tiefen hinabzusteigen, auch der eine oder andere Edelstein zum Vorschein kommt.

Deshalb möchte ich Sie bzw. Euch, liebe Toastmaster und liebe Gäste, nun mitnehmen auf eine kleine Höhlen-Reise durch Christinas Leben:

Die erste Höhle war – wie bei jedem anderen Menschen auch – die Bauchhöhle meiner Mutter. Von dort ging es in eine mittelgroße Vorortgemeinde im Hamburger Umland. Wenn ich diese mit einem Münchner Vorort vergleichen müsste, würde ich sagen, es ist irgendwas zwischen Ober- und Unterschleißheim. Zum Wohnen für junge Familien vielleicht noch ganz ok, aber als Teenager ziemlich öde.

Nachdem Abi studierte ich dann – als perfekte Synthese aus den Berufen meines Vaters, eines Ingenieurs, und meiner Mutter, einer kaufmännischen Angestellten – Wirtschaftsingenieurwesen an einer privaten Fachhochschule in Norddeutschland. Zu Hause war ich damals eigentlich mehr oder weniger nur noch zum Schlafen, denn das Motto dieser Zeit war: „Hart feiern & hart arbeiten“. Da wir hinsichtlich der Vorlesungen eine Anwesenheitspflicht hatten, ließ ich auch selten eine Party aus, weder auf dem Campus noch auf der Hamburger Piste.

Dennoch wurde es mir bald zu eng in meinem Leben, sowohl in dem Unternehmen, in dem ich das studienbegleitende Praktikum machte, als auch zu Hause, wo mir dauernd jemand „einen Tisch über meine Füße“ stellte. So war ich letztendlich froh, dass mich mein ersten „richtiger“ Job nach meinem Studium nach München verschlug.

Nicht nur, weil die Position im Produktkosten-Controlling eines Automobilunternehmens mit drei Buchstaben exakt der Job war, den ich mir gewünscht hatte. Es war und ist nicht nur eine ideale Aufgabe, um sowohl technische wie auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse optimal zum Einsatz zu bringen. Sondern war auch deshalb ideal, weil ich in München sogar gleich zwei Personen gekannt hatte, was mir den Sprung in eine neue Arbeitsumgebung und auch den Aufbau eines neuen Freundeskreises deutlich erleichterte.

Während ich anfangs voll Elan und Freude in der Arbeit dabei war, Zahlen in den Mittelpunkt zu stellen und für Kostensenkungen zu kämpfen, kämpfte ich auch in meiner Freizeit mit Freunden oder in semi-professionellen Wettkämpfen mit dem Fahrrad um Leistung, Höhenmeter und gegen innere und äußere Schweinehunde.

So war es nicht erstaunlich, dass ich mich immer öfter in Situationen wiederfand, in denen ich mich nicht mehr richtig freuen konnte. Ich merkte, dass irgendwann etwas ganz Essentielles auf der Strecke geblieben war: Der Faktor Mensch – und zwar nicht nur in Bezug auf meine Arbeit, sondern vor allem in Bezug auf mich selbst. Anscheinend hatte ich vor lauter Kämpfen und Rennen unterwegs mich selbst irgendwo verloren.

Und in dieser Situation fand ich mich 2007 mit dem Fahrrad auf den Jakobsweg wieder. Eigentlich hatte ich nur zwei Wochen und alleine vor mich hin radeln wollen – und bekam im Laufe der Zeit nicht nur haufenweise Erkenntnisse über mich selbst sondern wie sich später herausstellen sollte, war diese Reise auch der Wendepunkt meines bisherigen Lebens.

Erst später wurde mir klar, dass sich mein Zustand, in dem ich mich auf den Jakobsweg begab, guten Gewissens als Burnout bezeichnen ließ. Ich glich einem Stück Kohle, dass kurz davor war, verheizt zu werden. Bis es aber so weit war und ich für mein Leben die notwendigen Konsequenzen daraus zog, sollten noch einige Jahre vergehen. Einige Jahre der Selbstfindung, mit vielen dunklen Momenten und schmerzhaften Auseinandersetzungen mit mir selbst – „Höhlenforschung“ quasi. Wenn ich in dieser Zeit nicht aber auch gleichzeitig einige Lichtblicke gehabt hätte, oder Momente in denen mir verschiedene und mir völlig neue Facetten meiner selbst entgegen gestrahlt hätten, hätte ich vermutlich zwischendrin aufgegeben.

Mittlerweile ist mir klar geworden, dass der Druck, dem ich selbst mich und mein Leben ausgesetzt habe, mich gerade – wie jeden anderen Menschen auch – zu einem kleinen aber feinen Diamanten formt. Heute bin ich wieder ein kreativer und selbstbestimmter Mensch, der gelernt hat, die eigenen Grenzen zu beachten und seiner Inneren Stimme zu folgen. Heute tue ich Dinge, die ich vor zehn Jahren nie für möglich gehalten hätte.

Die Zeit wird ihr übriges dazu beitragen, die vielen verschiedenen weiteren Facetten, die noch in mir schlummern, zu schleifen und zum Leuchten zu bringen. Und wer weiss, ob nicht auch die Toastmasters ihren Beitrag dazu leisten werden, der einen oder anderen Facette von mir einen Feinschliff zu geben.

Ich bin mir sicher, dass kein Svarowski Stein der Welt mit dem Kristall mithalten kann, der im Inneren eines jeden Einzelnen von uns zum Leuchten und Strahlen gebracht werden möchte.

Herzlichen Dank!

Grüße aus der Vergangenheit (1)

19 Mrz

Kennen Sie auch solche Phasen, in denen sich manche „Dinge“ oder Ereignisse häufen? So völlig plötzlich aus der Luft gegriffen und ohne Vorankündigung? Vorher passierte nichts dergleichen, und nachher ist auch wieder alles wie gewöhnlich – wobei, wie vorher ist es nicht mehr…

Neulich hatte ich auch mal wieder so eine Phase von „ungewöhnlichen Häufungen“, die mit einem simplen Telefonanruf begann. Nichtsahnend (die angezeigte Rufnummer war mir nicht bekannt) ging ich ans Telefon, als mich eine mir bekannte aber nicht sofort zuzuordnende Stimme begrüßte: „Hey, Christina, wie geht’s, hier ist der Andreas.“*

Andreas, der Traum meiner schlaflosen Nächte in meiner Studienzeit. Seit mindestens drei Jahren hatten wir nichts mehr voneinander gehört, und seit über zehn Jahren hatten wir uns auch nicht mehr gesehen. Wieso also jetzt? Dabei hatte ich ein paar Wochen zuvor sogar an ihn denken müssen, weil ich zu Besuch in einer anderen Stadt war und in der gleichen Straße über- nachtet hatte, wie seine Schwester früher gewohnt hatte (damals schrieb man noch Briefe, von denen mir einer letztes Jahr beim Umzug in die Hände fiel, daher war mir die Anschrift wieder in Erinnerung gewesen….)

Nun rief er also an. Der gleiche altbekannte Tonfall, die gleichen wohlbekannten Sprüche (zumindest von der Art her) – die ich zwar damals toll fand, aber von denen ich nun am Telefon wahrnahm, dass sie auf mich eher „fassadenhaft“ und ohne echte Emotionen wirkten. Seine Feststellung, ich hätte mich überhaupt nicht verändert (was nachweislich nicht stimmt, da ich in den letzten Jahren so ziemlich alles in meinem Leben umgekrempelt habe), traf mich tief.
Wir hatten im Wesentlichen über Platitüden oder Vergangenes gesprochen. Dennoch war ich nach dem Gespräch noch eine Zeit lang verwirrt – und fragte mich, was für eine Botschaft mir das Gespräch zu geben hatte (eine Angewohnheit, die ich mir vor einigen Jahren zugelegt hatte).

Immerhin, das Gespräch über die Vergangenheit weckte auch vieles lange Vergessene: Die emotionale Kälte mit der er mich damals – bewußt oder unbewußt – abblitzen liess. Seine überaus verhaltene Reaktion nach meiner Rede, die ich als Vertreterin der Studierendenschaft für die Abschlussfeier seines Jahrgangs hielt (und wegen der ich vor lauter Nervosität fast in Grund und Boden versunken bin, immerhin waren im Publikum gut 350 Leute gewesen). Wie sehr hätte ich mir damals gewünscht, ein kurzes Wort der Anerkennung aus seinem Munde zu hören? Viele seiner Jahrgangkollegen hatten sich bei mir für meine Worte bedankt – aber genau er, von dem ich mir ein ehrlich gemeintes Lob so sehr erhofft hatte, sagte — Nichts.

Die Erinnerung an diese (zugegebenermaßen) schmerzliche Begebenheit vor gut 17 Jahren liess mich grinsen. Wie sehr hatte ich mich damals von der Meinung und dem Lob meines großen Helden abhängig gemacht? Und wie sehr hatte ich mich klein und unzulänglich gefühlt, weil ich seine Anerkennung nicht bekam. Wenn ich ehrlich bin, gab es damals außer Andreas auch noch etliche andere Menschen, die diese Gefühle und Gedanken bei mir ausgelöst hatten.

Heute weiss ich, dass es kein Wunder war, dass ich früher oder später in einen Burnout rutschen musste, wenn ich rackerte wie blöde um anderen Menschen für meine Leistung eine Anerkennung oder ein Lob abzuringen, das ich brauchte um mich selbst wert-zu-schätzen. Und das in unserer deutschen Gesellschaft, in der nicht g’schimpft ohnehin schon Lob g’nug ist…

Danke, Andreas, dass Du mich mit Deinem Anruf und unserem kurzen Gespräch an diese Erkenntnis erinnert hast, und daran, dass ich eine solche Situation nie wieder erleben möchte.

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*aus Gründen der Anonymität sei hier ein Kunstname verwendet

Was Arbeitsteilung mit dem Jakobsweg zu tun hat

17 Feb

Wie ich bereits in dem einen oder anderen Beitrag durchblicken liess, bin ich ein begeisterter Anhänger des Jakobsweges (um nicht zu sagen, der Pilger-Virus hat mich erwischt…)
Bereits bei meiner ersten Jakobsweg-Erfahrung 2007, bei der ich mit dem Fahrrad unterwegs war, aber noch viel mehr bei meinem späteren Pilgerwegen zu Fuß fiel mir auf, wie unterschiedlich die Wegmarkierungen angebracht waren.

Jakobsmuschelsymbol

By Waldschmidt (Own work), via Wikimedia Commons

Diese bestehen üblicherweise, mit Ausnahme von handgemalten oder künstlerisch gestalteten Exemplaren, aus stilisierten Muschel-Symbolen wie beispielsweise dieser sogenannten „Euro-Muschel“, die bis auf lokale Ausnahmen sogar quasi international vereinheitlicht ist. Darüber hinaus weisen den Pilgerinnen und Pilgern insbesondere auch in Spanien noch gelbe Pfeile den Weg, die auf Straßen, Laternen-Masten oder Wände gemalt sind.

Vor allem diese Pfeile waren es, die mir nicht nur über hunderte von Kilometern wortwörtlich den Weg wiesen, sondern mich auch gedanklich begleiteten. Denn zwar waren die Pfeile, sofern sie nicht von parkenden Autos oder Bauarbeiten verdeckt wurden, alle gelb und somit auch bei regennassem Untergrund gut als solche zu erkennen. Jedoch variierten sie in der Sorgfalt, mit der sie aufgemalt schienen – mal sorgfältig und mit viel Liebe zum Detail bis in die letzte Ecke oder Pfeilspitze ausgefüllt, mal eher lieblos und nur wie „flüchtig hingehuscht“.

So ist es nicht verwunderlich, wenn Menschen wie mir, mit jahrzehntelanger betriebs-wirtschaftlicher oder industrieller Prägung, sich die Frage aufdrängte, ob es immer die gleiche Person war, die diese Pfeile an deren Ort und Stelle gemalt hatte oder ob es verschiedene Menschen waren, die immer nur in der Nähe ihres Wohn- bzw. Arbeitsortes ein paar Pfeile angebracht hatten.

Da ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass irgendein armer Pilger zusätzlich zu seinem normalen Pilgergepäck über mehrere Hundert Kilometer auch noch einen 10kg-Eimer mit gelber Farbe mit sich auf dem Camino herumträgt, oder sich eine Gruppe von Pilgern zu diesem Zwecke abwechselt, nur um diese Wegmarkierungen zu machen und dabei zwischen- durch immer wieder in irgendwelche textlichen Wegbeschreibungen zu schauen, die mit ziemlicher Sicherheit vorliegen, halte ich eher die zweite genannte Alternative für plausibel. Außerdem würden sicherlich auch rein betriebswirtschaftliche Gründe für diese sprechen. Was auch die Verschiedenartigkeit und gelegentliche Lieblosigkeit der Pfeile erklären würde.

Immerhin würde die letzte Variante ja bedeuten, dass diese verschiedenen Menschen, die vermutlich noch nie gepilgert waren, immer nur den Auftrag hatten, eine handvoll Pfeile in einem begrenzten Umkreis zu malen und so nie den Gesamtkontext ihrer Arbeit kennenlernten oder die Bedeutung für andere (in diesem Fall: die Pilger) erfuhren. Wenn ich den Auftrag bekäme, „irgendwelche“ Pfeile auf irgendwelche Flächen zu malen ohne dass ich deren Sinn und Zweck wüßte, ich hielte es für einen besseren Scherz – selbst wenn ich dafür bezahlt würde.

Sicherlich hätte es geholfen, wenn die beauftragten Arbeiter bereits selbst einmal gepilgert waren, denn dann hätten sie ein Gespür für „das Große und Ganze“ oder die Wichtigkeit ihrer Arbeit entwickelt. Wie auch einige Wirtsleute, deren Herbergen oder Restaurants quasi am Weg lagen, die Bedürfnisse ihrer Kunden viel besser kannten, wenn sie bereits selbst einmal gepilgert waren, und dadurch im Allgemeinen eine spürbar deutlichere Service-Orientierung aufwiesen…

Möglicherweise denken Sie nun, was das denn für Luxus-Probleme sind, über die ich heute schreibe. Ja, möglicherweise haben Sie damit auch in gewisser Hinsicht recht. Aber sind das nicht genau solche Luxus-Probleme oder diejenigen Gedanken, die man sich über andere macht, wenn man stundenlang mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Gegend läuft – ohne Telefon oder Musik auf den Ohren zu haben. Oder Gedanken, die uns manchmal auch in Bezug auf unsere eigene Arbeit kommen? Was genau ist denn überhaupt der Beitrag meiner eigenen „kleinen Arbeitsaufgabe“ fürs Große und Ganze? Und ergibt diese einen Sinn, der länger überlebt als nur die nächsten zwei bis drei Wochen?

Dieses Gefühl von Kohärenz, Sinn und Selbstwirksamkeit wiederum trägt – wie A. Antonovsky, der „Vater der Salutogenese“ feststellte – zur Förderung der Gesundheit bei und steigert die Resilienz, also die Widerstandskraft des Menschen im Umgang mit Krisen.

Und so gesehen ist für Menschen, die sich noch nie über so scheinbar sinn-lose Frage-stellungen Gedanken gemacht haben, auch das Pilgern selbst ein Luxus-Problem, das viel Kopfschütteln erzeugt. Oder warum sonst sollte man mit begrenztem aber dennoch auf Dauer schwerem Gepäck wochenlang durch die Gegend laufen, wenn es doch viel bequemere Transportmittel gibt um von A nach B zu kommen? Warum sonst sollte man es sich antun, mit Horden an schnarchenden Menschen in einfachen Herbergen zu übernachten oder mit Dutzenden von stark riechenden Menschen vor den sanitären Einrichtungen warten, wenn man zu Hause ein deutlich komfortableres Heim hat?

Ganz einfach, weil die Wege da sind. Oder wie ich in einem (ziemlich langen) Gedicht von Roland Jourdan (2002) im Internet fand, das ich hier deshalb nur ausschnittsweise zitieren möchte:
„Pilgern ist Leben auf dem Standstreifen.
Keine Hetze. Kein Getrieben-Sein von Terminkalender und Telefon.
Nicht auf der Überholspur.
[…]
Leben auf dem Standstreifen.
Pilgern bedeutet, sich für Dinge um sich herum Zeit nehmen.
Beobachten und Bewahren.
Die Landschaften in sich aufsaugen.
Sich einer Blüte am Wegesrand mit Ehrfurcht nähern.
Den Bildern auf dem Portal einer Kirche nachgehen.
Pilgern ist Wahrnehmen alles dessen, was um mich herum ist.
Sich Zeit-Nehmen für das Schöne in unserer Welt.“

Und das alles sind „Dinge“, die uns Kraft geben, die uns in Verbindung bringen – mit uns selbst und mit unserer Umwelt – und die dem Leben einen schöneren Geschmack geben. Wie die Gewürze in einer Suppe.

In diesem Sinne: Genießen Sie auch mal die seltenen Gewürze, das Schöne und die stillen Momente – denn sie geben uns Sinn.

Ich wünsche Ihnen allzeiteinen guten Weg! Ultreya!

Ihre Christina Bolte