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Die weiße Linie

3 Jun

Neulich war ich mit dem Rad unterwegs in München. Auf einem dieser stinknormalen Radwege, bei denen der Fußweg vom Radweg durch eine weiße Linie abgetrennt ist. Es war samstags morgens um 9 Uhr und relativ wenig los auf Münchens Strassen.
Ich hatte es, nun ja, ein bißchen eilig.  Nicht übermäßig, aber ein wenig. So war ich etwas irritiert, als ich mich einem lauthals gestikulierenden Mitbürger näherte, der mitten auf „meinem“ Radweg mit seinem Handy telefonierte.

In meinem Kopf fanden sich Gedanken wieder, wie: „So ein Depp, muss der mitten auf dem Radweg stehen? Kann der nicht sich an die Spielregeln halten und auf dem Fußweg telefonieren?“ und ähnliche. Allesamt nicht besonders nett und ziemlich (ab)wertend. Vermutlich kennen Sie solche  Momente.

Während ich so diesen meinen Gedanken nach hing, schaute ich noch mal genau hin – und sah auf einmal folgendes Bild:

 

 

 

 

 

 

Ich bemerkte also, dass die weiße Linie, die eben noch vor meinen Augen den Fußweg vom Radweg abgetrennt hatte, eigentlich weggefräst worden war.  Ich hatte sie noch vor ein paar Minuten sonnenklar gesehen, obwohl sie eigentlich nicht mehr da war. Gleichzeitig hatte ich mich im Recht auf „meinem Radweg“ gewähnt, obwohl es eigentlich „sein Fußweg“ war, auf dem ich laut Verkehrsschild nur geduldet war.

Das zeigte mir,

  1. wie schnell wir doch über andere Menschen urteilen und glauben, im Recht zu sein
    und gleichzeitig erinnerte es mich
  2. daran, wieviele unsichtbare weiße Linien, Grenzen oder Glaubenssätze ich wohl noch in meinem Kopf habe, die ich für gültig halte, obwohl sie längst für ungültig erklärt oder aus anderen Gründen eigentlich gar nicht mehr vorhanden waren.

Das sind die „weißen Linien“, die Sie und ich häufig schon als Kind aufgemalt bekamen, und die wir immer und immer wieder zu hören bekamen und die wir deshalb auch heute noch befolgen, ohne sie zu hinterfragen. Häufig enthalten solche „weiße Linien“ die Formulierung: „Das muss man …, das macht man (oder macht man nicht)“ und so weiter. Vermutlich kennen Sie noch viele weitere Formulierungen…

Egal, welche es sind und worum es geht: Diese „weißen Linien“ in unserem Kopf fordern uns permanent auf, ob das, wovor sie uns ursprünglich schützen sollen (z. B. heißen Herdplatten, als Kind vom Auto überfahren zu werden etc.) auch heute noch eine Gefahr ist und wir uns bewußt dafür entscheiden können, diese Linie nach wie vor für gültig zu erklären. Oder ist diese „weiße Linie“ eigentlich überflüssig geworden, weil wir nun als Erwachsene einen neuen Horizont oder eine neue Perspektive darauf gewinnen konnten – und wir die damalige Gefahr heute eigentlich nur noch als „Randerscheinung des Lebens“ einstufen würden?

 

Also, wenn Ihnen das nächste mal auch eine vermeintliche weiße Linie begegnet – schauen Sie genau hin – und entscheiden Sie jedes Mal neu, ob diese Linie für Sie heute noch aktuell ist!

Ich wünsche Ihnen dabei viel Freude, Erkenntnisse und Gutes Gelingen!

Ihre Christina Bolte

Von Konzepten und was das mit dem Urlaub zu tun hat

5 Apr

Gehören Sie auch zu den Leuten, die – wie ich auch – gerne Konzepte machen?
Auch in meinem Umfeld höre ich immer wieder – vor allem während meiner Zeit als Angestellte hörte ich es sehr oft: „Schick mir mal das Konzept für…“ oder „Ich muss noch ein Konzept für mein neues  Seminar/Vortrag etc. machen“.  Ist doch alles ganz normal, oder? Vor allem, wenn man kreativ oder künstlerisch tätig ist, gehört das ja zum guten Umgangston.

Nun, eine neue Perspektive auf das Thema ‚Konzepte machen‘ gewann ich neulich während meines letzten Urlaubs. Die Betonung in meiner Eingangsfrage liegt nämlich nicht auf den Konzepten, sondern auf dem Wort machen.

Ich war in Spanien unterwegs, genauer gesagt, es war am 8. Dezember, einem gesetzlichen, katholischen Feiertag in Österreich und weiteren Ländern, darunter eben auch in Spanien, nämlich Mariä Empfängnis. (Es mag auch meiner protestantischen Erziehung geschuldet sein, dass ich diesen Feiertag nie so recht verstanden habe. Dank Wikipedia weiss ich nun, dass die Schwangerschaft sich nicht auf die Zeit bis zur Geburt Jesu an Weihnachten bezieht, sondern auf die Zeit bis zum Feiertag Mariä Geburt am 8. September).
Aber das nur nebenbei.

An meinem Urlaubsort jedenfalls lief an diesem Tag alle Welt in die große Kirche im Ort. Wie wir nach einer Weile feststellten, war diese Kirche eben genau dem Feiertag geweiht, nämlich Santa Maria Concepción (da in Spanien gefühlt jede zweite Frau Maria heißt, der Muttergottes zu Ehren, haben die meisten noch einen zweiten Vornamen, um diese zu spezifizieren).

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Concepción, oder auf deutsch eben Empfängnis, auch die eines Kindes, ist nichts, was man aktiv machen, gestalten oder gar forcieren kann. Sondern ein Konzept ist etwas, das geschieht. Oder – wenn man so will – etwas, das vom Himmel fällt, oder noch anders ausgedrückt: Ein Akt der Gnade.

Das gilt natürlich entsprechend auch für Konzepte (oder was korrekter wäre: Konzeptionen*), denn die Begriffe leiten sich ja voneinander ab. Natürlich kann man sich hinsetzen, um gezielt über bestimmte Aufgaben- oder Fragestellungen nachzudenken.

Aber die richtig guten Geistesblitze hat man ja bekanntlich nicht am Schreibtisch, sondern erfahrungsgemäß eher unter der Dusche, auf dem Klo, beim Einkaufen oder beim Spazierengehen.

Also, wenn Sie das nächste Mal krampfhaft auf der Suche nach einem neuen Konzept sind: Lassen Sie los. Hören Sie auf zu Wollen. Machen Sie einen Schritt zurück. Gehen Sie aus dem (Schreibtisch-)Kontext. Gehen Sie Spazieren, am besten durch die Natur. Treffen Sie andere Menschen. Oder Meditieren Sie.

Dadurch schaffen Sie freien Raum in Ihrem Kopf, in dem etwas Neues entstehen und empfangen werden kann.

Bei der Problemlösung helfen kann auch eine Technik, die „Aus der Zukunft her führen“ heißt.
Im gleichnamigen Buch von C. Otto Scharmer erfahren Sie wie es geht.

Allerdings geht es erfahrungsgemäß leichter, sich anleiten zu lassen. Das nehme ich Ihnen gerne ab. Vereinbaren Sie gleich einen persönlichen Termin mit mir!

Zum Buch geht es hier:

Aus der Zukunft her führen“ von C. Otto Scharmer

 

 

* ein Konzept ist ja im eigentlichen Sinn ein eher abstrakter, philosophischer Begriff,
der nur im Umgangssprachlichen häufig für die konkretisierende Wortbedeutung Konzeption verwendet wird

Pass auf, was Du Dir wünscht – es könnte Wirklichkeit werden!

15 Mrz

Diesen Beitrag hielt ich am 13.03.2017 in freier Rede, so oder so ähnlich, im Toastmasters Club Speakers Corner in München:

Wer von Euch hat schon mal von den „Wünschen an das Universum“ gehört? Oder sie sogar auch schon mal ausprobiert?

Ich hab das früher immer für einen großen Quatsch gehalten – bis ich bei Hape Kerkeling in seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ davon gelesen habe, wie er sich auf seinem Jakobsweg immer Einkehr-möglichkeiten gewünscht hat.

Deswegen dachte ich mir auf meinem eigenen Jakobsweg: „Super Sache, das muss ich auch mal ausprobieren. Schaden kann es ja eh nicht – im schlimmsten Fall passiert halt – nichts.“

Soll ich Euch was sagen? Es funktioniert!

An einem bewölkten Tag, wo es stundenlang bei Gegenwind durch die Weizenfelder ging, sagte ich mehr aus Spaß zu meinem Wegbegleiter: „Du, ich brauch mal ’ne Pause. Es wäre doch schön, wenn wir jetzt dann zum Picknicken eine Bank in der Sonne fänden.“
Er: „Hmm, so wie das hier aussieht – glaube ich nicht, dass wir eine finden. Lass uns doch noch ein bisschen weiterfahren.“

Ca. 10 Minuten später waren wir beide ziemlich perplex, als hinter einem Gehöft, das wir schon aus der Ferne gesehen hatten, ein ganzes Dorf samt Bank auf dem Dorfplatz auftauchte, wo wir tatsächlich ein Picknick machten.

Nun kann man sicher einwenden: Einmal kann das Zufall sein.
Aber ich hatte noch mehrere Erlebnisse dieser Art.

Nachdem ich in Santiago ankam, fuhr ich noch für einen Tag nach Finisterre. In meinem Reiseführer stand, dass das für Pilger zum Programm gehöre, also machte ich das.
Finisterre heißt übersetzt „Ende der Welt“. Tatsächlich ist es ein kleiner Fischerort am westlichen Zipfel von Galicien gelegen. Nach dem Ort geht es nur noch 4 km zu einem Kap. Dort liegt auf einer Art Klippe ein Leuchtturm – das Ende der Welt und des Jakobsweges.
Davon hatte ich in meinem Reiseführer auch schon Bilder gesehen, so hatte ich eine Vorstellung, wie es dort aussehen sollte.

Leider war es an dem Tag, an dem ich dort war, sehr neblig. Auf dem Weg zum Kap konnte ich kaum zwei Meter links und rechts der Straße etwas sehen. So saß ich kurz vor meinem Ziel eine Weile auf einem großen Stein – umgeben von Ginsterbüschen und Nebel. Dort wollte ich ein Pilgerritual durchführen. Das symbolische Verbrennen eines alten Kleidungsstückes – in meinem Reiseführer stand, dass das man das als Pilger so macht.
Ich hatte mich für meine Treckinghose entschieden, denn die war durch zwei Wochen quasi ununterbrochenes Tragen nicht nur erstarrt vor Dreck, sondern war von den vielen Rucksackreisen der Jahre davor auch schon ziemlich fadenscheinig geworden.

Während ich so auf dem Stein saß und meiner Hose beim Brennen zusah, hörte ich in der Distanz immer wieder das Nebelhorn des Leuchtturms tröten. Um mich herum immer noch nur Nebel. Ich dachte mir: „Ich wünsche mir Sonnenschein und keinen Nebel mehr, wenn ich vorne an dem Leuchtturm ankomme.“

Leider hatte ich bei meinem Ritual nicht bedacht, dass die Hose einen ziemlich hohen Kunstfaseranteil hatte. Anstatt zu verbrennen, schmolz sie eher zu einem Plastikklumpen zusammen. Als ich das Ritual beendet hatte, entsorgte ich den Plastikhaufen ordnungsgemäß in einem Mülleimer und machte mich auf die letzten paar Hundert Meter auf den Weg zum Leuchtturm. Erst nach einer ganzen Weile fiel mir auf, dass ich auf der anderen Seite der Meeresbucht durch den Nebel ein Stück Ufer und die Sonne blitzen sah. So musste ich plötzlich laut loslachen, denn ich war begeistert, wie schnell doch so Wünsche an das Universum in Erfüllung gehen.

Voller Wehmut, alleine an einem „so wichtigem Ort“ zu sein, dachte ich mir: „Wenn ich schon niemanden habe, der mit mir bis ans (sprich-)wörtliche Ende der Welt geht, möchte ich zumindest beim nächsten Mal, wenn ich den Jakobsweg begehe, mit jemandem zusammen bis zum Ende der Welt gehen. Oder zumindest mit jemanden den Weg zurück ins Leben gehen.“

Ich sagte es, sprach‘s und vergaß es auch schon wieder, weil ich so damit beschäftigt war, den nun nebelfreien Ausblick zu genießen und Pilgerrituale zu absolvieren. Anschließend ging ich zurück in den Ort und verbrachte dort die noch verbleibende Zeit bis zur Abfahrt meines Busses. Der Urlaub war für mich beendet. Abgeschlossen. Terminado.

Wehmütig und traurig setzte ich mich in den vollbesetzten Bus. Wie man das unter Pilgern so macht, begann ich mit meinem Sitznachbarn ein Gespräch: „Wie lange warst Du unterwegs?“ – „Neun Wochen“. „Freust Du Dich, nach Hause zu kommen?“ Er schwieg. Stattdessen machte er ein eher nachdenkliches Gesicht. „Weiß nicht.“
Das darauf folgende Gespräch erstreckte sich über die restlichen 2 Stunden Busfahrt und darüber hinaus – so als ob wir uns schon ewig kennen würden. Darüber hinaus heißt, dass wir mit einigen Unwägbarkeiten für die nächsten 1 ½ Jahre eine Beziehung führten. Die war einerseits sehr intensiv, aber gleichzeitig auch sehr anstrengend und brachte mich oft an den Rand meiner Kraft.
Dennoch – das Universum konnte nix dafür, es hatte geliefert, was ich bestellt hatte.

Deswegen: Pass auf, was Du Dir wünscht – sei präzise und klar im Ausdruck – es könnte in Erfüllung gehen. Denn sonst sehen die Lieferungen auf Deine Bestellungen manchmal anders aus, als Du sie Dir vorgestellt hast!

Das Unternehmen und seine Menschen

29 Jan

In dem Seminar-Programm eines schweizer Anbieters von Führungs- und Management-Seminaren fand ich vor einer Weile zwei Analogien zwischen einem Unternehmen und dem menschlichen Körper. Zum einen seien Prozesse das Nervensystem und zum anderen die Finanzen seien der Blut-kreislauf eines jeden Unternehmens. Auf die Frage, die mir spontan im Kopf auftauchte, was denn dann für das Unternehmen die Mitarbeiter sind, fand ich in dem Katalog leider keine Antwort.
Unabhängig von der Diskussion, ob der Vergleich zwischen einem Unternehmen und dem menschlichen Körper sinnvoll ist oder nicht, möchte daher ich an dieser Stelle die These aufstellen, dass die Mitarbeiter die Zellen eines jeden Unternehmens darstellen.

So zum Beispiel ist jeder Mensch wie auch jede Zelle seines Körpers ein eigener Mikroorganismus, sozusagen ein Individuum mit einer entsprechenden Identität. Für die eigene Identität ist es aber wichtig, die eigene Zugehörigkeit und auch die Organisationseinheit zu kennen, der man angehört. Vor allem letzteres ist auch im menschlichen Körper bei den Zellen wichtig, damit jedes Organ optimal funktionieren kann. Denn wenn eine Leberzelle plötzlich die Merkmale und Aufbau einer Zelle in der Mundschleimhaut aufweisen würde, könnte sie ihrer eigentlichen Aufgabe (sagen wir mal: Gallensaft zu produzieren) gar nicht mehr gerecht werden sondern würde stattdessen zum Beispiel Speichel absondern.

So ähnlich ist das auch in einem Unternehmen. Wenn das Marketing plötzlich anfängt die Buchhaltung zu machen, weil es ihr dort nicht schnell genug geht, kann das mitunter recht kreativ vonstatten gehen. Leider ist kreative Buchführung erfahrungsgemäß beim Finanzamt nicht sonderlich beliebt und kann dann für alle Beteiligten unangenehme Folgen haben.

Zum Abschluss noch ein kleiner Witz – von dem ich hoffe, dass er nie – zumindest nicht solange ich lebe – Realität wird.
Egal ob im Unternehmen oder auf diesem Planeten:
Sagt ein Planet zum anderen: “Du, ich habe Menschen !”
Sagt der andere: “Bleib locker, das geht vorbei…”

In diesem Sinne: Welche Aufgabe und Funktion haben die Mitarbeiter bei Ihnen im Unternehmen?

Ich freue mich auf Ihre Kommentare!

Ihre Christina Bolte

Auf in den täglichen Kampf?

15 Jan

Es gab einmal eine Zeit vor einigen Jahren, da empfand ich mein Leben als täglichen Kampf. Ich befand mich in einem beruflichen Umfeld, das sehr männerdominiert war und in dem deshalb ein recht rauer Umgangston herrschte.
Um „meinen Mann zu stehen“ reihte ich mich ein in die Gepflogenheiten: „Wichtiges“ und richtiges Outfit waren Kostüm und Jackett. Im täglichen Umgang galt: Bloss keine Schwäche zeigen, und Gefühle schon mal gleich erst recht nicht. Wenn man mit jemandem gut konnte, durfte man auch schon mal den einen oder anderen (bestenfalls nur) blöden oder ironischen, schlechtestenfalls auch zynischen Spruch austauschen.

Etliche Jahre hat mir das sogar auch Spass gemacht, mich täglich neuen Herausforderungen zu stellen, und durch die jahrelange Übung war ich auch gar nicht mal so schlecht, denke ich. Aber irgendwann war es mir zu anstrengend.

Denn es war etwas passiert, was mich völlig aus dem Konzept brachte: Ich „verirrte“ mich auf den Jakobsweg. Natürlich verirrte ich mich nicht wirklich, denn ich entschied mich – nach der Lektüre von HaPe Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ – schon recht bewußt dafür – allerdings ohne eine genaue Vorstellung davon zu haben, worauf ich mich einlassen. Und das war – der Weg.

Auf dem Jakobsweg begegneten mir viele Menschen, die so ganz anders „drauf“ waren als ich. Nicht nur vom beruflichen oder sozialen Hintergrund sondern auch mental, von ihrer Einstellung her. Aber darum soll es hier und heute auch gar nicht gehen, denn darüber habe ich ausführlich in meinem Buch „Burnout – Vom Jakobsweg zurück ins Leben“ geschrieben.

Was die vielen Begegnungen auf dem Jakobsweg allerdings völlig von meinem damaligen Alltag unterschieden, war die unglaubliche „Tiefe“ der Gespräche, die sich mir innerhalb unglaublich kurzer Zeit offenbarte. Was meine ich mit Tiefe? Nun, die Menschen unterwegs (zumindest die wenigsten) waren innerhalb von sehr kurzer Zeit in der Lage, sehr persönliche Dinge von sich preis zu geben, erzählten über Schicksalsschläge, Krankheiten und andere Schwierige Situationen, mit denen sie sich gerade im Leben konfrontiert sahen und die sie veranlasst hatten, sich auf den Weg zu machen. So hatte auch ich die Möglichkeit, mich zu ohne meine gewohnte Maske (man könnte auch sagen: Rüstung) zu zeigen, ich selbst zu sein. Erstmals liess ich es auch zu, dass sich (meine) tief vergrabene(n) Gefühle zeigen konnten – und merkte, wie wohltuend und erleichternd es war, keine „Rolle“ mehr zu spielen.

Doch dann war meine Reise wieder zu Ende, und ich ging wieder an meinen alten Arbeitsplatz zurück. Naturgemäß fand ich es sehr befremdlich, mich auf einmal wieder in das altbekannte „Korsett“ einzustellen – zumindest empfand ich die oben geschilderten Gepflogenheiten nun als solche. Es war, als ob ich – nachdem ich eine Weile die Leichtigkeit und Flexibilität eines Lebens ohne Ritterrüstung genossen hatte – dieses sperrige und vor allem starre Konstrukt wieder anlegen musste, um in der nächsten Schlacht bestehen zu können. Falls nicht, befürchtete ich zumindest, ähnlich einem heranwachsenden Krebs, der für kurze Zeit seine Hülle ablegt und die kurze Zeit, bis die neue Hülle sich gefestigt hat, nun weitestgehend nackt und verletzlich da zu stehen.

Zwar verhielt ich mich im Großen und Ganzen konform zu den oben geschilderten Gewohnheiten, die nun nicht mehr so ganz die meinen war, vor allem in größeren Runden und Besprechungen. Denn zumindest der Dresscode war nun etwas, was mir wenig innere Konflikte bereitete.
Aber in der weiteren Zeit an dieser Arbeitsstelle (es waren noch einige Jahre, bis mir die Hülle endgültig zu eng wurde) machte ich zu meiner Überraschung einige Entdeckungen. Ich nannte diese übrigens auch „Feldversuche“:

Gelegentlich hatte ich auch Arbeitsgespräche mit einigen Kollegen zu zweit, und in solchen Runden traute ich mich dann immer öfter, mein „Visier“ zu öffnen und mich nicht als Stelleninhaber meiner beruflichen Position (Controller, wer mag die schon?) sondern als Mensch zu zeigen. Soll ich Ihnen etwas sagen, es ist nicht ein einziges Mal ausgenutzt worden! Im Gegenteil, sehr oft wurde meine Offenheit zu meiner Überraschung sogar auch erwidert.

Ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist mir eine Situation, als ich mit einem Kollegen bei einem Kaffee ein Gespräch führte. Eigentlich hatte ich mich gar nicht so auf das Gespräch gefreut, im Gegenteil, ich hatte eher mit einem mulmigen Gefühl zugesagt, denn ich hatte den Kollegen bisher eher als „schwierig“ in diversen größeren Runden wahrgenommen. Damals (und das tue ich auch heute sehr häufig noch) trug ich einen relativ großen Schmuckstein als Anhänger um den Hals. Können Sie sich vorstellen, wie blöd ich geschaut hatte, als eben dieser scheinbar so schwierige Kollege relativ zum Ende unseres Gesprächs einen Hämatit aus der Hosentasche zog und mir sagte, dass dies sein Glücksstein wäre, den er immer für schwierige Situationen dabei hätte?

Nun denn – damals gelangte ich zu der Erkenntnis, die ich auch heute noch vertrete: Wenn Dir etwas nicht gefällt, ist es an Dir dies zu ändern. DU bist der- oder diejenige, die den ersten Schritt dazu tun muss. DU bist der- oder diejenige, der/die zuerst sein Visier hochklappen muss.
Natürlich nicht immer und vor allem nicht in jeder Situation – aber immer öfter.

Ich jedenfalls habe es – trotz allem, dass ich mich im Großen und Ganzen nicht mehr wohlgefühlt habe in dieser Unternehmenskultur – als sehr bereichernd wahrgenommen, die teilweise langjährigen Arbeitskollegen auf einer neuen Ebene kennenzulernen und so in meinem kleinen Mikrokosmos eine andere (Arbeits-)Atmosphäre zu schaffen.
Heute habe ich mir – auch unabhängig vom Camino – viele tiefsinnige Begegnungsmöglichkeiten in meinem Alltag geschaffen, auch im beruflichen Umfeld. Nicht nur dadurch finde ich meinen neuen Alltag um ein Vielfaches bereichernder als den damaligen.

Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie in Ihrem Leben und in Ihrem Umfeld einen Unterschied machen können. Versuchen Sie es, es lohnt sich!

Ihre Christina Bolte

Ach ja, wenn auch Sie Ihr Leben als täglichen Kampf empfinden – dann ist der/die KURS „Veränderung“ das richtige für Sie. Sie erhalten Hilfsmittel und Werkzeuge an die Hand und üben auch deren Gebrauch, damit Sie sich im Alltag besser schlagen können.
Aktuell beginnt wieder ein neuer Kurs, aber auch laufend ist ein Einstieg möglich.

Die Kunst des Zuhörens

30 Nov

Diesen Beitrag hielt ich (so oder so ähnlich) in freier Rede am 28.11.2016 bei den ToastMastern, Speakers Corner in München:

Die Kunst des Zuhörens

Das größte Kommunikationsproblem ist, dass wir nicht zuhören um zu verstehen, sondern wir hören zu um zu antworten.“ (Verfasser unbekannt)

Dieser Spruch begegnete mir vor einigen Tagen und sofort fühlte ich mich ertappt und an etliche Situationen erinnert, in denen ich im Gespräch, während mein Gegenüber noch redete, bereits im Kopf schon die Antwort formulierte. Oder man im schlimmsten Fall den Anderen vor lauter Ungeduld sogar unterbrach. Wer von Euch kennt solche Situationen noch?

Tragischerweise ist man in solchen Situationen vom Zuhören weit entfernt. Häufig antwortet man dann ohne irgendeinen Bezug auf das zu nehmen, was der andere zuvor gesagt hat. Seine Botschaft kommt so meistens gar nicht bei uns an – Konflikte sind vorprogrammiert.

Liebe Toastmaster, liebe Gäste,

schon Zenon der Ältere, ein griechischer Philosoph aus dem 5. Jh. v. Chr., beobachtete:
Die Natur hat uns nur einen Mund, aber zwei Ohren gegeben, was darauf hindeutet, daß wir weniger sprechen und mehr zuhören sollten.“

Ich weiss nicht, ob diese Schlussfolgerung von allen Toastmastern so geteilt wird, denn neben der Verbesserung der Rhetorikfähigkeiten spielt aberbei den Toastmastern auch das Zuhören eine große Rolle. Deshalb wird es auch in verschiedenen Ämtern und Führungsprojekten aus dem CL-Handbuch geübt.

 

Heute möchte ich euch auf eine Reise des Zuhörens mitnehmen und lehne mich dabei an ein Kommunikationsmodell des deutsch-amerikanischen Professor Otto Scharmer an. So möchte ich Euch heute einladen, in den 4 folgenden Ebenen Neues zu entdecken.

  1. Ebene: Denkgewohnheiten und Zuhören in der Qualität des Runterladens. Das ist, als ob ich in einem Raum stehe, dessen Wände aus Spiegeln bestehen: Ich sehe und höre nur das, was schon da ist, was ich hören will bzw. was ich eh schon weiss. Alles andere dringt gar nicht zu mir durch. „Ja, das ist schon bekannt.“
    Oder ich höre nur „nebenbei“ zu, und mache gleichzeitig noch etwas anderes, sei es dass ich nebenher am PC arbeite oder mit meinem Smartphone beschäftigt bin. Durch diese Haltung nimmt man sich die Möglichkeit, vom Gegenüber etwas Spannendes oder Neues zu erfahren oder ihn näher kennenzulernen. So verpasst man Chancen auf neue Erfahrungen.
  2. Ebene: faktisches Zuhören – das ist, als ob ich am Rande meines Raumes von eben stehe, ich nehme war, was dort passiert und wenn ich Glück habe, entdecke ich durch ein Fenster nach draussen etwas Neues.
    Ich tausche mich auf sehr faktenorientierte Weise aus, in der Wissenschaft beispielsweise. Bei den Toastmastern gehören zum Beispiel auch Ämter wie der Sprachstil-Bewerter oder Füllwortzähler dazu.
    Faktisches Zuhören erfordert ein Innehalten, und eine Überprüfung seiner Urteils- und Denkgewohnheiten. Offenes Denken – damit ich überhaupt zu der Erkenntnis kommen kann: „Aha, das war jetzt für mich ein neuer Aspekt, das hatte ich bisher anders gesehen – oder das habe ich bisher noch gar nicht gesehen!“ anstatt: „Das ist falsch, das kann gar nicht sein“.
    Dafür ist es hilfreich, Fragen zu stellen oder zu paraphrasieren, um zu überprüfen ob man das ganze richtig verstanden hat.Die Hauptsache beim Faktischen Zuhören ist allerdings, erst die Fakten und Aussagen zu analysieren und dann erst Schlüsse daraus zu ziehen. So sagt auch der Dalai Lama:
    Wenn du sprichst, wiederholst Du nur, was du eh schon weißt; wenn du zuhörst, kannst Du unter Umständen etwas Neues lernen.“ – ist das nicht großartig?
  3. Ebene – ist das empathische Zuhören. Dies erfordert ein Umwenden oder auch ein Hinwenden. Um bei obigem Raum zu bleiben: Durch das geöffnete Fenster nehme ich auch Stimmungen wahr, die von draussen zu mir hereindringen – es ist das Wahrnehmen dessen, was zwischen den Zeilen steht oder auch das non-verbale. Zum Beispiel: „In Ihren Wort schwingt Ärger mit – gibt es etwas, mit dem Sie nicht einverstanden sind?“
    Durch Einfühlsamkeit lerne ich, die Realität aus der Perspektive des anderen zu sehen und kann dessen Lebensumstände mit empfinden, so in etwa wie in dem indianischen Sprichwort: „Urteile nicht über einen Menschen, bevor du nicht 7 Meilen oder einen Monat in seinen Mokassins gelaufen bist!“ Für das empathische Zuhören hilft eine offene Körperhaltung und ein gelegentliches Zustimmen oder Nicken. Empathisches Zuhören bedeutet nicht, dass man die gleiche Meinung wie sein Gegenüber annehmen muss.
  4. Ebene – generatives Zuhören. Es bedeutet einen Raum intensiver Aufmerksamkeit und offener Präsenz zu schaffen, so dass der Redende die Möglichkeit bekommt, Dinge zu sagen, die ihm selbst noch nicht so bewusst waren.
    Anstatt Dinge aus der Vergangenheit zu reproduzieren, die schon da sind, erschaffe ich Neues, was aus dem Moment heraus entsteht.
    Ein Beispiel dafür ist die Improvisation eines Musikers in einem Orchester, der das größere Ganze hört und gleichzeitig sein Instrument so spielen kann, dass gemeinsam etwas Neues entsteht.

Wenn jemand diese Kunst des Zuhörens beherrscht, gewinnt der Ausdruck „jemandem Audienz gewähren“ so gesehen  eine neue Bedeutung: Denn Generatives Zuhören weckt im Gegenüber ein bisher noch nicht sichtbar gewesenes Potenzial. So kann eine im Entstehen begriffene Zukunfts­möglichkeit sich zumindest mal verbalisieren oder gar manifestieren.

Genau deshalb sind nicht Visionen die wichtigste Fähigkeit oder Eigenschaft einer Führungs- persönlichkeit. Sondern die Quelle von jeglichem großartigen Leadership ist das Zuhören, denn es bringt nicht nur Neues hervor, sondern kann auch das höchstmögliche Potenzial in anderen Menschen zum Vorschein bringen.

Ganz einfach ich sein!?

16 Nov

In ihrem Newsletter beschrieb Karin Wess ihren ganz normalen und vor allem unperfekten Tag – und lud gleichzeitig ihre (vorwiegend) Leserinnen dazu ein, sich ebenfalls der Welt zu zeigen wie man sei. Nun denn:

Schon als Kind durfte ich mir ziemlich häufig anhören, wie anders als andere Kinder ich sei: „Sei doch nicht so ein Stubenhocker, geh doch lieber zum Spielen zu den anderen Kindern nach draußen“. Doch anstatt dass ich draußen Gummi-Twist oder Fangen spielte, löste ich lieber Kreuzworträtsel, spielte Schach, Stadt-Land-Fluß oder puzzelte. Es machte mir einfach mehr Spass.

Neben diesen ganzen analytischen Dingen war ich aber auch noch unheimlich gerne kreativ. Im zarten Alter von 10 Jahren schrieb ich damals auf der Reiseschreibmaschine mit zweifarbigem Farbband, die ich von meiner Oma geschenkt bekam, meinen ersten Krimi. OK, ein Bestseller wurde es nie, denn über Auflage 1 kam das ganze nicht hinaus. Ich malte und bastelte gerne, phasenweise versuchte ich mich auch mit klassischen Handarbeiten wie Häkeln, Stricken oder Nähen. Das Malen war sicherlich meine erfolgreichste „Disziplin“, denn ich gewann sogar einige Malwettbewerbe.
Zumindest bis ich etwa 12 war, denn dann war die Bandbreite an Dingen, die man tun konnte und an denen ich auch (fast) allen Spaß hatte, so groß, dass ich im Durchschnitt versackte.

Der Universal-Dilettant

Aber so vielseitig wie damals bin ich auch noch heute, was sich auch an meinem nicht besonders geradlinigem Lebenslauf zeigt. Auf Anraten meiner Eltern (es sollte halt was Solides sein) habe ich ursprünglich Wirschaftsingenieurwesen studiert, oder wie mein früherer Arbeitskollege sagte, ich wäre „Universal-Dilettant“ – also einer der alles kann, aber nichts richtig. So war ich zunächst eine ganze Weile in der Zahlen-Daten-Fakten-Fraktion in der Industrie tätig, merkte aber bald, dass mir irgendetwas fehlte. So machte ich berufsbegleitend einige Ausbildungen im Bereich Massage und als Heilpraktikerin, um etwas Abwechslung in mein Leben zu bringen. Und später machte ich noch eine Ausbildung als Pilgerbegleiterin und studierte Spirituelle Theologie und schreibe Bücher – was zwar irgendwie den Eindruck vermittelt, dass es alles nicht zusammen passt, aber eben doch alles mit mir zu tun hat.

Schon seit Beginn meiner Selbständigkeit beschäftige ich mich nun also mit der Fragestellung: „Worin bin ich Expertin und welches ist meine Nische?“ Nachdem ich nicht nur ein „Volltischler“ bin (also einer, dessen Schreibtisch gerne mit Zetteln vollgeräumt ist), sondern auch ein Multitasker, der gerne Hundert Sachen und Projekte parallel macht, tat ich mich mit dieser Frage immer besonders schwer. Deshalb buchte ich immer wieder mal Coachings, um mich zu focussieren – nur um festzustellen, dass es mir nicht wirklich gelang, da ich immer wieder das Gefühl hatte, den einen oder anderen Teil von mir abzuschneiden.

Genauso ging es mir auch, nachdem ich aus dem Großkonzern, für den ich lange arbeitete, ausgeschieden war – auf einmal brauchte ich eine neue Herde. Als ich auf der Suche war nach Menschen, mit denen ich Räumlichkeiten teilen konnte. Wenn ich vor Gruppen von mir Unbekannten einen Elevator-Pitch halten soll.

Heute habe ich gelernt, dass man zu so vielseitig interessierten Menschen auch „Scanner-Persönlichkeit“ sagt. Das beruhigt mich sehr, weil es mir nach den ganzen „Etiketten“ wie man (ich) zu sein hätten nun endlich eine Art Legitimation zu geben scheint, dass es in Ordnung ist, ganz einfach so zu sein, wie ich bin. Das hab ich mittlerweile begriffen. Aber nicht gelungen ist es mir bisher, herauszufinden, wie man das alles in einen 40-Sekunden-Elevator Pich verpackt, wenn man die Menschen nicht kennt und nicht weiss, was am ehesten  ihre Anknüpfungspunkte sein könnten…

#ganzeinfachich

Wobei, so ganz einfach ist es halt doch nicht, vor allem nicht für meinen Liebsten. Denn meine Volltischler-Natur zeigt sich nicht nur auf dem Schreibtisch, da gehört schon manchmal viel Toleranz dazu. Vor allem, wenn ich sportlich-schimpfend im Auto unterwegs bin (klar, natürlich können immer nur die anderen nicht Autofahren 🙂 ) oder wenn wir in der ganzen Wohnung die Kaffee- und Teetassen zusammen suchen müssen, weil ich in jedem Zimmer eine hab stehen lassen. Gelegentlich kommt es auch mal vor, dass ich vor lauter Paralleltätigkeiten die extra ausgedruckten Zettel auf dem Drucker liegenlasse oder den Mittagssnack, den ich aus dem Kühlschrank genommen hatte, um ihn ins Büro mitzunehmen.

Doch auf der Suche nach meiner Herde: Was für ein Vogel bin ich? Kein reiner Heilpraktiker, kein reiner Unternehmensberater, kein … Dafür eine einzig-nicht artige Christina…

#ganzeinfachich – großartig!

Unternehmens-Gesundheit

30 Okt

Im Rahmen meiner früheren langjährigen Tätigkeit im Controlling eines großen Industrieunternehmens erlebte ich regelmäßig, was in vielen Unternehmen in Krisenzeiten gerne mal gemacht wird und was eigentlich jedes Controller-Herz erfreuen sollte: Zur Optimierung (bzw. in Krisenzeiten: Rettung) des Betriebsergebnisses wurde ebenso regelmäßig der Focus eher auf pauschale Kostenreduzierungen gelegt, die à la Praktiker-Baumarkt („20 % auf alles, außer auf Tiernahrung“) mit dem Gießkannen-Prinzip auf alle Bereiche verteilt wurden, anstatt auf die Überlegung, wie man die Wirkung am Absatzmarkt verändern könnte.

„Gute Sache“, dachte ich anfangs, denn somit wurde endlich jenen Leuten Einhalt geboten, die ich mindestens fünf Mal täglich und kaffeetrinkenderweise in der Kantine sehen konnte, während ich auf dem Weg von einem Termin zum nächsten dort rastlos vorbeihetzte, oder solchen, die ihren lieben, langen Arbeitstag mit Hirngespinsten und Spielereien verbrachten.
Und so trug im ersten Jahr das per Gießkannen-Prinzip pauschal verteilte Einsparpaket auch ohne signifikante Kollateralschäden zu einem erfolgreichen Jahresabschluss bei. Prima, dachte man sich auf oberster Ebene, was einmal geht, geht auch öfter so gut – und verordnete das vermeintlich erfolgreiche Patentrezept gleich noch ein paar Mal.
Allerdings lernte man dafür an manch anderer Stelle dazu, was dazu beitrug, dass nun Heerscharen an Menschen wochenlang damit beschäftigt waren zu argumentieren, warum das eigene Budget die -20% nun gerade ausgerechnet nicht hergab. Zeit, die eigentlich für etwas wirklich Sinnvolles (im Sinne des Kunden beispielsweise) hätte verwendet werden können.

Auch in mir reifte mit der Zeit eine neue Erkenntnis, nämlich dass das Ausquetschen von möglicherweise (möglicherweise jedoch auch nicht) vorhandenen Freiräumen einen ganz gewaltigen Nachteil hatte. Während nämlich den Maschinen und Anlagen in der Produktion immerhin gelegentlich mal eine Freischicht zur Instandhaltung gegönnt wurde, liefen die Mitarbeiter heiß. Auch wenn viele Controller und Krisenmanager häufig der Ansicht sind, die Belegschaft wäre primär ein mehr oder weniger beliebig reduzierbarer Kostenfaktor, sollte an dieser Stelle auch daran erinnert werden, dass die Mitarbeiter auch in einem ganz erheblichen Umfang als Leistungsträger zum Unternehmenserfolg beitragen. Mit der Konsequenz, dass auch diese „nur Menschen“ sind und daher nicht unbegrenzt belastet werden können.
Auch der Rationalisierung von Arbeitszeiten um scheinbar unproduktive Kaffeepausen – die, wie ich es heute sehr häufig erlebe, durchaus dem kreativen Austausch und Generierung bzw. Vermehrung von Informationen dienen, stehe ich mittlerweile recht kritisch gegenüber. Denn wenn die Unternehmensziele ihren Focus einseitig auf Gewinnmaximierung legen und andere Stake-Holder am Unternehmen, wie zum Beispiel die Mitarbeiter, vernachlässigt werden, hat das meist Effekte, die erst auf den zweiten Blick mit der Ursache in Verbindung gebracht werden, weil sie mitunter erst eine ganze Weile später sichtbar werden. So waren Kreativitäts- (= Innovations-)verlust, Demotivation und daraus resultierend Leistungseinbußen oder in einigen Fällen Burnout die Folge.

Mittlerweile ist mir klar, dass – wenn ich wie anfangs über die Menschen im Bistro dachte – aus meinen Gedanken eigentlich nur der Neid sprach, weil ich mir selbst viel zu selten auch einmal eine kurze Kaffeepause gönnte…

So möchte ich abschließen mit einem Zitat Stefan Zweig: „Auch die Pause gehört zum Rhythmus„.
Ich wünsche Ihnen – passend zu den bayrischen Herbstferien – eine erholsame Pause und gutes Durchatmen.

Ihre Christina Bolte

PS: Was den „Erfolg“ von Praktikers‘ Gießkannen-Prinzip angeht, sich dies ja mittlerweile auch schon gezeigt…

Ackern wir uns zu Tode?

9 Aug

Diesen Beitrag hielt ich (so oder so ähnlich) in freier Rede am 08.08.2016 bei den ToastMastern, Speakers Corner in München:

Karōshi.

Karōshi ist japanisch und bedeutet Tod durch Überarbeiten. Also einen plötzlichen berufsbezogenen Tod. Die Todesursache ist dabei meist ein durch Stress ausgelöster Herzinfarkt oder Schlaganfall. In Japan trat das Phänomen bereits in den 1970ern auf, wo Arbeitnehmer über Jahre hinweg sechs bis sieben Tage pro Woche mehr als zwölf Stunden täglich arbeiteten.

Aber auch in Deutschland machten vor einigen Jahren ähnliche Schlagzahlen in Deutschland die Runde: Arbeiten bis zum sprichwörtlichen Umfallen – immer mehr Menschen brechen heutzutage stressgeplagt bei der Arbeit schwer erkrankt zusammen – und scheiden nicht selten nach Burnout, Schlaganfall oder Herzinfarkt komplett aus dem Berufsleben aus.

Ackern wir uns zu Tode? Ich sage: Nein.

Denn seit 3 Jahren haben wir uns ein Stück Ackerfurche gepachtet, daher bin ich der Meinung wir ackern nicht viel genug!
Im Gegenteil, seitdem bin ich der Meinung, dass das Betreiben von Ackerbau oder zumindest einer kleinen Acker-Parzelle oder eines kleinen Gartens Stress reduziert und so vor dem Umfallen bei der Arbeit schützt:

Somit möchte ich Euch 3 Gründe nahelegen, warum m. E. jeder Ackerbau betreiben sollte:

  • Es ist gesund. Insbesondere Menschen, die sonst viel Zeit vor dem Computer sitzen und vor allem solche, die nicht ganz so sportlich sind, haben dadurch die Möglichkeit, Zeit an der frischen Luft zu verbringen und sich auf einfache Weise körperlich zu betätigen.
  • Egal, mit was für hochgeistigen Projekten und Ideen wir uns in unserer Arbeit beschäftigen, die Hände in der Erde zu haben, Unkraut zu jäten oder Saatgut bzw. Setzlinge zu Pflanzen verbindet uns mit dem Boden der Tatsachen. Es erdet ungemein.
    Wenn ich auf unserem Acker stehe und sehe, wie viele vor mir liegende Meter Acker noch umgegraben, Unkraut gezupft oder bepflanzt werden soll, geht es mir immer so wie dem Straßenkehrer Beppo in Michael Endes Buch „Momo“:

„Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich.
Man denkt, die ist schrecklich lang, das kann man niemals schaffen.
Aber man darf niemals die ganze Straße auf einmal denken.
Man muss nur an den nächsten Schritt denken,
an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich.
Auf einmal merkt man, dass man die ganze Straße gemacht hat.
Man hat gar nicht gemerkt, wie, und man ist gar nicht außer Puste.“

So gesehen, finde ich, hat Ackern etwas Meditatives!

  • Es erhöht die Wert-Schätzung gegenüber unserer Nahrung.
    Das selbst angebaute Gemüse zu essen, macht mich stolz. Außerdem schmeckt es viel besser als gekauftes. Wenn ich im Laufe von Wochen und Monaten sehe, wie viel Arbeit nötig ist, um 5 Karotten zu ernten, auch wenn die Arbeit noch so viel Freude macht, kommt mir immer wieder der Gedanke in den Sinn, unter welchen Bedingungen wohl die Karotten aufgewachsen sind, die man für 79 Cent das Kilo im Supermarkt kaufen kann.

Vermutlich denkt sich jetzt der eine oder andere von Euch: „Ich wohne hier in der Stadt, wie soll ich mir da ein Stück Acker leisten können bei den Bodenpreisen“ – oder: „Schrebergärten sind mir zu spießig.“

Auch in der Stadt gibt es verschiedene Möglichkeiten oder Initiativen, die dabei helfen, sich ein Stück Acker zu mieten und Gemüse anzubauen:

  1. Krautgärten – eine Initiative der Stadt München, gibt es in vielen verschiedenen Stadteilen
  2. ÖBZ (Ökologisches Bildungszentrum) in Daglfing
  3. O’Pflanzt is-Gemeinschaftsgärten – eine Privatinitiative in Schwabing/Neuhausen

So möchte ich abschließen mit einem Zitat des  indischen Dichters und Philosophen Rabindranath Tagore (1861 – 1941):

„Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen durch den Garten.“

Also, worauf wartet ihr noch?

Neue Beiträge zum Anhören

5 Jul

Ich freue mich, dass meine Beiträge teilweise zukünftig im Audio-Format zu hören sind.

Mein Podcast „Der Weg zurück ins Leben“ kann unter diesem Link angehört, herunter geladen oder abonniert werden: http://www.wegzurueckinsleben.libsyn.com/rss

Ich freue mich, wenn ihr nach wie vor dabei seid!