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Was Arbeitsteilung mit dem Jakobsweg zu tun hat

17 Feb

Wie ich bereits in dem einen oder anderen Beitrag durchblicken liess, bin ich ein begeisterter Anhänger des Jakobsweges (um nicht zu sagen, der Pilger-Virus hat mich erwischt…)
Bereits bei meiner ersten Jakobsweg-Erfahrung 2007, bei der ich mit dem Fahrrad unterwegs war, aber noch viel mehr bei meinem späteren Pilgerwegen zu Fuß fiel mir auf, wie unterschiedlich die Wegmarkierungen angebracht waren.

Jakobsmuschelsymbol

By Waldschmidt (Own work), via Wikimedia Commons

Diese bestehen üblicherweise, mit Ausnahme von handgemalten oder künstlerisch gestalteten Exemplaren, aus stilisierten Muschel-Symbolen wie beispielsweise dieser sogenannten „Euro-Muschel“, die bis auf lokale Ausnahmen sogar quasi international vereinheitlicht ist. Darüber hinaus weisen den Pilgerinnen und Pilgern insbesondere auch in Spanien noch gelbe Pfeile den Weg, die auf Straßen, Laternen-Masten oder Wände gemalt sind.

Vor allem diese Pfeile waren es, die mir nicht nur über hunderte von Kilometern wortwörtlich den Weg wiesen, sondern mich auch gedanklich begleiteten. Denn zwar waren die Pfeile, sofern sie nicht von parkenden Autos oder Bauarbeiten verdeckt wurden, alle gelb und somit auch bei regennassem Untergrund gut als solche zu erkennen. Jedoch variierten sie in der Sorgfalt, mit der sie aufgemalt schienen – mal sorgfältig und mit viel Liebe zum Detail bis in die letzte Ecke oder Pfeilspitze ausgefüllt, mal eher lieblos und nur wie „flüchtig hingehuscht“.

So ist es nicht verwunderlich, wenn Menschen wie mir, mit jahrzehntelanger betriebs-wirtschaftlicher oder industrieller Prägung, sich die Frage aufdrängte, ob es immer die gleiche Person war, die diese Pfeile an deren Ort und Stelle gemalt hatte oder ob es verschiedene Menschen waren, die immer nur in der Nähe ihres Wohn- bzw. Arbeitsortes ein paar Pfeile angebracht hatten.

Da ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass irgendein armer Pilger zusätzlich zu seinem normalen Pilgergepäck über mehrere Hundert Kilometer auch noch einen 10kg-Eimer mit gelber Farbe mit sich auf dem Camino herumträgt, oder sich eine Gruppe von Pilgern zu diesem Zwecke abwechselt, nur um diese Wegmarkierungen zu machen und dabei zwischen- durch immer wieder in irgendwelche textlichen Wegbeschreibungen zu schauen, die mit ziemlicher Sicherheit vorliegen, halte ich eher die zweite genannte Alternative für plausibel. Außerdem würden sicherlich auch rein betriebswirtschaftliche Gründe für diese sprechen. Was auch die Verschiedenartigkeit und gelegentliche Lieblosigkeit der Pfeile erklären würde.

Immerhin würde die letzte Variante ja bedeuten, dass diese verschiedenen Menschen, die vermutlich noch nie gepilgert waren, immer nur den Auftrag hatten, eine handvoll Pfeile in einem begrenzten Umkreis zu malen und so nie den Gesamtkontext ihrer Arbeit kennenlernten oder die Bedeutung für andere (in diesem Fall: die Pilger) erfuhren. Wenn ich den Auftrag bekäme, „irgendwelche“ Pfeile auf irgendwelche Flächen zu malen ohne dass ich deren Sinn und Zweck wüßte, ich hielte es für einen besseren Scherz – selbst wenn ich dafür bezahlt würde.

Sicherlich hätte es geholfen, wenn die beauftragten Arbeiter bereits selbst einmal gepilgert waren, denn dann hätten sie ein Gespür für „das Große und Ganze“ oder die Wichtigkeit ihrer Arbeit entwickelt. Wie auch einige Wirtsleute, deren Herbergen oder Restaurants quasi am Weg lagen, die Bedürfnisse ihrer Kunden viel besser kannten, wenn sie bereits selbst einmal gepilgert waren, und dadurch im Allgemeinen eine spürbar deutlichere Service-Orientierung aufwiesen…

Möglicherweise denken Sie nun, was das denn für Luxus-Probleme sind, über die ich heute schreibe. Ja, möglicherweise haben Sie damit auch in gewisser Hinsicht recht. Aber sind das nicht genau solche Luxus-Probleme oder diejenigen Gedanken, die man sich über andere macht, wenn man stundenlang mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Gegend läuft – ohne Telefon oder Musik auf den Ohren zu haben. Oder Gedanken, die uns manchmal auch in Bezug auf unsere eigene Arbeit kommen? Was genau ist denn überhaupt der Beitrag meiner eigenen „kleinen Arbeitsaufgabe“ fürs Große und Ganze? Und ergibt diese einen Sinn, der länger überlebt als nur die nächsten zwei bis drei Wochen?

Dieses Gefühl von Kohärenz, Sinn und Selbstwirksamkeit wiederum trägt – wie A. Antonovsky, der „Vater der Salutogenese“ feststellte – zur Förderung der Gesundheit bei und steigert die Resilienz, also die Widerstandskraft des Menschen im Umgang mit Krisen.

Und so gesehen ist für Menschen, die sich noch nie über so scheinbar sinn-lose Frage-stellungen Gedanken gemacht haben, auch das Pilgern selbst ein Luxus-Problem, das viel Kopfschütteln erzeugt. Oder warum sonst sollte man mit begrenztem aber dennoch auf Dauer schwerem Gepäck wochenlang durch die Gegend laufen, wenn es doch viel bequemere Transportmittel gibt um von A nach B zu kommen? Warum sonst sollte man es sich antun, mit Horden an schnarchenden Menschen in einfachen Herbergen zu übernachten oder mit Dutzenden von stark riechenden Menschen vor den sanitären Einrichtungen warten, wenn man zu Hause ein deutlich komfortableres Heim hat?

Ganz einfach, weil die Wege da sind. Oder wie ich in einem (ziemlich langen) Gedicht von Roland Jourdan (2002) im Internet fand, das ich hier deshalb nur ausschnittsweise zitieren möchte:
„Pilgern ist Leben auf dem Standstreifen.
Keine Hetze. Kein Getrieben-Sein von Terminkalender und Telefon.
Nicht auf der Überholspur.
[…]
Leben auf dem Standstreifen.
Pilgern bedeutet, sich für Dinge um sich herum Zeit nehmen.
Beobachten und Bewahren.
Die Landschaften in sich aufsaugen.
Sich einer Blüte am Wegesrand mit Ehrfurcht nähern.
Den Bildern auf dem Portal einer Kirche nachgehen.
Pilgern ist Wahrnehmen alles dessen, was um mich herum ist.
Sich Zeit-Nehmen für das Schöne in unserer Welt.“

Und das alles sind „Dinge“, die uns Kraft geben, die uns in Verbindung bringen – mit uns selbst und mit unserer Umwelt – und die dem Leben einen schöneren Geschmack geben. Wie die Gewürze in einer Suppe.

In diesem Sinne: Genießen Sie auch mal die seltenen Gewürze, das Schöne und die stillen Momente – denn sie geben uns Sinn.

Ich wünsche Ihnen allzeiteinen guten Weg! Ultreya!

Ihre Christina Bolte

Von der Be-Sinn-ungslosigkeit zum Sinn…

22 Dez

Gestern passierte mir zweierlei, was auf den ersten Blick gar nicht so viel miteinander (ausser mit Weihnachten) zu tun hat: Einerseits hörte ich im Radio, dass der Einzelhandel bis zum Heiligabend (d. h. in nur noch 1,5 Arbeitstagen!) noch mit 20 % des Weihnachtsumsatzes rechnen würde.
Andererseits empfahl mir jemand ein Youtube-Video mit den Weihnachtsliedern von den Roten Rosen (Toten Hosen) aus dem bereits 1998 erschienenen Album Wir warten auf’s Christkind. Nachdem ich den Videoclip weder besonders weihnachtlich noch besonders musikalisch fand, sondern einfach nur laut, bin ich mir nicht sicher, ob ich ihn hier verlinken soll – tue es aber dennoch, für diejenigen, die sich eine eigene Meinung bilden möchten (wer es nicht möchte – bitte Link ignorieren).

Dabei muss ich sagen, dass ich das eine oder andere Lied der Toten Hosen und die darin zum Ausdruck gebrachte Sozialkritik durchaus gar nicht so schlecht finde, und durchaus auch ein Freund von gut gelungenen Parodien bin, aber diese Werke kann ich für mich beim besten Willen nicht dazu zählen – weder von der Qualität der Melodiosität noch von der „Treff- genauigkeit“ der Töne.

Und während mich das Zuhören des Videos „nur“ massiv in den Ohren schmerzt, kann ich gut nachvollziehen, dass es genau aufgrund der genannnten parodistischen Sozialkritik bei vielen (schätzungsweise) jüngeren Leuten, die sich mit den die althergebrachten Weihnachts-traditionen und -riten nicht mehr identifizieren können, auf breiten Zuspruch trifft, während es andererseits genau darum dem traditionsbewussteren Teil der Bevölkerung ausser in den Ohren auch in der Seele schmerzen mag.

Dennoch passen die Roten Rosen ins Anti-Programm. Denn kommt es nicht – alle Jahre wieder um diese Jahreszeit – in vielen deutschen Haushalten zu Stress (immerhin muss man ja in 1,5 Tagen noch sämtliche bis die verbleibenden Weihnachtsgeschenke besorgen, die dem Einzelhandel noch die erwarteten 20 % des Umsatzes bringen sollen!), Frust und Streit, weil es einerseits Menschen (zumeist Angehörige der älteren bzw. Eltern-Generation) gibt, die an tra- ditionellen, liebgewonnenen (weil nostalgischen), aber möglicherweise nicht mehr zur individuelle Situation passenden Gepflogenheiten (wie beispielsweise der Kirchgang, den Christbaum schmücken oder die viel zu fette Weihnachtsgans) festhalten? Andererseits kenne ich genügend zumeist jüngere Menschen, die trotzdem dass sie den zu Hause begangenen Traditionen eigentlich ablehnend oder gelangweilt gegenüber stehen, dennoch daran teil- nehmen, sei es aus Pflichtgefühl, der Angst sich „offen“ zu ihrer Einstellung zubekennen oder Mangel an Alternativen (von denen eine möglicherweise bedeuten würde, Weihnachten allein verbringen zu müssen).

Auch ich gebe zu, dass ich meinen Jahresend-Urlaub, der mich in der Vergangenheit regel- mäßig über Weihnachten lieber in den sonnigen Süden als in den matschig-kalt-und-dunklen Norden der Republik zog, gerne auch als Alibi für meine Abwesenheit von  weihnacht-lichen Pflichtbesuchen herangezogen habe. Aber nach stressigen Monaten des Arbeitsalltags war dies für mich einfach der Weg des geringsten Widerstandes, da ich meistens weder Lust noch Kraft hatte, auf argumentative Weise an den heimischen Weihnachtsritualen, die darüber hinaus noch ganz häufig eher im Stress oder Streit endeten, etwas zu verändern.

Klar ist es verständlich, wenn man an Weihnachten nach ansonsten sehr stressigen Arbeits-wochen und -monaten einfach nur seine Zeit mit Dingen verbringen möchte, die einem Freude bereiten anstatt von einer Pflichtveranstaltung oder vom Kampf-Shoppen oder Essen-und- Trinken bis zur Besinnungslosigkeit zu hechten/hetzen. Dennoch weiss ich mittlerweile, dass ich es mir damals (so schön die sonnigen Urlaub auch waren) etwas einfach gemacht habe.

Wenn uns bewusst wird, daß die Zeit, die wir uns für einen anderen Menschen nehmen, das Kostbarste ist, was wir schenken können, haben wir den Sinn der Weihnacht verstanden. (Roswitha Bloch)

Denn abgesehen davon, dass es auch in Deutschland genügend Alternativen gibt, wie man Weihnachten nicht allein und trotzdem „sinnvoll“  gestalten kann*, bin ich mir sicher, dass die  perfekt inszenierte Weihnachts-Settings oder Geschenk-Orgien häufig nur eine (möglicher- weise gut getarnte oder unglücklich ausgedrückte) Form dessen ist, das – trotz oder gerade wegen des materiellen Wohlstandes, in dem die meisten von uns in Deutschland leben – im Grunde unseres Herzens eigentlich nach wie vor noch in uns allen gestillt werden möchte: Ein Hunger bzw. eine Sehnsucht nach Liebe, Anerkennung und danach, mit ganzem Herzen von unserem Mitmenschen wahrgenommen zu werden.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen neben einer schönen und harmonischen restlichen (Vor-) Weihnachtszeit und beSINNlichen Feiertagen, dass Sie sich und anderen das schenken, was Sie/sie wirklich erfüllt.

Herzlichst, Ihre Christina Bolte

* Die Stadt München beispielsweise veranstaltet alljährlich an Heiligaben ein Weihnachtsessen für Obdachlose Menschen, das von der Anwesenheit und Mithilfe vieler Freiwilliger lebt.

Vom Sehnen und Suchen: Sehn – Sucht

28 Mai

Früher, während meiner Zeit als Angestellte, bin ich in meinem Urlaub immer gerne durch die ganze Welt gereist. Klar, einerseits wollte ich natürlich dem mitteleuropäischen matschig-nass-kalten Winter entkommen und mir die lichtarme Zeit im sonnigen Süden verkürzen.

Anderseits hatte die Abwechslung zu meinem sonst sehr stressigen und durchgetakteten Arbeitsalltag ohne viel Freiraum zum Luft holen und für neue Eindrücke natürlich auch immer einen Touch von Freiheit und Abenteuer.
Und so fand ich es auch immer sehr bereichernd aus erster Hand zu erleben, wie Menschen in anderen Ländern leben. Wobei er-leben meistens im Wortsinn als sinnhaftes Er-Lebnis zu verstehen war, denn meistens waren alle Sinne zu dessen Wahrnehmung gefordert:
Die Ohren vernahmen fremd anmutende Töne und Klänge, was manchmal Musik war, manchmal auch nie zuvor gehörte Insekten, häufig aber auch Unmengen an Verkehrslärm.

Die Augen erfreuten sich an blauem Himmel, weißem Strand und azur-farbenen Wasser, alternativ an den bunten Farben der Kleidung der Einheimischen.

Etwas ambivalent waren häufig die Eindrücke für die Nase – einerseits der großstädtische Gestank viel genutzter zweigetakteter Volks-Fahrzeuge, andererseits der intensive Geruch beim Besuch der einheimischen Märkte – mancherorts waren Kühlschränke Luxus, und so durchzog ein deutlich wahrnehmbarer Geruch von getrocknetem Fisch, frischen Obst oder frischen Gewürzen die Luft…
Gleichzeitig kitzelten die frischen Früchten und Gewürzen aus der Küche des Reiselandes auch den Gaumen – was diesen erfreute, manchmal aber auch den Montezuma reizte.

Nicht zu vergessen natürlich die urlaubsmässige Laisser-faire-Mentalität mit der ich heute hier und morgen dort die Tage spontan nach Lust und Laune verbringen konnte, sofern ich nicht der Meinung war, irgendwo ein toughes Programm von soundso-vielen Tauchgängen absolvieren zu müssen.

Urlaub – ist mehr als Abenteuer

Genug der Erinnerungen – denn wie ich bereits hier erwähnte, hat alles seine Zeit.
Die Reisen ermöglichten mir – neben der Möglichkeit Sonne zu tanken und den trüben Winter besser zu überstehen – natürlich auch vielfältige Einblicke und Eindrücke in das Leben der Bewohner meines Reiselandes.
Vor allem aber ermöglichten sie mir auch immer mal wieder die Erkenntnis, wie gut es uns hier in Deutschland eigentlich geht, was mich dann immer sehr mit Dankbarkeit erfüllte.

Allerdings immer nur so lange, bis ich wieder in meinem Arbeitsalltag angekommen war und in diesem wieder versank. Denn dann waren all die Sinneswahrnehmungen wieder in weiter Ferne und die Erinnerungen nur noch auf Fotopapier (bzw. nach dem Einsetzen der Digitalfotografie sogar nur noch im Datenarchiv). Es dauerte allerdings noch ein paar Jahre (die mich natürlich nicht davon abhielten, im Winter weiter zu verreisen), bis ich herausfand, warum das so war.

Denn wie mir mittlerweile bewußt ist – so schön, erlebnis- und erfahrungsreich diese Urlaubsreisen auch immer gewesen waren: Als eine wichtige, wenn mir damals auch unbewußte Motivation für die Reisen war damals immer eine gewisse Sehnsucht mit im Spiel (und im Gepäck) gewesen. Vordergründig sicherlich eine Sehnsucht nach Neuem, nach Abenteuer, nach Erholung genauso wie nach Ausgleich oder Belohnung zu meinem stressigen Job.

In den wenigen wirklich ruhigen Momenten auf diesen Reisen, in denen mein Bewußtsein nicht durch reisebedingte „äußere Einflüsse“ abgelenkt war, gelang es gelegentlich meiner inneren Stimme, sich Gehör zu verschaffen. Das waren dann die Momente, in denen mir Gedanken kamen wie „in was für einem Film lebe ich eigentlich gerade?“ (wobei mit ‚gerade‘ mein für mich normaler Alltag gemeint war) und „kann denn das (der Alltag) schon alles sein“.

Tief in mir drin wurde also eine zunehmend stärkere Sehnsucht in mir offenbar, die für mich lange nicht greifbar war. Was sehnte ich mir herbei? War es etwas (oder jemand?), um eine innere Leere tief in mir drin zu füllen? War es der Wunsch meiner inneren Stimme, gehört oder gar die Sucht, ge-seh(e)n zu werden?

Heute weiss ich, dass ich auf all diesen Reisen tief in mir drin den Wunsch hatte, etwas in meinem Leben zu verändern – ohne dass ich jedoch im Alltag dafür etwas getan oder anders gemacht hatte als zuvor. Gleichzeitig war es die Suche nach etwas, was mir und meinem Leben einen ‚echten‘ Sinn gab und mich erfüllte – ohne aber mich in meinem Alltag für so etwas (Neues) zu öffnen.

Ich weiss heute außerdem, dass meine Innere Stimme in den verschiedenen ruhigen Momenten am Meer mich genau auf diese Notwendigkeit für eine solche Öffnung und Veränderung  hinweisen wollte. Leider musste ich ein- oder zwei Mal in einen Burnout geraten, um die Bereitschaft dafür (und fürs Hinhören) auch tatsächlich zu entwickeln und eine Veränderung in meinem Leben vorzunehmen.

Heute brauche ich keine Fernreisen mehr (auch wenn ich mich zugegebenermaßen immer noch schwer tue, mich mit dem mitteleuropäischen Winter anzufreunden). Denn heute kann ich auch die kleinen Wunder des Alltags als Abenteuer betrachten und den ‚Sinn‘ meines Lebens in mir selbst finden. In Kontakt mit meiner inneren Stimme kann ich ohnehin auch auf meiner Couch kommen…

Interessanterweise ist das Wort Sehnsucht oder Sehnen verwandt mit der anatomischen Sehne, also jenem bindegewebigen Teil des Muskels, durch den dieser mit einem angrenzenden Knochen verbunden ist.
Rein anatomisch betrachtet wird also durch die Sehne, also dem Muskelansatz selbiger aktiviert, quasi als ein Bewegung ausführendes Organ oder Körperteil.

Ich finde, dies ist eine spannende  Analogie, wenn die Sehne am Anfang einer Bewegung  steht und als deren Auslöser steht. Denn ist es nicht gerade, die Sehnsucht nach etwas, die uns veranlasst, in Aktion zu treten, und eine Veränderung zu bewirken?

Die Fenster der inneren Stimme

Wonach sehnen Sie sich? Fragen Sie Ihre innere Stimme – und fürchten Sie sich nicht vor den „stillen Momenten“ in Ihrem Leben, sondern schätzen Sie sie. Denn genau diese sind die „Fenster“, in denen Ihre innere Stimme mit Ihnen kommunizieren möchte.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen erfolgreiches und erfülltes Finden…

Nachhaltigkeit und Burnout -Teil 4

4 Mrz

In meinem letzten Beitrag schrieb ich über den Zusammenhang von Burnout, Konsum und Lebensfreude – und versprach Ihnen abschliessend, wie jeder von uns es schaffen kann, seine persönliches Maß an Lebensenergie bestmöglich zu erhalten. Es hat ein wenig gedauert, aber hier ist der Beitrag nun endlich…

Just in dem Moment, wo ich dieses schreibe, kommt mir spontan das Bild eines zarten Pflänzchens, dass von einem Gärtner liebevoll gepflegt und gegossen wird – und damit schließt sich auch wieder der Kreis zum ersten und zweiten Beitrag dieses Zyklus, denn mit dem Wort „Pflege“ kommen wir wieder zum Begriff Kultur…

Natürlich sind weder Konsum noch Abenteuer und Erlebnis an sich etwas Schlechtes. Wichtig dabei ist jedoch zu hinterfragen  – am besten zunächst einmal sich selbst – mit welcher Einstellung ich etwas tue.

Greife ich gerade – und immer wieder – zur Schokolade (kann an dieser Stelle alternativ ersetzt werden durch Chips, Bier, Wein u. v. a.), weil ich Hunger habe oder Durst, um mich zu belohnen, um mich zu trösten oder sehne ich mich eigentlich nach etwas anderem?
Ich habe häufig erlebt, dass es eigentlich die Sehnsucht nach Anerkennung oder „Gesehen werden“ ist die gestillt werden möchte, oder eine Innere Leere möchte gefüllt werden.

Die tägliche Nahrungssuche  stellt für die meisten von heute uns kein alltägliches Problem oder keine Lebensbedrohung mehr dar, denn wenn Sie dies lesen, ist davon auszugehen, dass Sie neben einem Dach über den Kopf auch einen Computer oder ein anderes „mobiles Endgerät“ wie es so schön heißt besitzen. Somit ist für die materiellen Bedürfnisse, um ein zufriedenes Leben führen zu können, gesorgt und unsere tägliche Arbeit ermöglicht uns häufig auch in großem Umfang (finanzielle) Unabhängigkeit, einen individuellem Ausdruck und Anerkennung.

Wie kann es wie es zu dieser Inneren Leere kommen? Aus meiner Sicht liegt es mitunter daran, dass wir in unserer Arbeit häufig nicht all unsere Fähigkeiten und Kenntnisse zum Ausdruck bringen und damit nicht unser volles Potenzial ausnutzen können. Der US-amerikanische Psychologe Abraham Maslow nannte dies Wunsch nach „Selbstverwirklichung“.
Oder die Tätigkeit steht nicht im Einklang mit unserem persönlichen Wertegefüge. Wenn zum Beispiel im Job eine gewisse Kaltschnäuzigkeit und Rationalität gefordert sind, ich aber eigentlich lieber einen empathischen Umgang mit meinen Mitmenschen pflegen möchte, kann dies auf Dauer krank machen.

Insofern ist es wichtig, dass wir uns „zur richtigen Zeit im richtigen Job“ befinden. Sind wir es nicht, heißt es Handeln – idealerweise bevor unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden leiden.

In diesem Sinne – halten Sie nach!
Für ein persönliches Gespräch stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung!

Ihre Christina Bolte
Gesundheitspraxis Sinderau & Brennpunkt Burnout

Unterwegs…

25 Jul

Pilgern stammt vom lateinischen Wort peregrinus (oder peregrinari, in der Fremde sein) ab, was Fremdling bedeutet. Im Kirchenlatein wird es als pelegrinus abgewandelt, und bezeichnet es eine Person, die aus religiösen Gründen in die Fremde geht, d. h. zumeist zu Fuß eine Wallfahrt zu einem Pilgerort unternimmt.* (Quelle: Wikipedia)

Für vielen Menschen hat das Pilgern eine ein wenig seltsame oder eigenartige Anmutung, denn ist es nicht eine Form des (zumindest vorübergehenden) Aufgeben der Heimat (und auch eines Großteils des Hab und Gutes)? Für jemanden, der unfreiwillig seine Heimat oder sein Obdach verloren hat, ist es also eher unverständlich, dieses freiwillig zu tun. 

Ja, gewiss ist für den modernen Pilger sicherlich auch eine Menge Lust auf Abenteuer ausschlaggebend, für manche (die 800 km Jakobsweg mit dem Rad in 1 Woche absolvieren) ggf. auch sportlicher Ehrgeiz. Für die meisten Menschen ist Pilgern aber auch eine Ausdrucksform der Hoffnung – früher nach Sündenablass oder nach Gebetserhöhrung in Bezug auf ein bestimmtes Anliegen und auch heute immer noch nach Heilung. 

Worin besteht die Heilung – oder in der Langform des Wortes: Heil-Werdung? Worauf hofft der moderne Pilger? Oder wo nach sucht er? Was fehlt denn den pilgernden Menschen, von denen viele in finanzieller Hinsicht alles hatten oder haben, wovon Millionen andere nur träumen?

„Manchmal wird uns der Wert der Dinge erst dann bewusst, wenn wir auf sie verzichten müssen.“  (Walter Reisberger)

Tja, meist sind es wohl die unbezahlbaren Dinge, die fehlen, und so sind letztendlich viele Pilger auf der Suche – nach dem Sinn des Lebens oder nach sich selbst. 

Denn auf dem Pilgerweg interessiert es normalerweise keinen, womit man „im normalen Leben“ sein Geld verdient, sondern es interessiert die Mitpilger, WO man herkommt und warum man auf dem Weg ist. Und WER man IST.

Ist es nicht ein besonderer Luxus, der uns da beim Pilgern vergönnt ist: Einfach nur SEIN zu dürfen – wo kann man das denn schon tun? Im Alltag identifizieren wir uns doch sehr häufig mit unserer beruflichen Tätigkeit oder mit unserem Besitz, also Haus, Auto, Familie (meist in der Reihenfolge…) Es zählt also vorwiegend nur, was man TUT oder was man HAT.

Also ist es unterwegs eben doch ein Vorteil, in der Fremde zu sein, nämlich  dass einen niemand kennt. Man kann sich also geben, wie man ist. Das heißt SEIN, wer man wirklich IST.

Wieso kann man das zu Hause (d. h. da wo einen jeder kennt) eigentlich nicht? Liegt es nicht vielleicht daran, weil das bekannte Umfeld einen in gewisser Weise kennt und entsprechende Verhaltensweisen erwartet (aber Erwartungen ist ein anderes Thema). 

Ob Sie sich nun auf den Pilgerweg begeben wollen oder können oder nicht: Die interessante Frage ist meiner Meinung nach, WIE man das ganze denn zu Hause umsetzen kann … Am einfachsten geht es meiner Meinung nach durch Ausprobieren. Also, SEIEN Sie doch einfach mal. Am besten Sie selbst.

Ultreya!*

*(aufmunternder, mutmachender Gruß auf dem Jakobsweg bedeutet so viel wie „Vorwärts! Weiter!“ oder auch „Guten Weg“)

Stille Nacht

24 Dez

„Stille Nacht, heilige Nacht…“ schallt es derzeit wieder vielerorts her, denn Weihnachten steht vor der Tür. Aber ist es wirklich noch so, dass man Weihnachten mit still und heilig verbindet? Ist es nicht viel häufiger hektisch oder stressig, weil noch dies oder jenes so kurz vor den Feiertagen erledigt werden will?

Hmmm. In einer Zeit, in der Ruhe und Stille ein fast schon seltenes Gut geworden sind, in der man kaum irgendwo hingehen kann (sei es zum Einkaufen, in eine U-Bahnstation, in eine Bar oder ein Restaurant) ohne von einer im Hintergrund laufenden Melodie beschallt zu werden, habe ich mir eine fast schon als Luxus anmutende mehrtägige Auszeit gegönnt, um einmal Ruhe, Schweigen und Stille zu genießen.
Und wenn ich sage „Luxus“ meine ich zweierlei: Zum einen selten und zum anderen unbezahlbar. Kostenlos, aber gleichzeitig für kein Geld zu erwerben. Und dabei kann Schweigen jeder. Es ist eine aktive, bewusste Handlung des Nicht-Sagens. Stille ist etwas anderes, man muss sie willkommen heißen, einladen. Das ist immer noch aktiv, aber Stille ist mehr: Es ist ein passives Geschehen-Lassen: Ein Zulassen und sich fallen lassen, manchmal auch ein Aushalten. Das ist nicht immer einfach.
Aber am besten geht es damit, dass man zu schweigen beginnt. Weder Schweigen noch Stille lassen sich mit einem Wort ausdrücken, also probiere ich es einfach mit ein paar mehr…

  • Schweigen ist mehr als die Abwesenheit von Worten, sowie Stille mehr ist als die Abwesenheit von Geräuschen.
  • Schweigen ist viele lange Augenblicke.
  • Schweigen ist auch die Abwesenheit von Beurteilung. Aber wen und vor wem sollte ich denn urteilen, ich bin doch kein Richter oder Gott… – Wer andere verurteilt, hat sich selbst noch nicht kennen gelernt.
  • Schweigen ist ein Wahrnehmen, ein Hinspüren – auf die Gedanken und Gefühle, die da sind. Und vielleicht auch auf die Sehnsüchte, die sich dahinter verbergen. Hilfreich ist da (zum Beispiel) die Frage: „Wie kann ich jetzt gerade gut für mich sorgen?“
  • Schweigen ist die Einladung zum Dialog mit sich selbst, denn die Stille ist die einzige Gelegenheit, die Melodie seines Herzens zu hören. Die innere Stimme des Herzens singen oder jubilieren zu hören – oder weinen oder aufschreien, je nachdem.
  • Schweigen ist also die Stille, die mit neuen Ideen und Impulsen gefüllt werden will. Luftholen. Wie beim Atem: Beim Einatmen schöpfe ich Kraft für neue Impulse – nicht umsonst heißt Einatmen auf lateinisch auch Inspiration. Schweigen und mit sich selbst allein sein ist erstmal ungewohnt und daher am Anfang unendlich schwer zu ertragen. Ein „Ertragen“, sich selbst aushalten.
  •  Schweigen ist die Stille, die der Schatten – das sind die dunklen Seiten meines Selbst und meines Innersten, die ich soooo lange versucht habe zu ignorieren, zu übertönen und beiseite zu schieben – nutzt um sich zu Wort zu melden.
  • Schweigen, mit sich selbst allein sein – einSchweigen, Stille ist die Pause zwischen dem Getanen und Gesagtem. Die Zwischenräume, ohne die die Buchstaben, Worten und Taten nur eine sinnlose Aneinanderreihung wären. Die leeren Stellen also, die den Buchstaben, Worten und Taten – also dem Leben – erst einen Sinn geben…
  • Schweigen – Gedanken wollen gesagt werden. Wollen ja, aber müssen sie das auch? Im Hinblick auf und mit Respekt vor der Stille erscheint vieles von dem, was normalerweise soo bedeutungsvoll und wichtig geglaubt wird, doch belanglos und nur noch halb so wichtig. Getreu dem Lied aus meiner Jugend von Depeche Mode: „Words are very – unneccessary“

Und hier noch in den Worten Helmut Reutters:
„Wer die Sprache der Stille hört und sie versteht, erfährt etwas von dem reinen Glück der Gegenwart Gottes.“

Anlässlich einleitend erwähnter Feiertage wünsche ich Ihnen ein friedliches und besinnliches Weihnachtsfest und dass Sie die Gelegenheit haben bzw. sich schaffen können, sich ein den Luxus ein paar stiller Momente zu schenken.

Und im Sinne (und in den Worten) oben erwähnter Band meiner Jugend: Enjoy the Silence!

(PS: Um die hier zitierte Stille nicht zu konterkarieren, verzichte ich auf irgendwelche Verlinkungen zu oben genanntem Song)