Schwimmen gegen den Strom (3)

4 Nov

In meinen letzten bzw. vorletzten Beiträgen erwähnte ich, dass ich den Jakobsweg entgegen der „normalen“ Richtung gegangen bin.

Was logischerweise nicht immer ganz einfach war, denn die Markierungen mit gelben Pfeilen oder Muschel-Symbolen führen halt nach Santiago (bzw. von dort nach Finisterre) und sind ohnehin schon häufig genug durch Bauarbeiten oder parkende Autos nicht erkennbar.
Die gelegentlichen blauen Pfeile, die normalerweise den Pilgerweg entlang bzw. entgegengesetzt dem portugiesischen Jakobsweg nach Fatima markieren, waren – zumindest im spanischen Teil – deutlich spärlicher gesät als ich mir das so im Vorwege überlegt hatte. Abgesehen davon, dass blaue Pfeile auf regennassem Untergrund, bei Nebel oder in der Dämmerung eben doch deutlich schlechter zu erkennen sind, als gelbe…

Und so kam es auch das eine oder andere Mal, dass ich mich verlief. Mal „nur“ ein bisschen parallel zum eigentlichen Weg, aber einmal lief ich sogar auch völlig daneben. Das kommt davon, wenn man blindlings einfach hinläuft, wo man andere herkommen sieht, ohne auf die Wegmarkierungen zu achten (zum Glück schickte mich ein LKW-Fahrer nicht allzu viel später wieder in die richtige Richtung).
Ja und einmal war es mir auch tatsächlich nicht möglich herauszufinden, aus welchem Weg an einer Kreuzung man optimalerweise hätte kommen müssen um den gelben Pfeil ideal sehen zu können (das war nämlich meistens mit Rätselraten oder detektivischer Kombinatorik verbunden). Und so marschierte ich dann auch – weil ich zu faul war in der Hitze den ganzen Weg zurückzulatschen – als Abkürzung durch ein Maisfeld. Das hatte echt was von Dschungel, sag ich Ihnen!
Noch eine Weile später fand ich mich auf einer Strassenkreuzung einer größeren Strasse wieder, ohne Ortsschilder, keine Wegmarkierungen weit und breit (außer einem Strassenschild, welches mir sagte, dass in 14 Kilometer Entfernung ein EU-gesponsorter Windpark war). Was glauben Sie, wie froh ich war, als ich nach einer kleinen, kreativen Pause, in der mich meine verbliebenen Essens- und Wasservorräte verinnerlichte, in gut 400 Metern Entfernung einige Pilger über eben diese größere Strasse laufen sah! Da war er wieder, mein Weg – er hatte mich wieder gefunden…

Erwähnenswert war übrigens auch noch die junge Dame beim Pilgerbüro in Santiago, zu deren Aufgaben es normalerweise gehört, den Pilgern, die die entsprechenden Voraussetzungen erfüllen, ihre Pilgerurkunde auszustellen. Da die „entsprechenden Voraussetzungen“ sind, dass man entweder 100 Kilometer zu Fuß (oder 200 Kilometer mit dem Fahrrad) ohne motorisierte Unterstützung zurückgelegt haben muss, war mir schon fast klar, dass ich – nachdem ich im „nur“ neunzig Kilometer entfernten Finisterre gestartet war – wohl nur mit viel gutem Willen oder eher gar keine Urkunde bekommen würde.
Nachdem sie jedenfalls sah, wo mein Ausgangsort war, war sie sehr bemüht – dabei stand in ihrem Gesicht eine ziemlich deutliche Hilflosigkeit – mir wortreich auf Spanisch beizubringen, dass ich aufgrund dessen leider keine Urkunde bekommen könne (mein Spanisch ist zwar ganz ok, aber nicht so gut…). Nach einer – für uns beide gefühlt – langen Zeit weiterer Erklärungs-versuche (mittlerweile auf Englisch) sagte ich dann, ich wüsste, dass ich 10 Kilometer zu wenig auf dem Papier hätte für eine Urkunde, aber ich hätte ja auch schon zwei Stück zu Hause und wenn sie mir einfach nur einen Stempel in meinen Pilgerpass geben würde, würde ich auch schon wieder gehen. Was ich zu ihrer sichtlichen Erleichterung auch tat…

Und so pilgerte ich nach einer zweitägigen Ruhepause weiter – wie oben beschrieben: von Santiago weg in Richtung Süden. Von den verschiedenen Begegnungen hatte ich ja bereits geschrieben.

Was ich allerdings noch nicht erwähnt hatte, war die Tatsache, dass mir eigentlich schon zu Beginn der Reise klar war, dass ich es bei meinem „normalen“ Gehpensum von etwa 20 Kilometern am Tag (plus/minus 5) nicht schaffen würde, auch die kompletten 240 Kilometer bis nach Porto rechtzeitig bis zu meinem Rückflug zu Fuß zurückzulegen. Das bedeutete, dass ich an irgendeinem Punkt für eine große oder mehrere kleine Abschnitte auf Bus oder Bahn zurückgreifen musste.
Und genau das machte es bis zu einem gewissen Grad für mich schwierig – mir fehlte das große Ziel vor Augen, das nämlich jeder hat, der nach Santiago läuft. Der Weg ist das Ziel, heißt es so schön, und das Ziel ist der Weg. Oder auch: Ankommen, um dort zu sein. Wenn es denn immer so einfach wäre…

Denn bei mir war es eben anders. Ich war ja schon „am Ziel“ (zumindest dem der anderen) gewesen und lief nun um des Laufens willen – und hatte auch eine riesige Freude daran. Zumindest so lange wir ein bombiges Herbstwetter hatten (wolkenloser, strahlend-blauer Himmel und Sonnenschein) und die täglichen Strecken überwiegend auf Nebenstrassen und durch kleine Dörfchen verliefen. Was etwa vier Tage und 95 Kilometer der Fall war. Auch am fünften Tag noch, als ich zwei Tage vor meinem Rückflug in Valenca in den Zug stieg (eigentlich wäre ich gerne noch weiter auf dem Camino gegangen, aber die nächsten zwei Etappen hätten mich in irgendwelche Dörfer abseits jeglicher Busanbindung geführt).

Leider begann, während ich im so Zug saß, ein bis zu meinem Rückflug zwei Tage später nur durch wenige trockene Phasen unterbrochener Regenschauer. Im Regen eine Stadtbesichtigung machen (wie ich vorgehabt hatte) machte keinen Spass. Im Regen laufen auch nicht.

Wenn ich nun ein Ziel – wie z. B. Santiago – vor Augen gehabt hätte, hätte ich die widrigen Umstände in Kauf genommen und wäre trotzdem mehr oder weniger gut gelaunt  weiter gelaufen. Aber so fehlte mir irgendwie jeglicher Ansporn (wenn man mal von trockenen, sauberen Klamotten absieht, die so oder so zu Hause in Deutschland auf mich warteten) für jegliche Entscheidung und jegliche Handlungsalternative.

So deutlich wie durch dieses Erlebnis hatte ich noch nie erfahren, wie wichtig es ist klare Ziele vor Augen zu haben…

Herzlichst, Ihre Christina Bolte

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