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Die drei Tanten

15 Aug

Diesen Beitrag hielt ich am 14.08.2017 in freier Rede, so oder so ähnlich, im Toastmasters Club Speakers Corner in München:

 

Liebe Toastmaster, liebe Gäste,

heute möchte ich Euch von meinen drei Tanten erzählen, namens Lizzy, Rita und Olivia, die lebten zusammen in einem Haus. Alle drei waren sehr freundlich und hilfsbereit zu jedermann. Meine Eltern sagten, sie seien alle auf eine sehr bodenständige Art und Weise intelligent. Bauernschläue sagten sie immer dazu. Mein Bruder und ich freuten uns als Kinder immer, wenn wir bei den Tanten zu Besuch waren – und das war ziemlich oft – denn sie erzählten uns immer lustige, phantasievolle Geschichten. Außerdem hatte jede von ihnen ein tolles Kuchenrezept, mit dem sie bei uns punkten konnten. Als wir klein waren, mochten mein Bruder und ich alle drei Tanten gleichermaßen gern. Das änderte sich allerdings, als wir beide älter wurden…

Ob es daran lag, dass die drei Tanten – jede auf ihre Weise – ein bisschen wunderlicher wurden oder wir beide älter wurden und über manche Dinge mehr nachdachten, lässt sich so im Nachhinein nicht mehr so genau sagen. Jedenfalls fiel uns auf, wie unterschiedlich die Tanten reagierten, wenn wir überschwänglich und begeistert von unseren Ideen, Plänen, Träumen erzählten. Denn natürlich waren unsere Ideen und Visionen in unserem jugendlichen Eifer manchmal eher von kurzer Dauer oder bei näherer Betrachtung nicht immer sehr schlau.

Wenn ich damals euphorisch von meinen – regelmäßig wechselnden – Berufswünschen erzählte, war Tante Lizzy meistens der Meinung, ich sollte ruhig alles auszuprobieren und viele Praktika machen, denn davon würde ich ja schließlich nicht dümmer. Keine unserer vielen Ideen schien ihr komisch oder kindisch oder zu phantasievoll. Sie war diejenige, die uns darin bestärkte, all unseren Interessen nachzugehen um zu schauen, was davon uns wirklich gefiele. So könnte ich mir eine eigene und fundierte Meinung bilden und am besten herausfinden, was mir am besten entsprechen würde. Regelmäßig vermittelte sie uns, dass jedes unserer Vorhaben grundsätzlich machbar wäre und fragte sie uns bei unserem nächsten Treffen, was wir von unseren Plänen umgesetzt hätten. Wenn es nicht so gelaufen war, wie wir es uns in unserem Eifer so ausgemalt hatten, lachte sie nicht etwa über uns, sondern ermunterte jeden von uns, zu schauen, zu überlegen, was gut gelaufen war und was wir andererseits vorher übersehen hatten und was wir daher beim nächsten Mal anders machen könnten. Dadurch fühlten wir uns ernst genommen von ihr und fühlten uns „erwachsen“. Außerdem waren wir motiviert, weiter zu denken und an der Umsetzung der diversen Vorhaben zu arbeiten.

Tante Olivia hingegen lachte oft über unsere Ideen. „Du musst zusehen, dass Du eine rote Linie in Deinem Lebenslauf hast“, riet sie mir in Bezug auf meine Berufswahl, „also mach‘ am besten was Seriöses, um Dein Geld zu verdienen.“ Dabei hatte sie aber schon sehr konkrete Vorstellungen, was dazu gut geeignet wäre und was nicht. „Wer braucht denn das schon? Das ist doch alles eine brotlose Kunst“, befand sie meinen Berufswunsch Schriftstellerin, den ich mit 13 zwischendurch mal hatte. „Was hast Du denn überhaupt schon zu sagen?“, fragte sie damals.
Ich fühlte mich damals wie der größte Idiot, so als ob ich keine Ahnung hätte und befürchtete ernsthaft, irgendwann mal unter einer Brücke zu enden. Selbstredend verfolgte ich den Berufswunsch der Schriftstellerin damals nicht weiter, sondern studierte erstmal was Seriöses: Wirtschaftsingenieurwesen.

Tante Rita hingegen war immer sehr realistisch, deshalb erklärte sie mir: „Es ist gut, große Träume und Ideen zu haben, wie Tante Lizzy Dich ermuntert. Gleichzeitig kann es dann leicht passieren, dass Du dabei zu hoch fliegst – und Dir wie in der Ikarussage die tragfähige Substanz wegschmilzt. Tante Olivia will Dich davor schützen, dass Du abstürzt, wenn es nicht so klappt, wie Du Dir vorgestellt hast. Vielleicht hat sie aber auch nur ein wenig Höhenangst“, fügte sie verschmitzt hinzu. Weil sie stets sehr betriebswirtschaftlich dachte, ergänzte sie: „Wenn Du aber ihre Einwendungen ernst nimmst, und über ihre Fragen ernsthaft nachdenkst, hast Du schon gleich einen guten Input für einen guten Business-Case. Schau am besten, ob Du nicht Menschen kennst, an denen Du Dich orientieren kannst.“

Liebe Toastmaster, liebe Gäste,

sicherlich fällt es Euch leicht, zu erraten, welche der drei Tanten wir lieber hatten. Leider war es nicht so leicht möglich, immer nur Lizzy oder Rita zu besuchen und nicht Olivia, denn sie wohnten ja im gleichen Haus.

Wie die Geschichte ausgegangen ist: Unter einer Brücke gelandet bin ich bislang nicht, aber immerhin habe ich schon fünf Bücher veröffentlicht. Auch wenn ich derzeit noch davon entfernt bin, vom Bücherschreiben leben zu können: Es ist immerhin ein netter Zuverdienst und schon mal ein guter Anfang.

Was Euch vielleicht an meiner Geschichte mehr überrascht ist: Mit Verwandten wie Lizzy und Olivia hatte jeder von uns schon zu tun. Denn Lizzy und Olivia sind zwei Instanzen in jedem von uns:
Lizzy repräsentiert den liebevollen, ermutigenden und visionären Anteil in uns, der uns hilft, unsere ehrgeizigen Pläne und Visionen strukturiert und zielstrebig zu verfolgen. Lizzy glaubt an sich selbst und an andere. Sie ermutigt jeden, für seine Wünsche und Träume einzustehen.

Olivia steht dagegen für unsere innere Kritikerin. Wenn wir zu sehr auf sie hören, fühlen wir uns unbedeutend, klein und wertlos. Wenn die Olivia in unserem Leben zu viel Raum einnimmt, kann das sogar so weit gehen, dass wir irgendwann selbst davon überzeugt sind, wert- oder nutzlos zu sein oder ein gutes, erfolgreiches Leben oder das Erreichen großartiger Ziele nicht verdient zu haben.

Rita steht für die Realistin. Sie verbindet die Visionärin und die Kritikerin in uns. Sie vereint das Großartige mit den Einwendungen zum Machbaren.

Deswegen: Nimm Dir regelmäßig ein bisschen Zeit für Dich und lausche Deinen inneren Stimmen. Pass darauf auf, mit welcher „Tante“ Du wieviel Zeit verbringst – denn egal, ob Du glaubst, Du schaffst etwas oder ob Du glaubst, Du schaffst eine Sache nicht: Du wirst immer recht haben!

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