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Das Kreuz mit dem Kreuz

27 Apr

Seit mittlerweile fast 20 Jahren lebe ich in Bayern – und ich füge hinzu: Lebe ich gerne in Bayern!
Nun sind ja die Bayern bekanntermaßen in vielerlei Hinsicht ein etwas spezielles Völkchen (sofern man vor dem Hintergrund der inner-bayrischen Vielfalt überhaupt von einem Völkchen sprechen kann…).

Dass sich die Freistaatler im Vergleich zu den anderen Bundesländern viel herausnehmen, ist für mich als Zugezogene lange Zeit mehr als gewöhnungsbedürftig gewesen. Nun ja, mit der Zeit gewöhnte ich mich daran und finde es mittlerweile auch manchmal recht sympathisch…

Aber das uns unser neu auserkorener Ministerpräsident Söder nun in staatlich-bayrischen Behörden und Institutionen das Kreuz aufhängen will, geht nun, finde ich, wirklich zu weit!

Nicht nur, dass ich der Meinung bin, dass wir aktuell weitaus wichtigere und dringendere Themen haben, die es zu diskutieren gilt. Auch möchte ich hinterfragen, in wieweit dass öffentliche durch Behörden institutionalisierte Zurschaustellen eines religiösen Symbols überhaupt mit der Religionsfreiheit im Deutschen Grundgesetz vereinbar ist.
Religionsfreiheit bedeutet ja auch, dass ich die Wahl habe, gar keiner Religion anzugehören.

Und so finde ich es doch sehr zweifelhaft, wenn sich jeder Bürger, Einwohner oder Steuerzahler egal welcher Nationalität und Religion bei jedem Behördengang (die sich ja auch im Zeitalter der Digitalisierung leider nicht komplett vermeiden lassen) mit einem religiösen Symbol konfrontiert sieht, dass für ihn oder sie möglicherweise gar keine Bedeutung hat? Von den Mitarbeitenden, die dem täglich ausgesetzt sind, mal ganz abgesehen…

Selbst ich als christlich sozialisiert aufgewachsener Mensch verbinde mit dem Kreuz – vor allem wenn es mir „aufgezwungen“ wird – eher Last & Schmerz auf dem Gang nach Golgatha als ein positiv konnotiertes Gefühl von Heimat und Verwurzelung.
Wie mag es da erst Anders- oder gar nicht Gläubigen gehen, von denen ein nicht unerheblicher Teil ja auch in Bayern geboren und/oder aufgewachsen ist und/oder zur Leistungsfähigkeit Bayerns beiträgt?

Wenn Herr Söder mit dieser Aktion die Wurzeln „unserer“ kulturellen Herkunft stärken will (wer auch immer an dieser Stelle „unser“ ist), sollte er lieber für einen guten Boden sorgen. Einen guten Boden, der voll ist von Nährstoffen, Saft und Kraft für Innovation und Fortschritt – und frei von Parasiten, Schimmel und anderem Ungeziefer (da kann jetzt jeder hineininterpretieren, was er will…). Das Betonen von Unterschieden oder Provozieren Andersgläubiger führt erfahrungsgemäß eher zu Hass und negativer Stimmung als zu einem positiven „Dünger“ für Bayern.
Zugehörigkeit unter einer Bedingung (z. B. einer bestimmten Glaubensgemeinschaft anzugehören) oder Gleichmachen aller Differenzen hat für mich weder etwas mit Heimat noch mit Wurzeln zu tun. Mit Heimat verbinde ich persönlich eher das Gefühl von Freiheit und Angenommen sein in meiner individuellen Einzigartigkeit (und da gehört für mich meine spirituell-religiöse Identität dazu).

Dazu von mir eine persönliche Geschichte:

Neulich war ich am Stand der Erzdiözesen München/Freising und Salzburg auf der Reisemesse f.re.e. „Wie?“, denkst Du jetzt vielleicht, „was hat denn die Kirche mit Tourismus zu tun?“ Dachte ich zunächst auch, als ich das zum ersten Mal gehört hatte, aber diesmal war ich dort wohlgemerkt als Ausstellerin in meiner Funktion als Pilgerbegleiterin, nicht als Besucherin. Wie ich dazu gekommen bin, obwohl ich ironischerweise noch nicht mal zahlendes Mitglied einer Kirche bin, geschweige denn, dass ich katholisch wäre, ist sicherlich eine längere Geschichte, die irgendwann 2007 auf meinem ersten Jakobsweg begann.
Was mir an dem Stand jedenfalls gut gefiel, waren diese kleinen Holzkreuze, die man sich mitnehmen konnte und an einem Lederband um den Hals tragen kann.

Plus statt Kreuz

Lieber „Plus“ statt „Kreuz“…

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ja, wie wäre es denn, wenn den Menschen (nicht nur in Bayern) das Christentum oder der Glauben nicht als „Pflicht“, „schwer“, „Zwang“ oder „Last“ auferlegt würde – und als solches kommt es mir vor, wenn ich mit Kreuzen in öffentlichen Gebäuden nicht beglückt, sondern erdrückt werde?
Wäre nicht ein Weg viel sinnvoller, der uns die Wahlfreiheit lässt? Ein Weg, der die Leichtigkeit betont oder ein Weg, der für alle, die es wollen, den Mehrwert eines (christlichen) Glaubensbekenntnisses hervorhebt?

Ich für meinen Teil bin froh, in einem Land (Deutschland) und in einer Zeit (21. Jahrhundert) zu leben, der mir die Freiheit gewährleistet, das zu glauben, wovon ich überzeugt bin und nicht den Überzeugungen meiner Landesfürsten folgen zu müssen. Ob die von der Presse betitelten „Kreuzzüge“ des Herrn Söder ein Schritt in die richtige Richtung sind, wird sich zeigen – immerhin hat bereits das 2. Vatikanische Konzil vor über 50 Jahren erkannt, dass auch in anderen Religionen Wahres und Heiliges ist…

Was ist für Sie, lieber Leser, Wahr und Heilig? Was ist Ihr persönlicher Mehrwert, den Sie mit Heimat, Tradition oder Religion verbinden?
Ich freue mich auf Ihre Kommentare.

Ihre Christina Bolte

PS: Ob Herr Söder sich der Doppelsinnigkeit dieser Entscheidung – „seiner“ Bevölkerung ein Kreuz aufzuerlegen – überhaupt bewußt ist? Immerhin möchte er ja im Herbst ein paar Kreuze zurück haben. Nun denn – falls die Wählerinnen und Wähler ihm keine geben sollten, hängen dann ja noch genügend in den Behörden herum…

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