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Erleuchtungs-Express

10 Mrz

In meinem Umfeld spreche ich immer mal wieder mit Leuten, deren erklärtes oder weniger deutlich formuliertes Ziel es ist (oder scheint), so schnell wie möglich zur Erleuchtung zu kommen. Wobei die Wege dorthin sehr unterschiedlich sind: Der oder die eine probiert’s mit Yoga, ein anderer fährt regelmäßig nach Indien in einen Ashram zu einem Guru und die dritte rennt vom einem Selbstfindungsseminar zum nächsten…

Wieder ein anderer probiert es regelmäßig durch den Konsum von Cannabis oder anderen mehr oder weniger legalen Drogen und wundert sich (oder auch nicht), wenn es ihm die Birne eher ausschaltet als erhellt.

Soweit, so gut – ich finde, jeder hat das Recht, nach seiner Facon glücklich zu werden – zumindest solange er niemandem anderem damit schadet…
Dennoch glaube ich, dass dies zum großen Teil Irrwege sind, zumindest wenn es darum geht, das Ziel (die Erleuchtung) so schnell wie möglich zu erreichen. Denn genauso wenig wie es wahrscheinlich ist, dass man 20 Kilo in 5 Tagen auf gesunde Weise verliert (und dies neue Gewicht auch dauerhaft hält!), funktionieren meiner Meinung nach auch alle anderen „Abkürzungen“.

Denn das wäre ja wie ein Doktor-Titel ohne sich die Mühe machen zu wollen, auch eine Dissertation zu schreiben. In Anbetracht der vielen Plagiateure unter unseren Politikern ist zwar ein böses Beispiel, aber es verdeutlicht, dass auch ein Versuch früher oder später auffliegen wird.

Stattdessen habe ich – sowohl auf meinen Jakobswegen als auch in der einen oder anderen Phase meines Lebens – entdecken dürfen, dass auch der Weg zum Ziel gehört (oder für die Techniker: Der Prozess zum Ergebnis).
Wobei ich zugeben muss, dass ich früher selbst auch immer ganz gerne dazu tendiert habe, am Grashalm zu ziehen, damit dieser schneller wächst. Anstatt der Saat die ausreichende Zeit zum Reifen zu geben, wollte ich nur das Ergebnis ernten – am besten sofort.
Aber um zu ernten muss man eben nicht einfach nur sähen und abwarten, sondern darüber hinaus auch noch vorher den Boden vorbereiten und während des Wachsens regelmäßig Unkraut zupfen und natürlich ab und zu mal gießen. Und so ähnlich bedarf auch die Erleuchtung eine regelmäßige Übungspraxis.

Nicht zu vergessen: Auch die Erleuchtung macht aus niemandem einen „besseren“ Menschen. Oder wie es im Zen so schön heißt: „Vor der Erleuchtung Holz hacken, nach der Erleuchtung Holz hacken…“

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Herbst-Gedanken

25 Okt

Wenn ich dieser Tage so aus meinem Fenster sehe, freue ich mich über eine wahre Farbenpracht: Rotes Weinlaub, leuchtend orangefarbene Ahornblätter – und heute auch noch strahlend blauen Himmel und Sonnenschein. An jeder Ecke (zumindest wenn man etwas auf dem Land wohnt) stehen Verkaufsstände mit ebenfalls leuchtenden Kürbissen. Erntezeit.

Auch auf unserem Ackerstück (siehe auch hier) – denn Ende Oktober ist immer Saisonabschluss. So machte ich mich heute auf den Weg, um noch die letzte Ernte einzufahren (wobei wir dieses Jahr wirklich reichlich belohnt worden waren, Hauptsächlich allerdings mit Zucchini…).
Und wo fuhr ich mit zwei großen Kisten an Ernte heim: große Mengen an grünem und rotem Mangold, Petersilie, Kapuzinerkresse und zwei kleine Kürbisschen (die wohl der zwischenzeitliche Fast-Frost vom Wachsen abgehalten hatte).

Trotzdem, dass ich mich eigentlich über die Ernte hätte freuen sollen, wurde ich auf dem Heimweg ein wenig wehmütig. Denn trotz der Farbenpracht ist der Herbst ja eigentlich die Jahreszeit des „Loslassens“: Von den langen, hellen Tagen haben wir uns schon vor Monaten verabschieden müssen, von den sommerlichen Temperaturen auch schon vor einer ganzen Weile, die Bäume müssen ihr Laub loslassen und stehen dann schon bald wieder ganz kahl da, was ich immer irgendwie etwas trostlos finde. Nicht zuletzt ist bald (nächste Woche) auch noch Allerheiligen, was nun auch mit Loslassen, Tod, Abschied nehmen zu tun hat.

Und so musste ich daran denken, dass auch in meinem Leben gerade zwei Episoden zu Ende gehen: Auf der einen Seite mein Büroraum, der mich durch die letzten zwei Jahre begleitet hat. Aus verschiedenen Gründen hat es sich so ergeben, dass unsere gemeinsame Zeit abgelaufen scheint. Was natürlich immer mit aufräumen, aussortieren und loslassen verbunden ist (zumindest nutze ich die Gelegenheit dazu…). Meistens wird unterschätzt, wie kraftraubend solche Loslass-Prozesse sind, da bin ich gefragt, gut für mich zu sorgen und zu schauen, was mir gut tut.
Und auf der anderen Seite ist da mein Studium, das mich die letzten fast drei Jahre sehr bereichert hat, welches demnächst seinen Abschluss findet – mit all den netten, tiefsinnigen Menschen, mit denen ich diese Zeit geteilt habe. Abschied nehmen ist da gleich doppelt anstrengend…

„Auf jedes Ende folgt wieder ein Anfang, auf jedes Äußerste folgt eine Wiederkehr“,
wusste schon Lü Bu We vor etlichen Hundert Jahren.[i]

In solchen Situationen des (vermeintlichen) Endes und des Abschiednehmens muss ich immer an meine letzten Tage auf dem Jakobsweg denken: Was mich damals mit Schmerz und Wehmut erfasste, erwies sich im Nachhinein als ein Wendepunkt in meinem Leben.

Was das betrifft, ist die Natur uns ein wundervolles Vorbild: Auf dem Humus dessen, was die Natur im Herbst verwirft und loslässt oder was (ab)stirbt und im Sinne des Wortes zu-grunde-geht, entsteht in der Stille des Winter und danach ein fruchtbarer Grund und Nährboden für Neues – neues Wachstum, neues Leben, neue Projekte. Transformation bedeutet Stirb und Werde: Altes loslassen, damit Neues entstehen. Dazwischen braucht es Rückzug, die Kraft der Stille und des Augenblicks. Präsent sein – und sich der eigenen Essenz gewahr werden.

Nutzen wir die herannahende Zeit des Winters – für uns um Ruhe zu finden, loszulassen, Kraft zu schöpfen – damit neue Projekte und Ideen auf der Grundlage unserer Essenz entstehen können.

Aber erstmal wünsche ich Ihnen: Fröhliches Ernten!

Ihre Christina Bolte

[i] Frühling und Herbst des Lü Bu We, S. 56

Erntedank

4 Okt

Neulich war ich bei meiner „Schwiegerfamilie“ im Pongau (Österreich), wo an dem Tag bereits Erntedank gefeiert wurde. Obwohl ich das Erntedankfest bereits aus meiner Kindheit kenne, hatte ich bisher immer die Assoziation, dass es sich eher um ein Fest für die Landbevölkerung handelt – oder für die Kirchgänger. Wobei ich mich eigentlich keiner der beiden Gruppen wirklich zugehörig fühl(t)e.

Aber nachdem wir ja nun in diesem Jahr ebenfalls unter die „Ackerbauern“ gegangen sind, habe ich erstmals ganz andere Gedanken dazu – vor allem, weil wir auf unserer Ackerfurche ja eigentlich schon seit Wochen regelmäßig Gemüse (vor allem Zucchini) ernten. Und so machte ich mir eben ein paar Gedanken darüber, was ich bereits alles in diesem Jahr ernten konnte.

Zunächst einmal war da auch so manche „Ernte“, die mir mit relativ wenig Aufwand zugefallen ist. Der Kürbis und die Petersilienwurzel von unseren Feldnachbarn beispielsweise, wo ich einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Praktisch, oder? Aber auch so das eine oder andere, was unerwartet mein Geschäft belebte. Für solche „Zu-Fälle“ im Sinne des Wortes bin ich natürlich besonders dankbar.

Außerdem gibt es dann natürlich noch all die sicht- und essbaren Ergebnisse, an denen ich sehe, dass sich mein Engagement letztlich gelohnt hat: die Zucchini, die Karotten, Bohnen und auch der Mangold. Aber auch im beruflichen Bereich freue ich mich nun über das eine oder andere Projekt, in dessen Vorbereitung und Akquise ich viel Zeit, Geld & Herzblut investiert habe.
Als Unternehmer denkt da man natürlich eher: „Das ist doch kein Wunder, so viel Arbeit wie ich in dieses Projekt hineingesteckt habe, das musste ja erfolgreich werden!“

Dennoch ist meiner Meinung nach eine üppige Ernte aber eben nur zum Teil Resultat & Erfolg des eigenen Handelns, sondern zum Teil auch eine Verkettung günstiger Umstände, das heißt eigenes Handeln PLUS (göttlicher) Fügung.

So zum Beispiel sind weder meine Küchenkräuter noch meine Radieschen etwas geworden – und das, obwohl ich regelmäßig gegossen und Unkraut gejätet habe. Ob es dem späten Bodenfrost im Mai oder der Hitzeperiode im Juni geschuldet war, ist letztendlich im Endergebnis auch egal. Tja, und so ähnlich ist es mir auch mit einem meiner beruflichen Projekte gegangen: Trotz all der Arbeit und der Werbung, die ich hineingesteckt habe, war die Resonanz nicht so wie ich sie mir erhofft hatte.

Tja, und so bleibt jeder Erfolg eben doch auch ein kleines Bisschen Geschenk, das uns zuteil wird. Und dafür kann man ruhig auch mal Danke sagen. Egal, ob bei sich selbst, bei denjenigen Menschen, die einen unterstützt haben oder beim Universum. Der Gedanke zählt, und ich bin mir sicher, er wird den richtigen Adressaten erreichen.

In diesem Sinne danke ich auch Ihnen fürs Lesen!

Einen schönen Herbst mit viel Fülle wünscht

Christina Bolte

Nachbars Garten

30 Jun

Wie bereits in den letzten Wochen häufiger erwähnt, ist mein neuestes Hobby unsere 2x 25 Meter lange Ackerfurche. Natürlich nutzten wir das schöne Wetter der letzten Tage und Wochen etwas häufiger, um dort ein wenig Zeit zu verbringen – denn ohne Gießen und Pflege verkommt das ganze sonst zur Unkraut-Wiese. Und es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell dort etwas wächst, was dort nicht hin soll…

Während ich also so vor mich hinzupfe, ertappe ich mich immer wieder dabei, auch die zwischen den Beeten zu unseren Nachbarn liegenden Wege von Unkraut zu befreien. Warum werfen manche Nachbar ihr eigenes gezupftes Unkraut immer nur so lieblos aus die Wege, anstatt es auf die dafür vorgesehenen Plätze zu entsorgen? Immer wieder überlege ich dann, ob es meine Ausgabe ist, es zu entsorgen oder ob ich es lieber auf deren Beet zurück legen soll.

Oder ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich mich daran störe, was für ein ‚Unkraut‘ in den Wegen wächst – so als ob ich Angst hätte, dass es unser Beet „anstecken“ würde. Warum stört mich nur so, was dort wächst? Bei diesem Gedanken fällt mir auf, dass ich dieses Verhaltens- (oder vielmehr Gedanken-)Muster auch aus meinem sonstigen Leben kenne: Das erste Mal ist es mir aufgefallen, als ich einen eigentlich trockenen Alkoholiker als Freund hatte: Je mehr er soff – desto vernünftiger, quasi ’nüchterner‘, wurde ich. Ebenfalls aus Angst, ich hätte der gleichen Sucht verfallen können oder die Lage geriete völlig ausser Kontrolle.

Und so oder so ähnlich verhält es vermutlich auch bei unserem Nachbarbeet. Manche Verhaltensweisen (wie z. B. herumliegende Sachen) stören mich bei meinem Partner, meinen Familienangehörigen oder auch bei komplett Fremden mehr als bei mir selbst – obwohl ich in Bezug darauf sicherlich auch noch Handlungsbedarf  hätte. Aber gut, es ist eine alte Erkenntnis und anscheinend menschlich, den Splitter in seines Bruders Auge zu sehen und den Balken vor dem eigenen nicht… Aber da kann mitunter ein Blick in den Spiegel Abhilfe schaffen.

Abschließend bin ich eigentlich selbst ziemlich überrascht, welche ungewöhnlichen und unerwarteten Orten man als Spiegel zur Selbst-erkenntnis heranziehen kann – sogar der eigentlich als Spielerei gedachte Garten kann dabei helfen. Zumindest wenn man sich die Zeit nimmt um von ganz profanen Tätigkeiten Rückschlüsse auf seinen Alltag zu schliessen.

Und so kann ich Sie, liebe Leserin, lieber Leser, nur einladen, nach den „Spiegeln“ in ihrem eigenen Leben Ausschau zu halten – es ist immer wieder interessant, wem oder was – Nachbarn oder selbst – Sie dort begegnen werden.

Alles Gute wünscht Ihnen
Ihre Christina Bolte

Das Leben und die Ackerfurche

15 Jun

Wie ich bereits vor einiger Zeit berichtete, sind wir seit April erstmalig Pächter / Nutzer / Hobbygärtner einer Ackerfurche auf dem Sonnenacker bei uns im Landkreis.
Nach einiger Zeit des Keine-Zeit-Habens (bzw. politisch korrekt ausgedrückt: des Andere-Prioritäten-Setzens) waren wir an diesem Wochenende mal wieder vor Ort. Gleichzeitig waren wir erschreckt, wie hoch die Pflanzen auf unserem Acker wucherten, vor allem solche, die wir nicht angepflanzt hatten.
So hatten wir – nach den letzten Wochen von abwechselnd Hitze & Regenschauern, die für die Pflanzen offenbar sehr fruchtbar waren – diesmal Mühe, unsere eigentliche Aussaat inmitten des Unkrauts (bzw. politisch korrekt: Beikrauts) zu „entdecken“.

Und so dauerte es erstmal ein paar Stunden, bis wir die bereits „beackerten“ Stellen unserer Furche von Unerwünschtem befreit hatten, damit die erwünschten Pflanzen dort wieder mehr Platz & Luft finden können und somit auch bald wieder besser wachsen & gedeihen können.

Während ich so vor mich hin zupfte – ich hatte teilweise Mühe, die Aussaat vom Unkraut zu unter-scheiden – kam mir der Gedanke, dass es mit dem Ackerbau ein wenig wie im „richtigen Leben“ ist:
Wenn man zu oft oder zu lange mit anderen, scheinbar wichtigeren Dingen beschäftigt ist oder schlicht zu faul ist, um sich bei der Hitze um seinen „Alltagsgarten“ zu kümmern, kann es passieren, dass sich zunehmend mehr unerwünschte Angewohnheiten in den Alltag einschleichen. Diese Unkräuter des Alltags könnten zum Beispiel sein, zu viel Kaffee oder zu wenig Wasser zu trinken oder immer weniger Sport zu betreiben. Kurzfristig mag das „nicht so schlimm“ sein – aber langfristig ist es halt doch der Gesundheit nicht unbedingt zuträglich.
Somit ersticken dann die guten Vorsätze oder Eigenschaften immer mehr im „Unkraut“, ohne die Chance zu haben, Früchte zu tragen. So heißt es auch in dem bekannten Satz von Albert Einstein:
Die Definition von Wahnsinn ist immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.

Deshalb macht es durchaus Sinn, sich ab und zu die Zeit zu nehmen und sich darüber Gedanken zu machen, welche Ergebnisse man sich überhaupt wünscht, ob als Ernte der Ackerbepflanzung oder im Leben generell. Um sich dann zu überlegen, was dafür erforderlich ist zu tun.
Jemand, der Erbsen ernten möchte, der sollte zumindest mal auch welche anbauen – und das Gießen und Unkraut jäten nicht vergessen selbstverständlich! Ganz ohne geht es leider auch im Leben nicht.
Wer Klavier spielen oder eine Fremdsprache lernen möchte, wird sich regelmäßig Zeit zum Üben nehmen müssen, und für den, der sich Gesundheit wünscht, kann es beispielsweise bedeuten, eine Vorsorgeuntersuchung in Anspruch zu nehmen oder sich mehr zu bewegen, sich gesünder zu ernähren oder mehr Zeit an der frischen Luft anstatt im Büro zu verbringen.

Ohne nötiges Zutun, ohne regelmäßige Praxis, Übung oder Kultivierung (um bei der Wortwahl des Ackers zu bleiben) nützen sonst selbst die besten genetischen Voraussetzungen, das beste Saatgut nichts, um zu neuen und großartigen Ergebnissen zu kommen.

Zurück zu unserem Acker: Leichter und gleichzeitig anstrengender war es übrigens, das Unkraut auf den von uns bisher noch nicht beackerten Stellen zu entfernen. Zwar stand auch dieses immerhin schon über kniehoch, allerdings brauchten wir hier nicht zu unterscheiden zwischen erwünscht & unerwünscht, sondern konnten einfach mal radikal aufräumen. Klar hätten wir auch warten können, bis wir dort etwas Neues hätten anbauen wollen – aber mit dem Unkraut ist es irgendwie wie mit lästigen Eigenschaften auch: Es wird nicht einfacher, wenn man länger wartet, sondern eher noch schwieriger, es los zu werden.

Für uns war’s super. Neben dem sichtbaren Erfolgserlebnis, etwas geschafft zu haben (ein freies Stück Acker) haben wir uns nach dem Bewegungs- und Frischluft-intensiven Arbeitstag auch eine schöne Auszeit auf dem Balkon verdient.

Wenn Sie nun Lust haben, sich ebenfalls um Ihre „Alltags-Unkräuter“ oder um neue Ziele und Ergebnisse zu kümmern und dabei Unterstützung benötigen, sprechen Sie mich an. Demnächst startet in München wieder ein „Kurs Veränderung„, die unter anderem genau dies zum Inhalt hat.

Einen schönen Wochenstart
wünscht Ihnen

                    Ihre Christina Bolte

 

 

 

Vom Karma des Kartoffelackers

1 Jun

Bereits hier hatte ich ja schon von meinen ersten Erlebnissen und Gedanken auf unserm Sonnenacker berichtet. Nun möchte ich heute von einer weiteren Episode „berichten“.

Noch nicht berichtet hatte ich davon, dass auf der Ackerfläche, auf der sich unser Bifang befindet, auch in den Vorjahren schon immer nach dem gleichen Prinzip Furchen verpachtet wurden. Allerdings werden diese in jeder Saison neu verteilt, so dass man mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit jedes Jahr an anderer Stelle untergebracht wird, selbst wenn man sich schon viele Jahre an dem Projekt beteiligt.

Zwar gibt es gewisse Spielregeln (wie z. B. keine synthetischen Dünge- oder Unkraut-vernichtungsmittel zu verwenden oder nur einjährige Pflanzen anzubauen), aber wer weiss schon, ob sich da jeder so dran hält. Immerhin ist auch Rhabarber, den unsere Nachbarn angebaut haben, auch mehrjährig… Und so kommt es mir ganz oft – vor allem beim Unkraut jäten – so vor, als wenn das Sonnenacker-Projekt ein bisschen was von Karma hat. Du weisst nie, was in einem früheren Leben (respektive von Deinem Vor-Mieter) angebaut wurde oder was dieser sonst so angestellt hat.
Somit ist es immer wieder überraschend, welche Pflanzen sich zeigen, unabhängig von dem was wir selbst angebaut haben. Das „Karma“ unseres Ackers scheint jedenfalls irgendwas zwischen Pfefferminz, Gänsefingerkraut und Topinambur zu sein – was an sich ja auch ganz gut und/oder sein könnte, wenn wir nicht an gleicher Stelle lieber Karotten, Kräuter und Erbsen angebaut hätten.

Und so kommt mir gerade der Gedanke, dass diese Situation mich ein wenig an die Passage aus Hirschhausens Pinguin-Prinzip erinnert, wo es am Ende heißt, dass auch sieben Jahre Psychotherapie aus einem Pinguin keine Giraffe machen. Eigentlich wollten wir weder Pinguine noch Giraffen, sondern nur ein bisschen Gemüse züchten. Aber vielleicht gelingt es uns ja, auf unserer Ackerfurche zumindest ansatzweise etwas von dem zu ernten was wir sähen, anstatt nur die (vielleicht nicht so geliebten) verspäteten Früchte unserer „Vorfahren“ zu ernten…

PS:
Lieber Buddhistischer Leser, es liegt mir fern, mich über irgendwessen religiöse Ansichten lustig zu machen.
Falls Sie der Meinung sind, mein Vergleich hinke, bitte ich um Nachsicht.

Vom Strassenkehren und biologischer Landwirtschaft

13 Apr

Seit wir im letzten Jahr von München „aufs Land“ (korrekter: ins Münchner Umland) gezogen sind, reiht sich – wie mir scheint – eine Spießigkeit an die andere. Neuerdings  probieren wir uns als Biobauern aus, denn wir haben uns für diese Saison eine Ackerfurche auf dem Sonnenacker gepachtet (woanders auch als „Krautgarten“ bekannt) um unser eigenes Gemüse anzubauen – und nebenbei auch noch viel Zeit an der frischen Luft verbringen und dabei mit den Menschen vor Ort in Kontakt kommen.

Nun hört sich ein halber Bifang (1 Bifang sind 100 Meter Ackerfurche) eigentlich relativ wenig an. Wenn man allerdings davor steht und sieht, wie viel da noch von Steinen und Unkraut befreit werden möchte, kommen einem die vor einem liegenden 50 Meter vor wie die lange Strasse von Momos Strassenkehrer Beppo: „Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. […] Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt.“ (Zitat aus dem Buch von Michael Ende)

Gleichzeitig sind aber genau diese mühsamen, lästigen Tätigkeiten extrem wertvoll: Nicht nur sind Unkraut zupfen (per Hand versteht sich, denn Herbizide sind auf den Sonnenäckern nicht erlaubt) und Steine aussortieren extrem gut dazu geeignet, die eigenen destruktiven Energien auszutoben, die einen manchmal befallen.
Nein, es sind auch wunderbare Tätigkeiten, um nach einem anstrengenden Tag oder einer anstrengenden Woche am Schreibtisch den Kopf wieder frei zu bekommen. Die mechanischen, gleich-förmigen, Bewegungen veranlassen einen, sich nur auf das Stückchen Acker direkt vor einen zu konzentrieren und gleichen dabei einer Art Meditation.

Darüber hinaus war meine erste Lektion, die ich von „meiner“ Ackerfurche lernen durfte, wie wichtig diese nervigen Aufgaben, die so gar nicht in mein Bild von „ich bin dann mal Biobauer und zieh mein eigenes Gemüse“ passten. Auf Dauer ist es jedenfalls eine ziemlich mühsame Haltung und eine noch lästigere Tätigkeit, so gebückt dazustehen oder zu hocken, um das Unkraut oder die Produkte des Vorjahres-Pächters zu entfernen. Vor allem wenn man (noch) nicht erkennen kann, was es ist bzw. wird.

Aber immerhin will man ja wissen, was man erntet und sich nicht davon überraschen lassen, was kommt (zumindest geht es mir so). Ich fände es ziemlich blöd, am Ende etwas zu ernten, womit ich gar nichts anfangen kann, weil ich es womöglich nicht mag. Topinambur zum Beispiel wuchert ziemlich hartnäckig, schmeckt aber bei bestem Willen nicht jedem.

Und so passt das Biobauerntum irgendwie auch zu meinem Metier. Auch die gestressten Menschen, die zu mir kommen, erledigen häufig, was andere ihnen anschaffen, oder „schauen, was passiert“ – und wundern sich am Ende, dass ihnen das, was dabei heraus kommt, nicht gefällt.
Hier kann es helfen sich vorher zu überlegen, was man am Ende des Tages eigentlich ernten möchte, um dann seine Tätigkeiten entsprechend danach zu planen und auszurichten, auch wenn diese mitunter lästig sind und es somit einfacher erscheint, darauf zu verzichten.

Als kleines „Nebenprodukt“ kam mir, nach ein paar Stunden in gebückter Haltung, so ganz nebenbei auch noch der Gedanke, unter welchen Bedingungen eigentlich die Obst- oder Gemüsesorten produziert sein müssen, die man so für 1,29 Euro das Kilo im Supermarkt kaufen kann. Wieviele Stunden am Tag verbringen wohl die Leute, die berufsmäßig Gemüseanbau betreiben, in einer solchen Haltung oder wo kommen sie her? Oder brauchen die kein Unkraut zu zupfen, weil irgendwelche „ich will gar nicht weiter drüber nachdenken was für“-Mittel verwendet werden?

Na, wenn die Aussicht auf pestizidfreies, selbstgezüchtetes Gemüse mal nicht gleich noch mehr motiviert, das eigene Stück Acker von Unkraut zu befreien – Stück für Stück, Meter für Meter, Schritt für Schritt. Wie Beppo sagt: „Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.“*

Wenn Sie also Unterstützung brauchen, was Sie im wörtlichen und/oder übertragenen Sinne in Zukunft nähren soll, sprechen Sie mich gerne an – ich helfe gerne weiter.

* Die ganze Geschichte von Beppo können Sie hier nachlesen oder dort nachhören – oder Sie kaufen sich gleich das ganze Buch, das ist auch eine schöne Auszeit 🙂