Search results for 'camino'

Der Geist des Camino

14 Jun

Im Mai war ich mal wieder auf dem Jakobsweg unterwegs. Ein Stück Weg ging ich gemeinsam mit einer Frau, so unterhielten wir uns. Sie war das erste Mal auf dem Camino und wollte, nachdem sie schon so viel von Bekannten über den Jakobsweg gehört hatte, sich ein eigenes Bild davon machen und dem, wie sie es nannte, „Geist des Caminos“ auf die Spur kommen.

Auf meine Frage, ob es ihr schon gelungen sei, sagte sie, dass ihr einige Aspekte durchaus aufgefallen waren. Einer davon sei sicherlich die spezielle Art von Gemeinschaft, die auf dem Jakobsweg vorherrscht, sowie die Offenheit, durch die sie sich auszeichne.

Gemeinschaft meinte sie dabei durchaus im mehrfachen Sinn: Einerseits natürlich im Sinn einer großen Kollegialität: Man  hilft sich und unterstützt sich, sei es mit ganz praktischen Dingen, dass man sich gegenseitig Dinge (z. B. Lebensmittel hinterlässt), die man nicht mehr benötigt, tauscht sich aber auch über ganz praktische Dinge aus, wie Unterkunfts-Empfehlungen oder die Art, am besten seinen Rucksack zu tragen.
Zum anderen ist die Pilger-Gemeinschaft sicherlich auch eine Art Schicksalsgemeinschaft: Man hat ja den gleichen Weg und dasselbe Ziel.

Was das Thema Offenheit betrifft, gibt es auf dem Pilgerweg überdurchschnittlich häufig die Gelegenheit für besonders tiefe Begegnungen und Gespräche, die fast schon intimen Charakter haben. Dabei meine ich intim natürlich nicht im sexuellen Sinn, wobei auch das sicher vorkommt, sondern eher in dem Sinn, dass man durch das Teilen von sehr engem Raum (auch im übertragenen Sinn) – sei es in der Pilgerherbergen oder auf einem Stück Weg – aber auch durch das Mit-Teilen von teilweise sehr persönlichen Geschichten oder Begebenheiten sehr viel von anderen Menschen erfährt. Zumindest gemessen an der kurzen Zeit, die man einander kennt (diese wird ja meist eher in Stunden oder Tagen ausgedrückt als in Monaten oder Jahren, wie im „normalen“ Leben).
Mir zumindest ist es in meinem Alltag noch nicht passiert, dass mir jemand Fremdes oder ein Mensch, den ich das erste Mal eher zufällig in einem Lokal treffe, sofort seine halbe Lebensgeschichte erzählt oder mir Einblick in die Tiefen seines Seelenlebens gewährt. Wie z. B. mit welchen Päckchen ihn oder sie das Schicksal oder Leben beschenkt hat. Im Gegenteil, das dauert sogar im therapeutischen Kontext manchmal länger!

Wieso ist das so? Wieso begegnen wir zu Hause anderen Menschen anders und zeigen uns weniger offen und verletzlich?

Nun, vielleicht ist das (neben anderen Dingen) eines jener Geheimnisse des Caminos, die sich dem Menschen nicht sofort bis gar nicht offenbaren. Sozusagen, „der Geist des Caminos“. Das Numinose, „das ewig Geheimnisvolle“. So wie auch das Göttliche niemals vom Menschen vollständig erfasst werden kann…. Das, nach dem am Ende immer eine tiefe große Sehnsucht bleibt.

Geheimnis-umwobene Grüsse und
Alles Gute auf dem Weg wünscht

Christina Bolte

Advertisements

Eindrücke vom Camino (2): Mit dem Finger auf der Landkarte

29 Jul

Diesen Beitrag hielt ich (so oder so ähnlich) in freier Rede am 29.07.2015 bei den ToastMastern, Speakers Corner in München:

Reisen ist schön. Deshalb tue ich es auch sehr gerne. Gerade komme ich zurück von meiner Tour mit dem Fahrrad auf dem – wie sollte es bei mir anders sein? – Jakobsweg. Und zwar dem Streckenabschnitt von München bis an den Bodensee. Wir sind direkt von der Haustür aus weggeradelt!

Ich muss sagen, für mich ist Reisen immer doppelt schön, denn die Reise beginnt bei mir schon mit der Vorbereitung. Vor allem bei Wander- oder Radtouren wird der Urlaub geradezu minutiös ausgeplant. Wie viele Kilometer, wo wird übernachtet, und so weiter. Kennt ihr das? Macht das von Euch auch jemand so? Wem von Euch geht es ähnlich?

Dann könnt ihr ja gut nachvollziehen, wieviel Freude – vor allem Vor-Freude – es macht, sich die Höhenprofile anzuschauen sowie die Etappenbeschreibung und die der Zielorte durchzulesen. Fast ist es, als wäre man schon unterwegs und auch schon fast am Ziel.

 

Dennoch war beim Reisen selbst, beim Radfahren dann alles anders. Denn in keinem Reiseführer steht, wie es sich anfühlt, stundenlang das Gewicht seines Rucksacks auf den Schultern zu spüren. Oder wie extra-anstrengend es ist, bei über 35 Grad in praller Sonne zu fahren. Zwar war die enorme Hitze nicht wirklich überraschend, weil das Wetter ja entsprechend vorher gesagt war. Dennoch war es einfach wunderbar, bei der Affenhitze den kühlen Fahrtwind auf der Haut zu spüren, das kann einem keine Planung ermöglichen.

Aber: Beim Reisen selbst war dann auch alles anders als in der Theorie, weil auf keiner Landkarte eingezeichnet war, an welchen Streckenabschnitten das Zwitschern der Vögel oder das Muhen der Kühe zu hören war. Könnt ihr es hören?

Und die Gerüche erst, auch die waren nirgendwo verzeichnet. Aber dennoch: ein Traum! Ich liebe es einfach, wenn es nach Sommer riecht! Nach frisch gemähtem Heu an einem Ort, oder ein paar Kilometer weiter im Wald, wo es so schön nach frisch geschlagenem Holz roch.

Letztendlich ist es aber mit dem Reisen wie mit allem im Leben, egal ob es berufliche Projekte oder Ziele sind oder private: Man wird niemals dort hinkommen, indem man davon träumt oder es plant, so lange man sich nicht auf den Weg macht.

Eindrücke vom Camino (2)

22 Jun

Zusammen unterwegs auf dem Weg des Lebens.

Vogelgezwitscher, Blumenduft.
Mal schweigend, mal lachend.
Regentropfen im Gesicht oder Sonnenschein.
Stehen bleiben, sich umarmen.
Gedanken teilen, und Erlebnisse.
So geht es weiter, bis zum Ende der Welt. Und zurück.

Getragen – von den Füßen, den eigenen.
Und der tiefen Verbundenheit, zu Dir.
In tiefer Dankbarkeit – bin ich. Angekommen.
Spüre das Leben! JETZT!

Eindrücke vom Camino (1)

18 Jun

Zu Fuß unterwegs auf dem Weg des Lebens,
die Langsamkeit des Gehens genießend.
Ich nehme mit all meinen Sinnen wahr:

Höre das Vogelgezwitscher und das Plätschern des Baches
trotz der Geräusche der Autos auf der Landstrasse neben mir.
Hin und wieder gackern die Hühner.

Spüre die Sonne und den Hauch des Windes auf meiner Haut,
oder gestern auch den Regen.
Auch spüre ich die Anspannung in meinen Muskeln von den
noch ungewohnten Bewegungen und den Schmerz in meiner Achilles-Ferse.

Ich sehe die bunten Blumen am Wegesrand und
die weissen Wolken am blauen Himmel über mir.
Auch die verfallenen oder zum Verkauf stehenden
Häuser in den Ortschaften am Wegesrand sind kaum zu übersehen.
Die gelben Pfeile weisen mir den Weg.

Ich nasche ein paar Walderdbeeren vom Wegesrand,
deren süßer Geschmack hallt noch lange auf meiner Zunge nach.
Die Klarheit des Wassers erfrische meine Kehle.
Ich genieße die teilweise mir fremden Gewürze,
die meine Mahlzeit zu einem Hochgenuß für den Gaumen werden lassen.

Trotzdem, dass der Bauer gerade sein Feld gedüngt hat,
duftet es aus der Bäckerein im Ort nach Frischgebackenem und Kaffee.
Zeit für eine Pause.

Jede meiner Zellen jubiliert:
Ich BIN! Ich LEBE! JETZT!

Pilgern – damals und heute: Wie das Internet das Pilgern verändert

4 Aug

Dies ist der vollständige Text zu meiner Podcast-Episode 072 (da dieser auf der entsprechenden Webseite www.weg-zurueck-ins-leben.de nur teilweise ausgeschrieben ist.)

Pilgern – damals und heute

Dieses Jahr habe ich Jubiläum! Denn dieses Jahr ist es zehn Jahre her, seit ich das erste Mal auf dem Jakobsweg unterwegs war.

Zwar bin ich damit sicher kein Pionier und zehn Jahre sind auch sicherlich noch kein Zeitraum, bei dem es gerechtfertigt scheint, einen „Damals-und-Heute-Vergleich“ zu ziehen.
Dennoch denke ich jedes Mal, wenn ich in den letzten Jahren mal wieder auf einem der verschiedenen spanischen Wege unterwegs war, an meinen ersten Camino zurück und daran, wie sich seitdem nicht nur in der Welt, sondern auch auf dem Camino einiges verändert hat. Meine Gedanken dazu möchte ich gerne mit Dir teilen.

Folgendes sind die 3 Veränderungen, die mir am meisten auffallen:

  1. Das Pilgern auf dem Jakobsweg erfreut sich steigender Beliebtheit, deshalb sind zunächst einmal die gestiegenen Pilgerzahlen das Augenscheinlichste:
    Seit 2006 hat – Hape Kerkeling sei Dank – ist die Zahl der in Santiago de Compostela ankommenden Pilger sprunghaft angestiegen[1]. Auch ich bin einer von denen, die sich bald nach der Lektüre seines Buch „Ich bin dann mal weg“ auf den Weg machten.
    Während 2007 „nur“ etwas über 114 Tsd. Pilger in Santiago registriert wurden, waren es 2016 mit knapp 278.000 Pilgern bereits fast 2,5 Mal soviele.
    Nach wie vor kommt die überwiegende Mehrheit der Pilger aus Spanien, aber während Deutschland 2007 noch auf dem 2. Platz rangierte, kamen 2016 mehr Pilger aus Italien als aus Deutschland.
    Während aber 2007 etwa 80% der Pilger auf dem Französichen Weg unterwegs waren, waren es 2016 nur noch 63 % – absolut gesehen waren es aber immer noch beinahe doppelt soviele! Kein Wunder, dass viele Pilger inzwischen – um dem ganzen „Rummel“ zu entgehen – auf die Nebenstrecken ausgewichen sind. So rangiert der Camino Portugues mittlerweile mit 18 % auf Platz 2 der Beliebtheitsskala (zurecht übrigens, wie ich finde, ich mag ihn auch sehr).Aber auch wenn Du es lieber einsam beim Pilgern magst, gibt es noch genügend Möglichkeiten für Dich, z. B. auf dem (kurzen) Camino Inglés oder der (sehr langen) Via de la Plata.Dementsprechend hat natürlich in den letzten Jahren auch die Anzahl der zur Verfügung stehenden Unterkünfte rasant zugenommen – sowohl die der „offiziellen“ wie auch die der privaten Pilgerherbergen. Zum Glück!
  2. Damit sehr eng zusammen hängt dann der zweite große Unterschied, der mir ins Auge fällt: Das Internet hat auch vor dem Jakobsweg nicht Halt gemacht. Wieso sollte es auch, er ist ja nicht aus dieser Welt…
    2007 traf ich auf dem Camino eine ziemlich große Anzahl von Menschen, die mir berichteten, sie hätten ihr Mobiltelefon ganz zu unterst in ihren Rucksack gesteckt und mir rieten, ich solle das doch auch tun. Damals war ich von dem Vorschlag nicht so begeistert, wie ich in einer Anekdote in meinem Buch Burnout – Vom Jakobsweg zurück ins Leben beschrieben habe.
    Den Jakobsweg als bewußte Auszeit vom Alltag zuhause zu nutzen und den gegenwärtigen Moment bewußt und mit allen Sinnen wahrzunehmen und zu genießen war mir in meiner damaligen Situation, als ich lieber mit den Gedanken schon zehn Schritte im Voraus war, noch nicht möglich. Heute wünsche ich mir mehr solche Momente, denn ich habe gemerkt, dass ich damals nie wirklich irgendwo wirklich „angekommen“ bin.
    Heute erscheint mir ein solcher Rat, wie ich ihn damals erhielt, allerdings undenkbar! Nicht nur ist das Vorhandensein von WLan und Computer mittlerweile für viele Menschen ein Auswahlkriterium für Cafés, Restaurants und Unterkünfte geworden – auch auf die Bewertungen in verschiedenen Portalen wird zunehmend geachtet. Darüber hinaus ist es heute gang und gäbe, vorab in manchen Unterkünften Zimmer bzw. Betten zu reservieren. Auch ich muss gestehen, dass ich mich im April – es war völlig überlaufen in der Karwoche! – auf dem Camino Inglés in einem Ort einen Tag vor Santiago ohne öffentliche Herberge von einigen Pilgerkollegen habe kirre machen lassen. Als ich ihm auf seine Frage, in welcher Unterkunft ich übernachten würde, antwortete: „Keine Ahnung, werde ich dann schon sehen“, schaute er mich entgeistert an und meinte, ich müsse unbedingt irgendwas reservieren, weil manche Herbergen schon seit Tagen ausgebucht seien. Nun ja, wie sich herausstellte, war es für mich als Einzelreisende kein Problem, aber in Gruppen ab 2-3 Personen schon nicht mehr so einfach…
    Vor 10 Jahren habe ich das deutlich anders erlebt. Zum einen steckten diverse Bewertungs-portale noch in den Kinderschuhen, so dass man sich wenn es überhaupt eine Auswahl gab, eher an der Auswahl im Reiseführer orientierte. Oder man freute sich auf das, was kam und nahm es wie es war. Wenn auch manchmal nur mit Murren. Wenn es einen öffentlichen Computer gab, musste man (wie bei den Duschen auch) früh dran sein – oder halt etwas warten, wenn man in Kontakt mit „der Welt da draußen“ bleiben wollte.
  3.  Als ich letztes Jahr oder Ostern dieses Jahr Pilgern war, traf ich etliche Menschen, die ihr Handy als Navigationsgerät benutzten. Was mich persönlich ziemlich belustigt hat, denn an den meisten Stellen ist ja der Weg recht gut mit gelben Pfeilen und/oder Muschel-Schildern markiert, die auch recht gut zu sehen sind, wenn man mit einigermaßen offenen Augen durch die Gegend läuft. Alternativ kann man ja meistens auch noch jemanden fragen, das hat den Vorteil, das man vielleicht mit netten Menschen in Kontakt kommt und ein schönes Gespräch führen kann. So hatte ich mitunter den Eindruck, dass manch ein Pilger vor lauter Selfies, Navi und Facebook gucken genau das verpasst hat, was sich ihm unterwegs an schönen Augenblicken und Gesprächen so geboten hat: Das Leben & die Gegenwart.
    An einem Tag hab ich mich sogar in Santiago eine Weile auf einen Platz in der Nähe der Kathedrale und Leute beobachtet. An mir vorbei führte die „Schlussetappe“ des Jakobsweges – nur noch 100 m trennte die einlaufenden Pilger vom Kilometer Null auf der Plaza de Obradoiro.
    Eine Frau, ich glaub sie war Japanerin, war so damit beschäftigt, den Moment ihres Einlaufens per Selfie-Video festzuhalten und dabei einen guten Eindruck zu machen, dass sie sich vermutlich später an das bunte Treiben oder ihr Gefühle nicht mehr erinnern wird. Denn die werden auf dem Video mit Sicherheit nicht zu sehen sein.

Natürlich kann und soll jeder für sich entscheiden, ob und in welchem Umfang er Handy & Internet auf seinem Pilgerweg nutzen möchte. Manchmal, v.a. in Notsituationen, sind Mobiltelefone ja auch lebensrettend. In vielen Situationen aber eben auch nicht.
So finde ich, dass eine Pilgerwanderung auch eine gute Gelegenheit sein kann, sein Alltags- und Konsumverhalten durch eine bewusste Unterbrechung mal einer kritischen Beobachtung zu unterziehen.

Abschließend möchte ich noch ergänzend, dass es sich hierbei nicht um eine Wertung, sondern lediglich um meine persönlichen Beobachtungen und Reflexionen handelt. Es gibt nichts auf dieser Welt, auch nicht das Internet, das nur Vor- oder nur Nachteile hat.

Wie bist Du auf dem Jakobsweg unterwegs (gewesen) – und wie gehst Du durch Dein Leben?

So finde ich es besonders spannend zu schauen, ob Du bestimmte Parallelen findest, wenn Du Dich dieser Frage widmest – oder eben genau das Gegenteil findest.  Noch interessanter finde ich die Frage, ob Du mit dem, was Du unterwegs erlebst, glücklich bist.
Wenn ja, wunderbar. Wenn nein – ist das evtl. eine gute Gelegenheit, eine kleine Veränderung auf Deinem Weg vorzunehmen.

Nun freue ich mich mit dieser Frage auf eine angeregte Diskussion zu dem Thema!

 

 

[1] Alle in diesem Absatz genannten Daten siehe: http://www.pilgern.ch/jakobsweg/statistik.htm,
auf Basis der Daten des Pilgerbüros in Santiago von 2013, S. 2 & 7

Auf in den täglichen Kampf?

15 Jan

Es gab einmal eine Zeit vor einigen Jahren, da empfand ich mein Leben als täglichen Kampf. Ich befand mich in einem beruflichen Umfeld, das sehr männerdominiert war und in dem deshalb ein recht rauer Umgangston herrschte.
Um „meinen Mann zu stehen“ reihte ich mich ein in die Gepflogenheiten: „Wichtiges“ und richtiges Outfit waren Kostüm und Jackett. Im täglichen Umgang galt: Bloß keine Schwäche zeigen, und Gefühle schon mal gleich erst recht nicht. Wenn man mit jemandem gut konnte, durfte man auch schon mal den einen oder anderen (bestenfalls nur) blöden oder ironischen, schlechtestenfalls auch zynischen Spruch austauschen.

Etliche Jahre hat mir das sogar auch Spass gemacht, mich täglich neuen Herausforderungen zu stellen, und durch die jahrelange Übung war ich auch gar nicht mal so schlecht, denke ich. Aber irgendwann war es mir zu anstrengend.

Denn es war etwas passiert, was mich völlig aus dem Konzept brachte: Ich „verirrte“ mich auf den Jakobsweg. Natürlich verirrte ich mich nicht wirklich, denn ich entschied mich – nach der Lektüre von HaPe Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ – schon recht bewußt dafür – allerdings ohne eine genaue Vorstellung davon zu haben, worauf ich mich einlassen. Und das war – der Weg.

Auf dem Jakobsweg begegneten mir viele Menschen, die so ganz anders „drauf“ waren als ich. Nicht nur vom beruflichen oder sozialen Hintergrund sondern auch mental, von ihrer Einstellung her. Aber darum soll es hier und heute auch gar nicht gehen, denn darüber habe ich ausführlich in meinem Buch „Burnout – Vom Jakobsweg zurück ins Leben“ geschrieben.

Was die vielen Begegnungen auf dem Jakobsweg allerdings völlig von meinem damaligen Alltag unterschieden, war die unglaubliche „Tiefe“ der Gespräche, die sich mir innerhalb unglaublich kurzer Zeit offenbarte. Was meine ich mit Tiefe? Nun, die Menschen unterwegs (zumindest die wenigsten) waren innerhalb von sehr kurzer Zeit in der Lage, sehr persönliche Dinge von sich preis zu geben, erzählten über Schicksalsschläge, Krankheiten und andere schwierige Situationen, mit denen sie sich gerade im Leben konfrontiert sahen und die sie veranlasst hatten, sich auf den Weg zu machen. So hatte auch ich die Möglichkeit, mich zu ohne meine gewohnte Maske (man könnte auch sagen: Rüstung) zu zeigen, ich selbst zu sein. Erstmals ließ ich es auch zu, dass sich (meine) tief vergrabene(n) Gefühle zeigen konnten – und merkte, wie wohltuend und erleichternd es war, keine „Rolle“ mehr zu spielen.

Doch dann war meine Reise wieder zu Ende, und ich ging wieder an meinen alten Arbeitsplatz zurück. Naturgemäß fand ich es sehr befremdlich, mich auf einmal wieder in das altbekannte „Korsett“ einzustellen – zumindest empfand ich die oben geschilderten Gepflogenheiten nun als solche. Es war, als ob ich – nachdem ich eine Weile die Leichtigkeit und Flexibilität eines Lebens ohne Ritterrüstung genossen hatte – dieses sperrige und vor allem starre Konstrukt wieder anlegen musste, um in der nächsten Schlacht bestehen zu können. Falls nicht, befürchtete ich zumindest, ähnlich einem heranwachsenden Krebs, der für kurze Zeit seine Hülle ablegt und die kurze Zeit, bis die neue Hülle sich gefestigt hat, nun weitestgehend nackt und verletzlich da zu stehen.

Zwar verhielt ich mich im Großen und Ganzen konform zu den oben geschilderten Gewohnheiten, die nun nicht mehr so ganz die meinen war, vor allem in größeren Runden und Besprechungen. Denn zumindest der Dresscode war nun etwas, was mir wenig innere Konflikte bereitete.
Aber in der weiteren Zeit an dieser Arbeitsstelle (es waren noch einige Jahre, bis mir die Hülle endgültig zu eng wurde) machte ich zu meiner Überraschung einige Entdeckungen. Ich nannte diese übrigens auch „Feldversuche“:

Gelegentlich hatte ich auch Arbeitsgespräche mit einigen Kollegen zu zweit, und in solchen Runden traute ich mich dann immer öfter, mein „Visier“ zu öffnen und mich nicht als Stelleninhaber meiner beruflichen Position (Controller, wer mag die schon?) sondern als Mensch zu zeigen. Soll ich Ihnen etwas sagen, es ist nicht ein einziges Mal ausgenutzt worden! Im Gegenteil, sehr oft wurde meine Offenheit zu meiner Überraschung sogar auch erwidert.

Ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist mir eine Situation, als ich mit einem Kollegen bei einem Kaffee ein Gespräch führte. Eigentlich hatte ich mich gar nicht so auf das Gespräch gefreut, im Gegenteil, ich hatte eher mit einem mulmigen Gefühl zugesagt, denn ich hatte den Kollegen bisher eher als „schwierig“ in diversen größeren Runden wahrgenommen. Damals (und das tue ich auch heute sehr häufig noch) trug ich einen relativ großen Schmuckstein als Anhänger um den Hals. Können Sie sich vorstellen, wie blöd ich geschaut hatte, als eben dieser scheinbar so schwierige Kollege relativ zum Ende unseres Gesprächs einen Hämatit aus der Hosentasche zog und mir sagte, dass dies sein Glücksstein wäre, den er immer für schwierige Situationen dabei hätte?

Nun denn – damals gelangte ich zu der Erkenntnis, die ich auch heute noch vertrete: Wenn Dir etwas nicht gefällt, ist es an Dir dies zu ändern. DU bist der- oder diejenige, die den ersten Schritt dazu tun muss. DU bist der- oder diejenige, der/die zuerst sein Visier hochklappen muss.
Natürlich nicht immer und vor allem nicht in jeder Situation – aber immer öfter.

Ich jedenfalls habe es – trotz allem, dass ich mich im Großen und Ganzen nicht mehr wohlgefühlt habe in dieser Unternehmenskultur – als sehr bereichernd wahrgenommen, die teilweise langjährigen Arbeitskollegen auf einer neuen Ebene kennenzulernen und so in meinem kleinen Mikrokosmos eine andere (Arbeits-)Atmosphäre zu schaffen.
Heute habe ich mir – auch unabhängig vom Camino – viele tiefsinnige Begegnungsmöglichkeiten in meinem Alltag geschaffen, auch im beruflichen Umfeld. Nicht nur dadurch finde ich meinen neuen Alltag um ein Vielfaches bereichernder als den damaligen.

Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie in Ihrem Leben und in Ihrem Umfeld einen Unterschied machen können. Versuchen Sie es, es lohnt sich!

Ihre Christina Bolte

Ach ja, wenn auch Sie Ihr Leben als täglichen Kampf empfinden – dann ist der/die KURS „Veränderung“ das richtige für Sie. Sie erhalten Hilfsmittel und Werkzeuge an die Hand und üben auch deren Gebrauch, damit Sie sich im Alltag besser schlagen können.
Aktuell beginnt wieder ein neuer Kurs, aber auch laufend ist ein Einstieg möglich.

Pilger Dich reich!

10 Feb

Diesen Beitrag hielt ich (so oder so ähnlich) in freier Rede am 09.02.2015 bei den ToastMastern, Speakers Corner in München:

Viele Menschen, denen ich vom Pilgern erzähle, fragen mich immer: Warum tust Du Dir das an, tage- und wochenlang durch die Hitze zu laufen, sich Wind und Wetter auszusetzen, permanent sein Zeug durch die Gegend zu schleppen, Blasen an den Füssen zu bekommen, um dann in Herbergen mit Hunderten von anderen Menschen zusammen eingepfercht in einen Schlafsaal zu verbringen, mit Sanitärbereichen in dubiosen Zuständen?

So unglaubwürdig es auch klingen mag, genau deswegen tue ich es mir an: um tage- und wochenlang durch die Gegend zu laufen und Blasen an den Füssen zu bekommen. Das ist zwar manchmal ziemlich ätzend und auch mitunter schmerzhaft, aber trotz allem Tag um Tag, Kilometer um Kilometer weiter zu laufen, laufen zu können! – macht mich ehrlich gesagt dankbar.

Dankbar für die Leistungsfähigkeit und Ausdauer meiner Beine und Füße, die mich Tag um Tag, Schritt für Schritt auch durch meinen Alltag tragen, und das, obwohl ich sie nicht immer gut behandele. Ist das etwa kein Wunder? Auf dem Jakobsweg wird mir bewusst, wieviel mein Körper und auch meine Organe für mich leisten – und wie dankbar ich ihnen dafür sein kann. Danke Körper!

Und genau deshalb, tue ich es mir auch an, mich dabei Wind und Wetter auszusetzen. Ich bin hautnah mit der Natur in Verbindung – und allen ihren Kräften: Mit der Sonne, und auch mit dem Regen. Klar ist das nervig, vor allem wenn das Wetter nun schon zum dritten Mal von Sonnenschein auf Regen wechselt, was jedes Mal damit verbunden ist, den Rucksack abzusetzen und seine Jacke aus und wieder anzuziehen. Für mich ist es der Wahnsinn, ein riesiges Feld voller Mohnblumen zu bestaunen oder den Morgentau, der dir Pflanzen oder auch Spinnennetze am Wegrand benetzt. Jedes Mal, wenn ich am Himmel einen Regenbogen entdecke, frage ich mich von Neuem, ob es wohl tatsächlich schon mal jemandem gelungen ist, den Topf mit Gold an dessen Ende zu finden.

Letztendlich sind es nämlich nicht die vielen Kilometer, Kirchen oder Herbergen, die das Pilgern so erinnernswert machen, sondern die Vielzahl an schönen Momenten, die Erinnerungen, die Emotionen, der Duft nach frisch gemähtem Gras, die herzzerreißenden galizischen Melodien und vor allem die Gespräche mit anderen Pilgern, die das Herz berühren.

Es sind die vielen kleinen, scheinbar normalen Dinge, die das Herz erblühen lassen und das Pilgern so besonders machen: Eine warme Dusche, saubere Kleidung, ein Getränk nach längerer Durststrecke – die Tatsache, dass man morgens nicht lange überlegen muss, welches seiner 3 Trikots man anzieht oder auch nur ein Nachlassen Deiner Schmerzen.

Dankbarkeit zu üben, nicht nur auf dem Camino, sondern auch im Alltag, verstärkt das Bewusstsein für all die kleinen und großen Geschenke, den Reichtum und die Freuden in Deinem Leben. Deshalb möchte ich Euch einladen: Pilgert euch reich, Ende April mit mir auf dem Tiroler Jakobsweg – weitere Details gibt es hier!

Was Arbeitsteilung mit dem Jakobsweg zu tun hat

17 Feb

Wie ich bereits in dem einen oder anderen Beitrag durchblicken liess, bin ich ein begeisterter Anhänger des Jakobsweges (um nicht zu sagen, der Pilger-Virus hat mich erwischt…)
Bereits bei meiner ersten Jakobsweg-Erfahrung 2007, bei der ich mit dem Fahrrad unterwegs war, aber noch viel mehr bei meinem späteren Pilgerwegen zu Fuß fiel mir auf, wie unterschiedlich die Wegmarkierungen angebracht waren.

Jakobsmuschelsymbol

By Waldschmidt (Own work), via Wikimedia Commons

Diese bestehen üblicherweise, mit Ausnahme von handgemalten oder künstlerisch gestalteten Exemplaren, aus stilisierten Muschel-Symbolen wie beispielsweise dieser sogenannten „Euro-Muschel“, die bis auf lokale Ausnahmen sogar quasi international vereinheitlicht ist. Darüber hinaus weisen den Pilgerinnen und Pilgern insbesondere auch in Spanien noch gelbe Pfeile den Weg, die auf Straßen, Laternen-Masten oder Wände gemalt sind.

Vor allem diese Pfeile waren es, die mir nicht nur über hunderte von Kilometern wortwörtlich den Weg wiesen, sondern mich auch gedanklich begleiteten. Denn zwar waren die Pfeile, sofern sie nicht von parkenden Autos oder Bauarbeiten verdeckt wurden, alle gelb und somit auch bei regennassem Untergrund gut als solche zu erkennen. Jedoch variierten sie in der Sorgfalt, mit der sie aufgemalt schienen – mal sorgfältig und mit viel Liebe zum Detail bis in die letzte Ecke oder Pfeilspitze ausgefüllt, mal eher lieblos und nur wie „flüchtig hingehuscht“.

So ist es nicht verwunderlich, wenn Menschen wie mir, mit jahrzehntelanger betriebs-wirtschaftlicher oder industrieller Prägung, sich die Frage aufdrängte, ob es immer die gleiche Person war, die diese Pfeile an deren Ort und Stelle gemalt hatte oder ob es verschiedene Menschen waren, die immer nur in der Nähe ihres Wohn- bzw. Arbeitsortes ein paar Pfeile angebracht hatten.

Da ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass irgendein armer Pilger zusätzlich zu seinem normalen Pilgergepäck über mehrere Hundert Kilometer auch noch einen 10kg-Eimer mit gelber Farbe mit sich auf dem Camino herumträgt, oder sich eine Gruppe von Pilgern zu diesem Zwecke abwechselt, nur um diese Wegmarkierungen zu machen und dabei zwischen- durch immer wieder in irgendwelche textlichen Wegbeschreibungen zu schauen, die mit ziemlicher Sicherheit vorliegen, halte ich eher die zweite genannte Alternative für plausibel. Außerdem würden sicherlich auch rein betriebswirtschaftliche Gründe für diese sprechen. Was auch die Verschiedenartigkeit und gelegentliche Lieblosigkeit der Pfeile erklären würde.

Immerhin würde die letzte Variante ja bedeuten, dass diese verschiedenen Menschen, die vermutlich noch nie gepilgert waren, immer nur den Auftrag hatten, eine handvoll Pfeile in einem begrenzten Umkreis zu malen und so nie den Gesamtkontext ihrer Arbeit kennenlernten oder die Bedeutung für andere (in diesem Fall: die Pilger) erfuhren. Wenn ich den Auftrag bekäme, „irgendwelche“ Pfeile auf irgendwelche Flächen zu malen ohne dass ich deren Sinn und Zweck wüßte, ich hielte es für einen besseren Scherz – selbst wenn ich dafür bezahlt würde.

Sicherlich hätte es geholfen, wenn die beauftragten Arbeiter bereits selbst einmal gepilgert waren, denn dann hätten sie ein Gespür für „das Große und Ganze“ oder die Wichtigkeit ihrer Arbeit entwickelt. Wie auch einige Wirtsleute, deren Herbergen oder Restaurants quasi am Weg lagen, die Bedürfnisse ihrer Kunden viel besser kannten, wenn sie bereits selbst einmal gepilgert waren, und dadurch im Allgemeinen eine spürbar deutlichere Service-Orientierung aufwiesen…

Möglicherweise denken Sie nun, was das denn für Luxus-Probleme sind, über die ich heute schreibe. Ja, möglicherweise haben Sie damit auch in gewisser Hinsicht recht. Aber sind das nicht genau solche Luxus-Probleme oder diejenigen Gedanken, die man sich über andere macht, wenn man stundenlang mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Gegend läuft – ohne Telefon oder Musik auf den Ohren zu haben. Oder Gedanken, die uns manchmal auch in Bezug auf unsere eigene Arbeit kommen? Was genau ist denn überhaupt der Beitrag meiner eigenen „kleinen Arbeitsaufgabe“ fürs Große und Ganze? Und ergibt diese einen Sinn, der länger überlebt als nur die nächsten zwei bis drei Wochen?

Dieses Gefühl von Kohärenz, Sinn und Selbstwirksamkeit wiederum trägt – wie A. Antonovsky, der „Vater der Salutogenese“ feststellte – zur Förderung der Gesundheit bei und steigert die Resilienz, also die Widerstandskraft des Menschen im Umgang mit Krisen.

Und so gesehen ist für Menschen, die sich noch nie über so scheinbar sinn-lose Frage-stellungen Gedanken gemacht haben, auch das Pilgern selbst ein Luxus-Problem, das viel Kopfschütteln erzeugt. Oder warum sonst sollte man mit begrenztem aber dennoch auf Dauer schwerem Gepäck wochenlang durch die Gegend laufen, wenn es doch viel bequemere Transportmittel gibt um von A nach B zu kommen? Warum sonst sollte man es sich antun, mit Horden an schnarchenden Menschen in einfachen Herbergen zu übernachten oder mit Dutzenden von stark riechenden Menschen vor den sanitären Einrichtungen warten, wenn man zu Hause ein deutlich komfortableres Heim hat?

Ganz einfach, weil die Wege da sind. Oder wie ich in einem (ziemlich langen) Gedicht von Roland Jourdan (2002) im Internet fand, das ich hier deshalb nur ausschnittsweise zitieren möchte:
„Pilgern ist Leben auf dem Standstreifen.
Keine Hetze. Kein Getrieben-Sein von Terminkalender und Telefon.
Nicht auf der Überholspur.
[…]
Leben auf dem Standstreifen.
Pilgern bedeutet, sich für Dinge um sich herum Zeit nehmen.
Beobachten und Bewahren.
Die Landschaften in sich aufsaugen.
Sich einer Blüte am Wegesrand mit Ehrfurcht nähern.
Den Bildern auf dem Portal einer Kirche nachgehen.
Pilgern ist Wahrnehmen alles dessen, was um mich herum ist.
Sich Zeit-Nehmen für das Schöne in unserer Welt.“

Und das alles sind „Dinge“, die uns Kraft geben, die uns in Verbindung bringen – mit uns selbst und mit unserer Umwelt – und die dem Leben einen schöneren Geschmack geben. Wie die Gewürze in einer Suppe.

In diesem Sinne: Genießen Sie auch mal die seltenen Gewürze, das Schöne und die stillen Momente – denn sie geben uns Sinn.

Ich wünsche Ihnen allzeiteinen guten Weg! Ultreya!

Ihre Christina Bolte

Schwimmen gegen den Strom (3)

4 Nov

In meinen letzten bzw. vorletzten Beiträgen erwähnte ich, dass ich den Jakobsweg entgegen der „normalen“ Richtung gegangen bin.

Was logischerweise nicht immer ganz einfach war, denn die Markierungen mit gelben Pfeilen oder Muschel-Symbolen führen halt nach Santiago (bzw. von dort nach Finisterre) und sind ohnehin schon häufig genug durch Bauarbeiten oder parkende Autos nicht erkennbar.
Die gelegentlichen blauen Pfeile, die normalerweise den Pilgerweg entlang bzw. entgegengesetzt dem portugiesischen Jakobsweg nach Fatima markieren, waren – zumindest im spanischen Teil – deutlich spärlicher gesät als ich mir das so im Vorwege überlegt hatte. Abgesehen davon, dass blaue Pfeile auf regennassem Untergrund, bei Nebel oder in der Dämmerung eben doch deutlich schlechter zu erkennen sind, als gelbe…

Und so kam es auch das eine oder andere Mal, dass ich mich verlief. Mal „nur“ ein bisschen parallel zum eigentlichen Weg, aber einmal lief ich sogar auch völlig daneben. Das kommt davon, wenn man blindlings einfach hinläuft, wo man andere herkommen sieht, ohne auf die Wegmarkierungen zu achten (zum Glück schickte mich ein LKW-Fahrer nicht allzu viel später wieder in die richtige Richtung).
Ja und einmal war es mir auch tatsächlich nicht möglich herauszufinden, aus welchem Weg an einer Kreuzung man optimalerweise hätte kommen müssen um den gelben Pfeil ideal sehen zu können (das war nämlich meistens mit Rätselraten oder detektivischer Kombinatorik verbunden). Und so marschierte ich dann auch – weil ich zu faul war in der Hitze den ganzen Weg zurückzulatschen – als Abkürzung durch ein Maisfeld. Das hatte echt was von Dschungel, sag ich Ihnen!
Noch eine Weile später fand ich mich auf einer Strassenkreuzung einer größeren Strasse wieder, ohne Ortsschilder, keine Wegmarkierungen weit und breit (außer einem Strassenschild, welches mir sagte, dass in 14 Kilometer Entfernung ein EU-gesponsorter Windpark war). Was glauben Sie, wie froh ich war, als ich nach einer kleinen, kreativen Pause, in der mich meine verbliebenen Essens- und Wasservorräte verinnerlichte, in gut 400 Metern Entfernung einige Pilger über eben diese größere Strasse laufen sah! Da war er wieder, mein Weg – er hatte mich wieder gefunden…

Erwähnenswert war übrigens auch noch die junge Dame beim Pilgerbüro in Santiago, zu deren Aufgaben es normalerweise gehört, den Pilgern, die die entsprechenden Voraussetzungen erfüllen, ihre Pilgerurkunde auszustellen. Da die „entsprechenden Voraussetzungen“ sind, dass man entweder 100 Kilometer zu Fuß (oder 200 Kilometer mit dem Fahrrad) ohne motorisierte Unterstützung zurückgelegt haben muss, war mir schon fast klar, dass ich – nachdem ich im „nur“ neunzig Kilometer entfernten Finisterre gestartet war – wohl nur mit viel gutem Willen oder eher gar keine Urkunde bekommen würde.
Nachdem sie jedenfalls sah, wo mein Ausgangsort war, war sie sehr bemüht – dabei stand in ihrem Gesicht eine ziemlich deutliche Hilflosigkeit – mir wortreich auf Spanisch beizubringen, dass ich aufgrund dessen leider keine Urkunde bekommen könne (mein Spanisch ist zwar ganz ok, aber nicht so gut…). Nach einer – für uns beide gefühlt – langen Zeit weiterer Erklärungs-versuche (mittlerweile auf Englisch) sagte ich dann, ich wüsste, dass ich 10 Kilometer zu wenig auf dem Papier hätte für eine Urkunde, aber ich hätte ja auch schon zwei Stück zu Hause und wenn sie mir einfach nur einen Stempel in meinen Pilgerpass geben würde, würde ich auch schon wieder gehen. Was ich zu ihrer sichtlichen Erleichterung auch tat…

Und so pilgerte ich nach einer zweitägigen Ruhepause weiter – wie oben beschrieben: von Santiago weg in Richtung Süden. Von den verschiedenen Begegnungen hatte ich ja bereits geschrieben.

Was ich allerdings noch nicht erwähnt hatte, war die Tatsache, dass mir eigentlich schon zu Beginn der Reise klar war, dass ich es bei meinem „normalen“ Gehpensum von etwa 20 Kilometern am Tag (plus/minus 5) nicht schaffen würde, auch die kompletten 240 Kilometer bis nach Porto rechtzeitig bis zu meinem Rückflug zu Fuß zurückzulegen. Das bedeutete, dass ich an irgendeinem Punkt für eine große oder mehrere kleine Abschnitte auf Bus oder Bahn zurückgreifen musste.
Und genau das machte es bis zu einem gewissen Grad für mich schwierig – mir fehlte das große Ziel vor Augen, das nämlich jeder hat, der nach Santiago läuft. Der Weg ist das Ziel, heißt es so schön, und das Ziel ist der Weg. Oder auch: Ankommen, um dort zu sein. Wenn es denn immer so einfach wäre…

Denn bei mir war es eben anders. Ich war ja schon „am Ziel“ (zumindest dem der anderen) gewesen und lief nun um des Laufens willen – und hatte auch eine riesige Freude daran. Zumindest so lange wir ein bombiges Herbstwetter hatten (wolkenloser, strahlend-blauer Himmel und Sonnenschein) und die täglichen Strecken überwiegend auf Nebenstrassen und durch kleine Dörfchen verliefen. Was etwa vier Tage und 95 Kilometer der Fall war. Auch am fünften Tag noch, als ich zwei Tage vor meinem Rückflug in Valenca in den Zug stieg (eigentlich wäre ich gerne noch weiter auf dem Camino gegangen, aber die nächsten zwei Etappen hätten mich in irgendwelche Dörfer abseits jeglicher Busanbindung geführt).

Leider begann, während ich im so Zug saß, ein bis zu meinem Rückflug zwei Tage später nur durch wenige trockene Phasen unterbrochener Regenschauer. Im Regen eine Stadtbesichtigung machen (wie ich vorgehabt hatte) machte keinen Spass. Im Regen laufen auch nicht.

Wenn ich nun ein Ziel – wie z. B. Santiago – vor Augen gehabt hätte, hätte ich die widrigen Umstände in Kauf genommen und wäre trotzdem mehr oder weniger gut gelaunt  weiter gelaufen. Aber so fehlte mir irgendwie jeglicher Ansporn (wenn man mal von trockenen, sauberen Klamotten absieht, die so oder so zu Hause in Deutschland auf mich warteten) für jegliche Entscheidung und jegliche Handlungsalternative.

So deutlich wie durch dieses Erlebnis hatte ich noch nie erfahren, wie wichtig es ist klare Ziele vor Augen zu haben…

Herzlichst, Ihre Christina Bolte

Schwimmen gegen den Strom (2)

25 Okt

In meinem letzten Beitrag schrieb ich darüber, wie es mir auf meiner letzten Pilgerwanderung auf dem Jakobsweg erging, auf der ich vom Reiseziel der meisten Pilger startete um auf dem selben Weg „wieder zurück“ zu gehen.
Mein Motto war dabei „Der Weg zurück ins Leben“ oder vielmehr in meinen Alltag, denn die Menschen, die vor 800 Jahren eine Pilgerreise machten, konnten sich ja auch nicht einfach in ein Flugzeug setzen, um vom Ziel ihrer Pilgerreise wieder nach Hause zu kommen…

Spannend fand ich es aber auch, die Reaktionen der anderen Pilger wahrzunehmen, die ich grüßte während unserer kurzen Begegnung, wenn sie mir entgegen kamen, oder während einer etwas längeren Begegnung, wenn ich sie abends in den Herbergen traf (ich karikiere hier natürlich ein wenig, also bitte nicht ganz wörtlich nehmen).

Zunächst einmal gab es
Die Verunsicherten – oder auch: die Selbstzweifler:
Das sind die, die sofort verunsichert bis verwirrt ausschauten und anfingen, anhand irgendwelcher Wegmarkierungen oder der Beschreibung in ihrem Reiseführer zu überprüfen, ob sie möglicherweise falsch gingen. Denn wie wäre es sonst möglich, dass ihnen jemand entgegen kommt?

Die Selbstbewußten – oder auch: die Bestimmten:
Das genaue Gegenteil der Verunsicherten. Diese waren so felsenfest von der alleinigen Richtigkeit „ihres“ Weges überzeugt, dass sie mich sehr bestimmt darauf aufmerksam machten, wo es lang gingt – und das nicht etwa hilfsbereit-fragend, sondern fast schon befehlend. Daß andere Menschen möglicherweise andere Ziele oder andere Wege haben, schien ihnen eine neue Option zu sein.
Fragt sich nur, wer von uns ver-rückt war, oder?

Die Hilfsbereiten – oder auch: die Empathischen:
Dann gab es auch noch diejenigen Menschen, die mich – vor allem, als ich aufgrund einer fetten Schleimbeutelentzündung ziemlich stark humpelte – fragten, ob bei mir alles in Ordnung sei oder das Humpeln der Grund für mein Umdrehen sein. Dazu zähle ich auch die drei spanischen Hausfrauen, die mich am Morgen aufgrund meines schmerzverzerrten Gesichtes, etwa 8 km vor meiner Ankunft in Santiago fragten, ob ich nicht lieber einen Bus nehmen wollte (was natürlich einerseits mit meiner Pilgerehre nicht zu vereinbaren war und andererseits die Busse sowieso nur alle Jubeljahre mal fuhren).

Die Mißtrauischen (zum Glück war es nur einer):
In einer Herberge sagte mir doch tatsächlich jemand sinngemäß, vor Menschen wir mir (die den Jakobsweg zurück gingen) müsse man sich in Acht nehmen, denn sie seien suspekt oder hätten was zu verbergen – vor allem wenn sie einen Hund mit sich führen würden, was ich allerdings nicht hatte. [Zur Erklärung: es gibt einige wenige, die vom Jakobsweg den Absprung nach Hause nicht schaffen und quasi als Dauerpilger von einem Jakobsweg zum anderen ziehen – manche von diesen sind dann irgendwann in Begleitung von Hunden anzutreffen, weswegen sie dann keinen Zutritt mehr in die Pilgerherbergen bekommen]

Die Neugierigen – oder auch: die Weltoffenen:
Am meisten berührt haben mich ehrlich gesagt die beiden Begegnungen, wo mir ein entgegenkommender, dem Dialekt nach schätzungsweise amerikanischer Pilger einfach nur sagte bzw. fragte: „Oh, you’re going back?“ – so, als ob es die normalste Sache der Welt ist.
Oder die handvoll Gespräche mit Menschen, die sich nach meinen Motiven interessierten, warum ich zurück ging.
Das Attribut „neugierig“ ist daher für mich eindeutig positiv belegt, da es im wörtlichen Sinn einen gewissen Wissensdurst bestätigt und von Interesse zeugt.

Die breite Masse:
Das waren die vielen Menschen, sozusagen der Schwarm oder die Herde, die mit dem Strom schwimmen, die auf meinen Gruß (übrigens dem traditionellen Pilgergruß „Buen Camino“) ganz normal zurück grüßten.
Nur wenige von denen schauten leicht schräg, so als ob ich „keiner von ihnen“ sein könnte, es aber dennoch wagte, mich ihres Grußes zu bedienen.
Vielleicht war das aber auch nur meine eigene Interpretation. Denn dieser „Herde“ zugehörig war und fühlte ich mich auch in der Tat nicht, sondern eher so wie auf einer Art Kamera-Perspektive…

Und um abschliessend noch mal auf die im ersten Teil erwähnte Bemerkung meiner Bekannten zurückzukommen: Sooo einsam war der Camino dann doch nicht – für mich war der Weg voller Begegnungen, wenngleich diese auch nicht besonders lang waren.
Ich bin mir aber sicher, dass der oder die eine oder andere – ob bewusst oder unbewusst, direkt oder indirekt – durch diese unsere Begegnung, evtl. auch nur durch mein blosses Da-Sein, oder (im Fall der „längeren“ abendlichen Begegnungen) auch durch unsere Unterhaltung seinen Weg verändert fortgesetzt hat. So wie auch mich die eine oder andere Begegnung und dieses oder jenes Gespräch noch eine Weile in meinen Gedanken und auf meinem Weg begleitet hat.

Welche Hindernisse ich sonst noch so beim Schwimmen gegen den Strom zu überwinden hatte, lesen Sie im dritten Teil…