Vom Winde verweht…

28 Jul

Am Wochenende erzählte mir ein Bekannter, dass er derzeit aus persönlichem Interesse an den öffentlichen Prozesstagen im Fall Mollath teilnehme – und welche skurillen Begebenheiten sich in Zusammenhang damit für ihn ergeben hätten. Sei es, dass ohnehin bereits vor Offenlegung aller Tatsachen „alle“ (ich verallgemeinere an dieser Stelle ganz bewußt, um das ganze etwas zu veranschaulichen!) bereits wissen, was wann wie genau vorgefallen ist und überhaupt bereits vollkommen klar ist, wer in diesem Sachverhalt der Böse (wahlweise der Schuldige) ist. Sei es, dass durch das In-die-Welt-Setzen scheinbar wichtiger Gerüchte, die sich möglicherweise hinterher als unrichtig und darüber hinaus noch als belanglos erweisen, dieses Vor-Verurteilen bestimmter Sachverhalte auch noch beschleunigt wird.

Darauf hin fragte ich mich, warum es mir besonders zur Zeit immer öfters auffallen würde, auch gerade wieder in Zusammenhang mit dem Flugzeugabsturz in der Ukraine, dass immer häufiger der Menschheit bereits klar ist, was genau geschehen ist und wer für dafür verantwortlich ist, während doch die Ermittlungen alles andere als bereits abgeschlossen seien.
Natürlich ist das eine schreckliche Angelegenheit, da gibt es nichts zu diskutieren. Aber ich denke gerade in solchen (auch politisch) vertrackten Zeiten, sollte man sich mit voreiligen Urteilen wie „Die bösen Russen“ oder deren „idiotischer Präsident“ doch etwas zurückhalten.

Nicht nur, um nicht weiteren Haß oder weitere Aggressionen aufkeimen zu lassen – denn davon gibt es meines Erachtens (wie die diversen „Krisenherde“  beweisen) ohnehin schon genug auf dieser Welt – und dadurch weiteres Öl ins Feuer einer politisch angespannten Situation zu gießen. Sondern vor allem deshalb, weil es mich an diese

Chassidische Geschichte erinnert:

„Ein Mann verbreitete Lügen über seinen Rabbiner im ganzen Dorf. Später am Abend fühlte er sich doch schuldig, und merkte, dass das, was er getan hatte, nicht richtig war. Er ging zum Rabbi und bat ihn: ‚Rabbi, ich habe etwas Schlechtes getan, ich habe über dich im Dorf Lügen verbreitet. Wie kann ich es wieder gut machen? Ich will alles tun, was du mir sagst!‘
Der Rabbi antwortete: ‚Nun, geh nach Hause, öffne ein Daunenkissen und verstreue die Daunen im Wind.‘ Der Mann war erleichtert, die Aufgabe schien merkwürdig, aber nicht allzu schwer.

Nachdem er alles so getan hatte, wie der Rabbi ihm aufgetragen, kehrte er zu ihm zurück. ‚Und nun‘, so sagte der Rabbi, ’sammle alle Daunen wieder sorgfältig auf. Weder wirst du den Schaden, den deine üble Rede verursacht hast, wieder gutmachen können, noch jede der Federn aufsammeln können.‘ “ (als Quelle habe ich Martin Buber gefunden, für ähnliche Parabeln allerdings andere Quellen*)

So wichtig und verständlich ein individuelles wie kollektives Bedürfnis nach Sicherheit – in diesem Falle: sofort alle Fakten richtig einordnen zu können oder in Kategorien wie ‚Gut’/’Böse‘ oder ‚Schuldig’/’Unschuldig‘ zu verpacken – auch sein mag, so sehr sollte es uns trotz allem nicht dazu veranlassen, die Federn dem Wind zu überlassen und mit unseren Urteilen und Geschichten anderen Menschen einen dauerhaften Schaden zuzufügen.

In diesem Sinne wünsche ich mir (und uns allen) nicht nur von unseren Medien einen verantwortungsvollen Umgang mit der „Wahrheit“ – sondern auch, dass wir alle diese kleine Geschichte immer im Hinterkopf haben, wenn wir ‚etwas‘ über ‚jemanden‘ weiter erzählen.

Einen wahrhaft schönen Tag wünscht Ihnen

Ihre Christina Bolte

* Sollten Sie mit Sicherheit die richtige Quelle wissen, bitte ich um einen entsprechenden Hinweis, damit ich die Quellenangaben richtig stellen kann.

Advertisements

2 Antworten to “Vom Winde verweht…”

  1. Manuela Dreier 29. Juli 2014 um 15:07 #

    Liebe Christina,

    Zu Deiner Geschichte ist mir die Geschichte von den 3 Sieben eingefallen, falls Du sie nicht sowie so schon kennst, hier der Link

    http://www.zeitblueten.com/news/die-drei-siebe-des-sokrates/

    herzlichen Gruß

    Manuela

    • Wortakupressur by CB 29. Juli 2014 um 23:07 #

      Liebe Manuela,
      herzlichen Dank für den Link.
      Zwar kenne ich die „Drei Siebe des Sokrates“, aber ich wollte den Beitrag nicht überfrachten.
      Auch von dieser kleinen Geschichte können wir uns alle noch eine Scheibe abschneiden.

      Herzliche Grüsse
      Christina Bolte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: