Neues aus dem Sozialzoo (2): Zugehörigkeit & Herdentrieb

30 Nov

Vor allem in Zeiten der Globalisierung, wo berufliche (und auch geistige) Mobilität und Flexibilität gefordert sind, in Zeiten von Patchwork-Familien oder häufigen beruflichen Veränderungen ist es für Menschen ein wichtiges Thema, zu wissen, wohin man gehört.

Zugehörigkeit – innerhalb seiner Familie, seiner Nachbarschaft, eines Freundes- oder Kollegenkreises oder im Rahmen eines Vereins – gibt in diesen Fällen Halt, Stabilität und dadurch Sicherheit.

Zugehörigkeit gibt Sicherheit

Die Zugehörigkeit und Identität mit „seiner“ Gruppe lässt sich auf vielfältige Art und Weise zum Ausdruck bringen. Bei Jugendlichen kann es zum Beispiel sehr wichtig sein, nur noch Bekleidung und Accessoires bestimmter Marken oder Hersteller zu tragen, oder man hört die gleiche Art Musik, verwendet das gleiche Vokabular und pflegt die gleichen Rituale, wie beispielsweise den sonntäglichen Kirchgang oder den Stadien-Besuch bei den Heimspielen „seines“ Fussball-Clubs. Letztendlich ist das aber bei den Erwachsenen auch noch nicht viel anders, nur dass im Büro der Anzug zur Uniform der modernen Ritter und das Kaffeetrinken oder Handy-Zücken zum Ritual geworden ist.

Zu-gehörig-keit bedeutet aber im Allgemeinen auch, dass man sich an das anpasst, was sich im Rahmen der jeweiligen Gruppe „gehört“: Sei es durch Bekleidung oder durch Gepflogenheiten. Manchmal birgt dies allerdings auch nur scheinbare Sicherheit, zum Beispiel wenn man vor lauter Zu-gehörig-keit die eigenen Bedürfnisse über-hört.

So wie ich es selbst auch lange Zeit tat. Und so versuchte ich jahrzehntelang, den Lebensvisionen und dem Wertesystem anderer (in diesem Fall meiner Eltern, denn ich sollte es ja einmal gut haben) wie in einem Hamsterrad hinterher zu rennen. Oder ich folgte ehrgeizigen Freunden auf fast schon hochleistungs-sportliche Mountainbike-Touren. Und alles nur, weil ich glaubte, es wären meine eigenen Ziele und Werte. Bis ich zusammen­brach, körperlich wie emotional.

Der darauffolgende Prozess, die zerbrochenen Teile meiner Selbst wieder zu einem neuen Selbstbild zusammen zu setzen, dauerte Jahre. Wie ich mittlerweile erahnen kann, wird dieser Prozess des Sortierens und Zusammenpuzzeln auch noch (m)ein Leben lang anhalten. Jedenfalls lernte ich Stück für Stück zu sortieren, was MIR gut tut und was nicht. Musste lernen, meine Grenzen zu akzeptieren (was meinem Ego gar nicht gefiel), und anerkennen, dass mein bisheriges Lebenskonzept nicht mehr funktionierte. Mittlerweile kann ich sogar öffentlich dazu stehen! Was in einer Kultur wie der Deutschen, wo Scheitern anscheinend ein Drama ist, extrem gewöhnungsbedürftig ist. Denn während man in Amerika nach beispielsweise einer Insolvenz daraus lernt und wieder von vorne anfängt, habe ich den Eindruck, dass man in Deutschland in diesem Falle das Thema in der Tabu-Kiste versteckt und in einer Depression versinkt.

Jedenfalls durfte ich im Laufe dieses Prozesses erkennen, welche Bestandteile meines bisherigen Lebenskonzeptes mir nur von anderen (Eltern, Lehrer, Freunde wie auch Vorgesetzte) eingeimpft worden waren, und mich entscheiden, welche ich weiterhin auf meinem Lebensweg mitnehmen wollte.

Zwischendrin ereilte mich die Erkenntnis, dass ich – wie vermutlich alle Menschen – eigentlich eine große Grund-Sehnsucht habe: So anerkannt und geliebt zu werden wie ich bin. Was auch beinhaltet, anderen Menschen das gleiche Recht zuzugestehen.

Seither hat sich mein Leben deutlich vereinfacht, denn weder „muss“ ich seitdem immer Recht haben, noch „müssen“ andere Menschen meinem Bild entsprechen. Was übrigens auch die Partnersuche enorm vereinfacht hat: Denn wenn ich nicht die Erwartungshaltung habe, dass mein Traumpartner einem ganz konkreten Bild entspricht (das womöglich ein Ideal oder eine Illusion ist, die es überhaupt gar nicht gibt), ist die Auswahl an „vollkommenen“ Unperfekten einfach um ein Vielfaches größer!

Identität und Individualität

Um nun wieder auf das eingangs erwähnte Thema Zugehörigkeit zurückzukommen: Wenn ich sehe, dass sich junge Menschen auf der Suche nach ihrer eigenen Identität an das anpassen, was ihnen vom Umfeld vorgegeben wird, und dabei möglicherweise ihre wertvollen Eigenheiten, Fähigkeiten und Facetten unterdrücken, um einem Stereotyp eines perfekten…–  ja was eigentlich? Einer perfekten Arbeitskraft oder Leistungsmaschine?  – zu entsprechen, dann läuft in dieser unseren Gesellschaft einiges verdreht. Später erleiden diese angepassten nicht mehr ganz so jungen Menschen dann eine Identitätskrise nach der nächsten, steigen depressiv oder ausgebrannt aus dem Arbeits- oder sogar Leben komplett aus oder brauchen Jahre bis Jahrzehnte, um sich davon wieder zu erholen und sich selbst wieder zu finden.

Eckart von Hirschhausen sagte dazu auf einer seiner CDs: „Wenn Du als Pinguin geboren wurdest, wirst Du auch durch sieben Jahre Psychotherapie keine Giraffe“. Ja, wieso versuchen es dann so viele Menschen? Nicht dass ich Psychotherapie ablehne, aber es hilft halt auch nur einem Kind aus dem Brunnen, wenn es schon hineingefallen ist.

Wäre es nicht viel wünschenswerter, dass Jugendliche, wie es in anderen Kulturen üblich ist, eine Art Initiation ins Erwachsenen-Leben bekommen? Wo ein junger Mensch – anstatt dass er immer nur erfährt, wo er noch Abweichungen und „Defizite“ gegenüber der Norm hat und wie er „daran arbeiten“ kann – lieber entdecken und sich darüber klar werden kann, was er der sie Besonderes kann, was ihn der sie auszeichnet und welche dieser besonderen Fähigkeiten und Qualitäten er oder sie auf welche Art und Weise in die Gesellschaft einbringen kann?

Echte Zugehörigkeit zeichnet sich, wie ich finde, besonders dadurch aus, dass man trotz oder gerade mit dem, was der eine Marotte oder der andere Talent nennt, genau so sein darf wie man ist.

In diesem Sinne: Ich wünsche Ihnen und Dir einen gehörig guten Start in die Adventszeit…

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