Veränderungen sind Wege aus der Krise in die Kraft

20 Jul

Frisch gestärkt komme ich gerade aus dem Urlaub zurück, den ich im doch sehr katholischen Spanien auf dem Jakobsweg verbrachte. So blieb es nicht aus, doch an dem einen oder anderen Gottesdienst teilzunehmen, was mich vor allem beim Vaterunser regelmäßig bei dem Wort „Wiederauferstehung“ unwillkürlich an Ostern denken ließ, das alljährlich gefeierte Fest der Wiederauferstehung Jesu Christi. Was sicherlich mehr beinhaltet, als eierlegende oder klappernde Schmunzelhasen.

Unabhängig davon, ob Sie jetzt gläubig sind oder nicht, und die Auferstehung Jesu als wirkliches historisches oder theologisches Ereignis anerkennen können, fand ich bei Wikipedia  unter 1.4 Mehrdimensionalität der Ostertexte einen recht interessanten Aspekt beschrieben, nachdem die Auferstehung auch als Eröffnung einer neuen Zukunft für die Welt und Menschheit betrachtet werden könnte. 

Was ich spannend an diesem Aspekt finde, ist Folgendes: Obwohl das Ereignis der Wiederauferstehung Christi (so es denn stattgefunden hat) schon gute 2000 Jahre her ist, handelt es sich um ein ganz natürliches „Ritual“, das uns die Natur auch ohne den Einfluss des Menschen alljährlich zur Frühjahrszeit vorlebt.

Denn auch die Pflanzen ziehen sich im Winter zurück, um sich zu sammeln und sich vor den klimatischen Widrigkeiten der kalten Jahreszeit zu schützen, um dann im Frühjahr mit voller Kraft neu erblühen zu können. 

Genauso verhält es sich auch mit dem Schmetterling, der sich – geboren als haarige, kriechenden Raupe – auf dem Weg zum schönen, flatternden Schmetterling zunächst in die Puppe zurückzieht. Die Raupe, die sich satt und glücklich nur in kleinen „Schritten“ und mit begrenztem Radius auf ihrer Pflanze bewegt. Es ist immer genügend zu futtern vorhanden, sie ist umgeben von netten Kameraden, ein nettes Leben. Doch irgendwann fängt die Raupe an zu spinnen, dann zieht sie sich zurück in ihren Kokon, und es vollzieht sich in ihr eine Wandlung, sie absolviert eine Metamorphose. Und wenn die Zeit reif ist, wiederaufersteht – nein, kämpft sich – ein neues Wesen aus der Starre: Ein junger Schmetterling streckt – zunächst recht zaghaft und ziemlich zerknittert – seine zarten Flügel hervor und verlässt die Puppe. Und schöner als je zuvor flattert er von nun an durch die Welt – in einem viel größeren Aktionsradius, als es sich die Raupe je hätte träumen lassen.

Einen ähnlichen Veränderungsprozess wie der des Schmetterlings habe ich im letzten Monaten übrigens auch selbst durchlebt, auf dem Weg der Trennung von meinem langjährigen Arbeitgeber. Der Job, der mir lange Zeit Spaß gemacht hat und mich wie die Raupe auf der Pflanze gut genährt hat, war mir irgendwie zu eng geworden. Die Monate, die ich quasi im Stadium der Puppe verbracht habe, waren nicht wirklich angenehm – ich fühlte mich weder als Raupe noch als Schmetterling, sondern wörtlich wie im übertragenen Sinne wie das Häufchen braune, schleimige Masse in der Puppe. Was blieb mir anderes übrig, als mich dieser Zeit und diesem Prozess hinzugeben und darauf zu vertrauen, dass auch diese Phase irgendwann vorübergehen möge. Bis ich in der Nacht meines Ausstandes mitten in der Nacht aufwachte, mit dem dringenden Bedürfnis, meine Arme und Beine ganz lang auszustrecken, wie Flügel. 

Seitdem darf es leichter sein, und voller Elan und Tatendrang bekomme ich nun viele kleine Dinge erledigt, die ich lange vor mir her schob. Auf den großen weiten Aktionsradius, den ich nun dank meiner neuen Flügel entdecken darf, freue ich mich schon – und bin doch gleichzeitig erstaunt, wie schwierig und unüblich es in unserer heutigen Gesellschaft ist, sich auch die Zeit für den nötigen Rückzug einzuräumen.

Denn in einer Zeit wie dieser ist Abwarten so gar nicht gefragt, wie der etwas makabere aber dazu passenden Spruch beweist, den ich heute morgen auf Facebook las: „Project Manager is a person who thinks nine women can deliver a baby in one month” (Ein Projektmanager ist jemand, der denkt, neun Frauen könnten ein Baby in einem Monat auf die Welt bringen). Alles soll immer schneller und effizienter gehen, und am besten perfekt sein – der Schmetterling sollte idealerweise gleich als solcher auf die Welt kommen.

Und so erstaunt es auch nicht, dass es in der heutigen Gesellschaft mehr oder weniger auch als eine „Krise“ gilt (oder noch schlimmer: gar als „Scheitern“), mal nicht immer super schnell oder top-erfolgreich zu sein und 130 % Leistung zu bringen.

Deshalb überrascht es – wie ich finde – auch genauso wenig, dass in Zeiten wie diesen sich immer mehr Deutsche eine Auszeit nehmen und für mehrere Wochen auf dem Jakobsweg gehen. Der Wunsch und die Sehnsucht nach Langsamkeit, nach Entschleunigung kann dort besonders gut ausgelebt werden. Einen kleinen Eindruck dazu können Sie hier nachlesen.

Und so sehen in unserer schnelllebigen, von häufigen Veränderungsprozessen durchzogenen Zeit, die einen eine „Krise“, die alles bisherige auf den Kopf stellt. Die anderen jedoch sehen die Chance zum Rückzug, nehmen sich eine temporäre Auszeit, sammeln ihre Kräfte und schärfen ihr Profil. Der Sportler würde sagen „Anlauf nehmen“, um sich dann mit voller Kraft zu neuen Höchstleistungen aufzulaufen. Oder wie der Schmetterling – um sich mit einer neuen Leichtigkeit neuen Projekten, Kunden, Strategien oder was auch immer widmen zu können. 

Nicht umsonst sagt Otmar Wassermann: „Für unser Wort „Krise“ haben die Chinesen einen interessanten Ausdruck, Wei ji, zwei Worte: „Gefahr“ und „Gelegenheit“, also Gelegenheit zur Umkehr.“

Wichtig finde ich jedoch die Erkenntnis des österreichisch-amerikanischen Schriftstellers und Psychoanalytikers Bruno Bettelheim (1903-90): „Schicksalsschlägen kannst du im Leben nicht aus dem Weg gehen. Wichtig ist, wie du damit umgehst.“ 

Mit einem Zitat aus dem unten genannten Buch möchte ich für heute meinen Beitrag schließen

Gerade in der größten Verzweiflung hast Du die Chance,
Dein wahres Selbst zu finden.
[…]
Folge Deinem Instinkt wie einem Pfad der Weisheit,
und lass die Hoffnung Deine Ängste vertreiben.

Und wünsche Ihnen gutes Erwach(s)en durch Ihren nächsten Veränderungsprozess.

Herzlichst
Christina Bolte

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